07.12.1992

Dolmetsch der vollen Pulle

Was, beim blanken Hans, hat sich der wackere Schweizer gedacht, als er den düsteren Romantiker der See, den englischen Romancier Joseph Conrad, partiell zum deutschen Vulgärblöker machte? Der Zürcher Schriftsteller Urs Widmer übersetzte, für die neue 22bändige Conrad-Ausgabe des Haffmans-Verlages, als Auftakt das "Herz der Finsternis" - und dem Leser dünkt, er sei "am Arsch der Welt". So nämlich dolmetscht Widmer die Conrad-Worte "the very end of the world"; und "I was amazed" wird auch nicht besser: "Ich war von den Socken." Dies alles, auch "volle Pulle", "scheiß der Hund drauf", wird einem Erzähler unterschoben, der nie "die Sau rausließ", vielmehr im finsteren Herzen Afrikas spätviktorianisch stilvoll blieb. Warum also die derben Knoten in dem klassischen, sonst klasse übersetzten Seemansgarn? Widmer will Conrad "konkreter, irdischer" machen, der geneigte Leser aber wird zum geknickten.

DER SPIEGEL 50/1992
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