07.12.1992

„Revolution auf Mädchenart“

Sie sind jung, laut und ordinär, sie bezeichnen sich als Schlampen und Biester und werben für Krawall: „Riot girls“ nennen sich die kreischenden Teenager. Sie machen postfeministische Rockmusik gegen sexuellen Mißbrauch, gegen Vergewaltigungen und gegen den zwanghaften, allgegenwärtigen Schönheitskult.
Manchmal ist es verdammt heiß da oben auf der Bühne, selbst wenn man nur Netzstrümpfe und ein Fetzenleibchen trägt. Die Bässe dröhnen, die Sängerin schwitzt: "Ich brauch'' doch euch nicht, um zu wissen, daß ich schön bin", schreit sie heiser in den Saal. Die Fans jubeln, sie wissen, was kommen muß, und sie tut es: Kathleen Hanna zieht die Bluse aus. Pink leuchtet der BH, und auf dem nackten Bauch erscheint die Selbstbezichtigung, die sie dort hingeschrieben hat: "Slut", steht da, Schlampe.
Biester, Furien, wild auf Aufruhr und Krawall. So soll man sie sehen. Fast nur Mädchen toben im Saal. Sie haben ihre Brandzeichen auf den Körper gemalt oder tätowiert, auf die Finger, die Stirn, das Stück bloße Haut zwischen kurzgeschorenem Haarschopf und Schmuddelhemd, zwischen löchrigem Saum und Springerstiefeln. Sperrmüllkleider wie die frühen Punks tragen sie gern, und wie diese lieben sie die Provokation. Sie sind "Riot girls", Krawallgören. Und was sie da machen, heißt "Revolution. Auf Mädchenart".
Energisch wie nie in der Geschichte der Rockmusik drängen junge Frauen auf die Bühne. "Girlism" nennt die Fachpresse das Phänomen - die Ära der wilden Mädchen. Ihr Humor ist hart, ihre Texte sind ruppig bis ordinär.
"Spar dir deinen Atem, den brauchst du noch für deine Gummibraut", grölt die Mädchenband "L 7", eine der führenden Kräfte dieser Rebellion. "Als ich _(* Mit den Postern: "Stigmatisier mich", ) _("Biest", "Keine Stimme". ) jung war, war ich eine Hure", kräht Courtney Love, die Sängerin von "Hole" (Loch). "Tote Männer vergewaltigen nicht", brüllt die Truppe "Seven Year Bitch": "Ich will eine Knarre, ich will sehen, wie du rennst."
Das klingt wie übersteuerte Begleitmusik zum Film "Thelma und Louise", in dem die Heldinnen zum Revolver greifen, um sich aufdringliche Kerle vom Leib zu halten - und genauso ist es gemeint: Die kreischenden Teenager mit ihrem Lärm gegen Mädchen-Mißbrauch sind die Postfeministinnen der Rockmusik. Sie hassen Männergewalt, sie wollen aber auch nichts mit grauverhärmten Emanzen zu tun haben. Lauter "zornige junge Mädchen" seien das, schrieb bewundernd USA Today.
Vorbei die Zeit, da erfolgreiche Mädchengruppen aus netten Frauen in Glitzerkleidern bestanden, die sich "The Angels" oder "The Charmettes" nannten und sich auch so benahmen. Echte Girlbands, in denen Frauen Baß oder Gitarre spielten oder am Schlagzeug saßen, hat es nicht viele gegeben. Karriere machten meist Einzelkämpferinnen wie Janis Joplin oder Patti Smith.
Und nun das. In der Subkultur, in den düsteren Klubs von Seattle, New York oder San Francisco, toben die Undergroundbands "Bratmobile" oder Kathleen Hannas "Bikini Kill", und als Speerspitzen der "Mädchenrevolution" rufen sie zum Separatismus auf: "Mädchen allein sind besser."
In New York, London oder Berlin spielt die arrivierte Fraktion, die richtig Geld verdient, in Combos wie "Babes in Toyland" (Kinder im Spielzeugland) oder "Hole" mit der Chefin Courtney Love - einer Schmuddelblondine, die meist im Baby-Doll-Kleidchen auftritt und aussehen möchte "wie eine 14jährige, die gerade vergewaltigt worden ist".
Die Botschaft heißt: Wir sind wütend, und wie. Sie haben sich ihre Subkultur geschaffen, mit Gruppentreffs und Aufrufen zur Mädchensolidarität. Und weil sie wissen, daß eine echte Revolution nicht nur im Saal stattfinden darf, trauen sich die Krawallmädchen nun auch unters normale Volk. "Eine Riot-girlaction", erklärt Cathy Walker, 16, aus San Francisco, "das ist, wenn du dir ,Vergewaltigt'' auf den Bauch schreibst und im Bikini durch die Einkaufspassage marschierst."
Mit den "Riot girls" artikuliere sich "die feministische Stimme der Videogeneration", vermutet Newsweek, und in der Tat - ein paar Lektionen über Medienwirkungen, über Öffentlichkeit und Show haben die Mädchen gelernt: Große Worte, tiefsinnige Reden will keiner hören. Bilder sind wichtig und gute Szenen. Wer weiblich ist, muß den Körper nutzen; Madonna macht es vor. Besser als 1000 Flugblätter wirkt die grelle Parole auf nackter Haut.
Theorien haben sie nicht, nicht einmal einen Traum von der Zukunft, Ideen, eine Utopie. Nur das Gefühl, "daß hier irgendwas ziemlich falsch läuft", wie das die Gruppe "Bratmobile" formuliert. Und ein paar Bücher, die ihnen wichtig sind, obwohl sie den Inhalt meistens bloß aus Talk-Shows und bunten Magazinen kennen: Susan Faludis Bestseller "Backlash", der den Kampf konservativer US-Männer gegen Frauenrechte beschreibt. Und Naomi Wolf, die mit ihrem düsteren Bild des "Schönheitswahns" und seiner Folgen nicht nur Feministinnen schockiert hat - ausführlich und bildhaft hat sie über Kinder berichtet, die sich den Körper operieren lassen, über Magersüchtige, über die 150 000 Amerikanerinnen, die sich pro Jahr zu Tode hungern.
"Wir sind mitten in einem Krieg der Geschlechter", folgert Wolf - und als habe sich die Wirklichkeit bemüht, die Bilder zu den Büchern zu liefern, standen dreimal in letzter Zeit berühmte Leute wegen mieser Geschichten vor Jurys und vor Gericht: erst Richter Thomas, dann William Kennedy Smith, dann Mike Tyson. Und aufgeregt und bigott wie immer debattierte die US-Öffentlichkeit über Vergewaltigungen, über sexuelle Belästigungen und wieviel Schuld eine Frau daran trägt, wenn ihr so etwas passiert.
Vor dem Fernseher saßen Mädchen wie Randy Jefferson, 17, Schülerin und Mittelklassekind. "Hey, das darf doch nicht wahr sein", habe sie beim Fall Kennedy gedacht, "da zeigst du jemand an wegen Vergewaltigung, und dann redet ganz Amerika über deinen Slip." Sie habe sich vorgestellt, sagt Randy, "wie ich mich fühlen würde in so einer Situation. Und da denkst du doch, was für ein beschissenes Leben ist das hier eigentlich?"
Bloß nicht groß werden, Frau sein, auch nicht Feministin - Feminismus ist öde und von gestern, klingt nach Langeweile und Politik. "Riot", das ist Verweigerung, das ist der Stolz auf die eigene, identitätsstiftende Wut - auf die Dinge, die einem passieren können, mit 14 oder 12 oder 5. Am eigenen Leib.
Es geht um das Begrapschtwerden von den Jungs in der Klasse, es geht um Ängste in der Nacht. Um Mißbrauch in der Kindheit, um Inzest, um Vergewaltigungen. Es geht um Magersucht und eben diesen Schönheitskult, der einen zum Hungern oder zum schlechten Gewissen zwingt, immer, ein Leben lang.
Es geht um Momente wie jenen, den die Krachband "Bikini Kill" überraschend sensibel suggeriert: "Daddy kommt nachts in ihr Zimmer. Er will mehr, als mit ihr reden."
Wenn es eine gemeinsame Überzeugung der Krawallmädchen gibt, dann die, daß es schmerzhaft und manchmal sogar lebensgefährlich ist, als Mädchen im modernen Amerika groß zu werden - auch in der scheinbar behütenden Mittelklassewelt.
Erwachsen werden ist schon immer schwierig gewesen, und Trotz und Wut gehören zum Jugendalter wie Pickel und Popmusik. Dazu gehört auch, etwas Neues "ganz fantastisch" zu finden, wie die Kalifornierin Sam Ott, 19, ihr erstes Konzert von "Bikini Kill". Und völlig normal, daß man dann nicht erklären kann, was da so fantastisch ist: "Ich sag'' nur, whow", sagt Sam, "lauter Mädchen und alle verrückt, da gehörst du dazu."
Die Sprachlosigkeit gibt sich, wenn die Mädchen unter sich kommunizieren. In der Subkultur kursieren "Fanzines", selbstgemachte Szenezeitungen. Die Blätter heißen Mädchenbazillus oder Hör auf zu heulen und sind Sprachrohre wütender junger Frauen. 12jährige schreiben da Gedichte, 14jährige Pamphlete gegen den Schönheitswahn, und manchmal klingt das, als ob die Welt aus Monstern bestehe, aus einer großen Verschwörung gegen alles, was jung und weiblich ist.
Aber dann wieder stehen da Briefe, die dürr und faktisch aus dem Leben erzählen, und mancher Beitrag wirkt, als öffne sich eine Autorin zum ersten Mal. Kleine Demütigungen, Szenen alltäglicher Brutalität: "Auf dem Heimweg von der Schule haben mir schon öfter Jungen aus der Highschool aufgelauert. Ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei. Wenn ich''s nicht zeige, würden sie mich vergewaltigen. Dann wüßten sie''s."
Geschichten von Mißbrauch, in krakeliger Mädchenschrift: "Er hat gesagt, ich sollte dankbar sein für das, was er da tat. Denn kein anderer Mann würde mich jemals mehr wollen."
Die Wut herauszuschreien hilft, und es ist wohl für viele wie für Randy, "als hätte die Popmusik zum ersten Mal das wirkliche Leben entdeckt". Es scheint, als vertrauten sie ihren Lieblingsgruppen und ihrer Subkultur mehr als ihren Lehrern, als erzählten sie Dinge, die sonst nur im Tagebuch stehen. "Manchmal, wenn man solche Briefe kriegt", sagt Kim Gordon von der gemischten Kultband "Sonic Youth", "dann ist das, als würde man einer 16jährigen direkt in den Kopf sehen."
Viel Bewunderung gibt es in diesen Köpfen für starke Frauen in der Rockmusik, für Patti Smith oder eben für Kim Gordon, die schon vor Jahren ein Lied über Karen Carpenter geschrieben hat, jenes Schlagermädchen, das ganz oben in der Hitparade war und Magersucht hatte und daran starb. Es heißt, einer der ersten Kritiker habe sich über ihre "dicken Hüften" mokiert.
Von schwarzen Rappern stammt die Idee, Haß und Beleidigungen in Arroganz zu verkehren, sich mit Wörtern zu wehren, Begriffe zu besetzen. Wer sich selbst diffamiert, den kann Verachtung nicht mehr verletzen. "Niggers with attitude", Nigger mit Stolz, nennt sich eine Rapgruppe in L.A. Eine Riot-Band an der Westküste hat sich "Cunts with attitude" getauft. Cunt heißt Möse.
Ohne Hemmungen haben sich die tobenden Gören bei den Zeichen und Accessoires des Punk bedient. Wie die Punks pflegen auch die Lärmmädchen die Liebe zum Haß und zum Häßlichen und halten das Prinzip des totalen musikalischen Amateurs hoch: "Wenn du was zu sagen hast, nimm dir eine Gitarre." Auch die schrägen Töne der Girlbands sind hart, schnell, dröhnend. Und wie bei den Punks geht es um mehr als Lärm und ein buntes Leben: So wie Sid Vicious oder Johnny Rotten einst gegen Staats- und Bullenterror anschrien, brüllt Kathleen Hanna gegen den Terror an, der den weiblichen Körper bedroht.
Nur: Echte "Riot girls" saufen nicht, sie schnorren nicht, sie kiffen nicht und sie essen kein Fleisch. Und: Es mag zwar sein, daß mal eine Gruppe bekanntgibt, sie "hasse den Kapitalismus in all seinen Formen", doch eigentlich wollen die Mädels gar nicht die Anarchie. "Das beste", sagt Jessica Hopper, 16, in ihrem Fanzine Hit it or Quit it (Steig richtig ein oder laß es bleiben), sei "ein gesunder Lebensstil."
Sie verkünden Mädchenpower und Solidarität und Separatismus, aber ganz so ernst, wie sie tun, meinen sie es nicht. Kein "Riot girl" braucht den Männern völlig abzuschwören. In den Fanzines ist auch Platz, wie bei Jessica Hopper, für Liebeserklärungen an "unheimlich süße Bassisten".
* Mit den Postern: "Stigmatisier mich", "Biest", "Keine Stimme".

DER SPIEGEL 50/1992
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