07.12.1992

GroßbritannienZutiefst krank

Ist Sadomasochismus ein privates Sexspiel oder Körperverletzung? Das House of Lords, die höchste Gerichtsinstanz, muß entscheiden.
Bei der Sichtung der Videos in Scotland Yard wurde selbst abgebrühten Kriminalisten von der Sitte übel. Da schnitten Rasierklingen tief in männliche Geschlechtsteile. Hoden wurden mit Feilen und Sandpapier abgeschmirgelt, ein Penis mit einem dicken Nagel auf ein Brett gehämmert. Blut strömte derart üppig, daß für die Fahnder feststand: "Da hat es Tote gegeben."
Die Kassetten lösten Scotland Yards bis dahin größte Fahndung nach Sittlichkeitsverbrechern aus. Bei der Razzia unter dem Code "spanner" (Schraubenschlüssel) wurden 16 Männer gefaßt. Vorige Woche gelangte die Aktion Schraubenschlüssel vor das House of Lords, Britanniens höchste Gerichtsinstanz. Vor den adeligen Parlamentariern ging es allerdings nicht um Sexualverbrechen, sondern - so der liberale Guardian - "um die Zukunft der Gesellschaft selbst". Wie das?
Die vermeintlichen Sex-Unholde entpuppten sich im Verhör als ansonsten biedere Mittelständler. So agierten auf den bluttriefenden Videos ein Computerexperte, ein Rechtsanwalt und ein seit 26 Jahren verheirateter Feuerwehrmann. Was die Gentlemen verband, war ein exzentrisches Hobby: Sadomasochismus, kurz "SM".
Scotland Yard sah indes kein Sexspiel, sondern schwere Körperverletzung als erwiesen an und reichte die Affäre "spanner" an die Justiz weiter. Damit begann für die SM-Jünger ein Spießrutenlauf durch U-Haftzellen, Gerichtssäle und durch die Spalten der Klatschpresse.
Im Dezember 1990 wurden 15 der vom Yard geschnappten SM-Anhänger vor Gericht gestellt. Es gelte, so donnerte Richter Rant, "eine Linie zu ziehen zwischen dem, was für eine zivilisierte Gesellschaft akzeptabel ist und was nicht". Um das zu klären, bezog sich der Robenmann auf ein Gesetz über Körperverletzung aus dem Jahr 1861 und verknackte acht der Angeklagten zu Gefängnisstrafen bis zu viereinhalb Jahren.
Die Urteile (The Times: "Beunruhigender Präzedenzfall") entsetzten nicht nur das SM-Milieu, sie teilten praktisch die Nation in zwei Lager. Seither fechten die Lederfreunde, unterstützt von Bürgerrechtsbewegungen wie Liberty, in Talk-Shows und Demonstrationen für die Freiheit des Individuums auch im Sexualbereich. Das konservative Lager agitiert mit Flugblättern und von Kirchenkanzeln für den "Schutz vor sexueller Anarchie" - wie es der mächtige konservative "Orden für christliche Einheit" empfindet.
Der britischen Justiz, ohnehin verspottet und gescholten wegen ihrer Weltfremdheit, war bei dem Urteil nicht wohl. Sie erlaubte ein Berufungsverfahren. Im Februar senkte der Vorsitzende des Londoner Appellationsgerichts, Lord Lane, die Strafen, aber er blieb bei der Verurteilung. Damit ist Brutal-SM weiterhin kriminell.
Die Hoffnungen der britischen SM-Kultur richten sich jetzt auf das Rechtskomitee des Oberhauses, das aus fünf hochgradigen Juristen, den sogenannten Law Lords, besteht. Was die Parlamentarier beschließen - ihr Spruch wird für Anfang nächsten Jahres erwartet -, hat quasi Gesetzesrang.
Das mehrtägige Hearing im holzgetäfelten Komiteeraum 1 des Westminster-Palastes geriet zu einem Mittel aus Happening und Prozeß. Psychiater und mit Perücken und Roben herausgeputzte Anwälte gerieten über allerlei Bizarres aneinander: Auspeitschung von Lustsklaven und Gummidildos, durchbohrte Lippen und perforierte Brustnippel, "Genitaltraining" und schwarze Gummihäute.
Der Sadomasochismus erlebt derzeit im Königreich einen gewaltigen Boom; Spezialshops und Magazine florieren. Die SM-Szene versteckt sich nicht mehr. Dem Ruf des Trendmagazins Skin Two zu Londons erstem "Gummi-Fest" vorigen Monat folgten 2000 Sex-Libertiner - unter ihnen der Rolling Stone Mick Jagger und der Modestar Jean-Paul Gaultier.
700 Schwule und Lesben in Leder und Metall demonstrierten mitten in London, um die Lords für sich einzunehmen. Ein Marschierer, wegen eines durch die Unterlippe gezogenen Vorhängeschlosses leicht sprachbehindert, rief: "Boxer schlagen einander für Geld die Gesichter zu Brei. Warum sollen Peitschenschläge zwecks Orgasmus kriminell sein?"
Experten glauben, daß die Furcht vor Aids das Ausweichen in absonderliche Sex-Gefilde ohne gefährlichen Geschlechtsverkehr beflügelt. In Londons Telefonzellen hängen nun dicht an dicht Visitenkarten: "Strenge Mistress" bietet "unartigen Jungs" Hiebe.
Glenn Wilson vom Londoner Institut für Psychiatrie schätzt, kaum glaublich, daß 30 Prozent aller Briten sich im Schlafzimmer mit SM-Spielen antörnen. Für Joanna Bogle vom "Orden für christliche Einheit" ist der ganze Sado-Maso-Sex schlicht Symptom einer "zutiefst kranken Gesellschaft".
Der Londoner Independent dagegen sieht den Kern des Problems so: "Die Briten lieben es, für ihren Spaß zu leiden."

DER SPIEGEL 50/1992
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