07.12.1992

GentechnikPrägender Einfluß

Anzeigenkampagnen, Show-Diskussionen, politische Lobby-Arbeit - die Gentech-Industrie geht in die Offensive.
Den Hunger der Welt will sie stillen und die Geißel Krebs besiegen; in ihrem Bauchladen liegen immerdralle Tomaten und giftmüllschluckende Mikroben: Die Anhänger der Gentechnik locken seit einem Jahrzehnt mit "der Lösung zahlreicher Menschheitsprobleme" (so der Hoechst-Mitarbeiter Dieter Brauer).
Doch bisher stießen sie auf Mißtrauen. Die Manipulateure der Schöpfung stecken noch immer in einer Akzeptanzkrise. Vor allem in Deutschland, rügte die FAZ, hätten "ideologische Schwärmer" und bräsige Moralisten der "Schlüsseltechnologie" die Zukunft verhagelt. Das strenge Bonner "Gentechnik-Gesetz" vom Juni 1990 sei untragbar.
Solche Ansichten sollen nun unters Volk gebracht werden. Befürworter der umstrittenen Eingriffe ins Erbgut formieren sich zur Offensive, die Phalanx reicht bis zur SPD und zu den Gewerkschaften.
Besonders keck gibt sich der Verband der chemischen Industrie (VCI). Mit ganzseitigen Anzeigen in der Presse versucht die Organisation derzeit, dem verstockten Bürger die Technik des Erbgutschnipselns schmackhaft zu machen. "Eine pauschalisierte Verdammung", so VCI-Sprecher Manfred Ritz, sei "höchst gefährlich".
Für seine Werbekampagne konnte Ritz prominente Zeitgenossen aus Politik, Wirtschaft und Forschung einspannen. Der Münchner Molekularbiologe Ernst-Ludwig Winnacker etwa sieht die deutsche Forschung vom biotechnischen Knockout bedroht. Der Vorsitzende der Chemie-Gewerkschaft, Hermann Rappe, warnt vor der "Vernichtung von Arbeitsplätzen". Ohne Gentechnik, so das Fazit seines Werbetextes, werde der Bürger bald mit leerem Portmonnaie dastehen.
Auch die Frankfurter Aids-Forscherin Helga Rübsamen-Waigmann macht Reklame für den VCI. Ohne Erbgutmanipulation, meint sie, bestehe "kaum eine Chance, Aids zu bekämpfen". Als Interview-Gast im ZDF-"heute-journal" warf sich die Medizinerin letzte Woche in die Bresche: "Wir brauchen die Gentechnik ganz unbedingt."
Angesichts von soviel Not und Gefahr mochte die Bundesregierung nicht länger den Fortschritt blockieren. Das Gentechnik-Gesetz mit seinen bisher vergleichsweise strengen Sicherheitsauflagen soll in weiten Teilen weggefegt werden (SPIEGEL 46/1992). Gebhard Ziller, Staatssekretär im Forschungsministerium, kündigte an: "Der Morast der bürokratischen Prozeduren wird trockengelegt."
Der Zeitpunkt für den Image-Kreuzzug ist günstig gewählt. Angesichts der heraufziehenden Rezession wächst die Neigung, mögliche Gefahren zu verdrängen. Gleichzeitig drücken Genprodukte immer massiver aus den Labors hin zur Marktanwendung.
Regionalpolitiker erblicken in dem umstrittenen Industriezweig hoffnungsvoll den Brötchengeber der Zukunft. Der Kölner SPD-Bürgermeister Norbert Burger will am Stadtrand ein Forschungs- und Industriemekka für Gentechnologie errichten. Gemeinsam mit dem Bayer-Konzern lud er letzte Woche zu einer imagepflegenden Diskussion ein.
Studenten und Grünen-Vertreter, die den Kongreß mit Spruchbändern und einer Blockade störten, sehen sich mittlerweile beinahe auf verlorenem Posten. Überall knickt der Widerstand ein. Nach dem Schwenk der Gewerkschaften und der SPD steht die Ökopartei nunmehr allein da. Der Hauptvorstoß der Gentech-Industrie zielt auf Brüssel. Wer diese Gesetzesbastion nimmt, hat freies Spiel beim Marsch durch die nationalen Parlamente.
Um dem Akzeptanz-Feldzug mehr Dynamik zu verleihen, hat der Europäische Dachverband der Chemischen Industrie einen Stoßtrupp nach Brüssel vorgeschoben: Eine 70 Mann starke Lobby-Gruppe umschwirrt ständig die EG-Bürokraten. Die Industrie-Abgesandten flüstern ein, manipulieren, geben _(* Am Mittwoch letzter Woche. ) gute Ratschläge - alles Versuche, das Zentrum der Macht gleichsam am Stamm zu okulieren.
Die Beratungsdienste des Einbläser-Trupps, "Senior Advisory Group Biotechnology" (SAGB) genannt, werden gern in Anspruch genommen. "Bei uns arbeiten fast nur Volkswirte und Juristen", gibt ein EG-Mitarbeiter zu, "jedesmal, wenn es um Technik geht, geraten wir in Panik."
Nach Ansicht der Berliner Politologen Jürgen Kädtler und Hans-Hermann Hertle haben die SAGB-Wühlmäuse die Hyperbürokratie in Brüssel bereits weitgehend ausgehöhlt. In einer Studie beschreiben die beiden Wissenschaftler den "prägenden Einfluß der SAGB auf die praktische Politik der EG-Kommission".
Die Lobbyisten formulieren EG-Gesetzestexte vor und bestürmen die EG-Beamten mit Bergen von Info-Material. Die in mehrere Sprachen übersetzte EG-Broschüre "Biotechnologie für alle" beispielsweise stammt aus der PR-Abteilung der Firma Eli Lilly, eines US-Multis, der mit honigsüßen Genkartoffeln und manipuliertem Weizen experimentiert.
Wie eng verzahnt Industrie und Politik in Brüssel sind, zeigt auch die Karriere des SAGB-Chefs Brian Ager. Als ehemaliger Mitarbeiter der EG-Generaldirektion XII (Forschung) verfügt der Brite über ausgezeichnete Kontakte zu den Eurokraten.
Als einen der wichtigsten Erfolge der Lobbyisten werten die Berliner Autoren die Einrichtung des "Biotechnology Coordination Committee". Dieses EG-Gremium ist damit beschäftigt, die mit biotechnologischen Fragen betrauten Generaldirektionen III (Binnenmarkt), VI (Landwirtschaft), XI (Umwelt) und XII (Forschung) auf eine einheitliche Pro-Gentech-Position einzuschwören.
Die Einflußnahme blieb nicht ohne Erfolg. Viele Sonderregelungen für gentechnische Produkte wurden in den letzten Monaten außer Kraft gesetzt. So gelang es den Einbläsern, *___gentechnisch hergestellte Schädlingsbekämpfungsmittel ____von der strengen EG-Freisetzungsrichtlinie weitgehend ____abzukoppeln; *___die Patentierung von Genlebewesen (mit Ausnahme von ____menschlichem Erbgut) durchzudrücken; *___den EG-Bürokraten einen Entwurf über "neuartige ____Nahrung" anzudienen, der zum Einstieg ins gentechnische ____Schlaraffenland einlädt.
Auf Dauer werden, angesichts des machtvollen Industrie-Interesses, noch weitere Hemmnisse und Restriktionen fallen - in weltweitem Verbund. Die 70 Lobbyisten der Euro-Chemie stimmen ihre Brüsseler Strategien mit japanischen und amerikanischen Kollegen ab. Das zu diesem Zweck ins Leben gerufene "International Biotechnology Forum" ist möglicherweise die finanzkräftigste PR- und Lobby-Organisation der Welt.
Nationalfürsten wie Kohl und Mitterrand dürften sich durch das Brüsseler Laisser-faire kaum gestört fühlen. Anstatt selbst den im Volk mißliebigen Gentech-Durchmarsch verordnen zu müssen, können sie den Schwarzen Peter immer schön nach Brüssel schieben. Die EG-Bürokratie, schreiben Kädtler und Hertle, erfülle politisch zunehmend "die Funktion eines Blitzableiters".
* Am Mittwoch letzter Woche.

DER SPIEGEL 50/1992
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