07.12.1992

ModeAbschied vom Sack

Für Männer bricht das Ende der Geräumigkeit an: Der Trend geht zur „schmalen Optik“.
Lange meinte es die Mode gut mit fülligen Männern. Vom leicht Übergewichtigen bis hin zum Großtrommelträger, wie der deutsche Konstitutionstypologe Ernst Kretschmer Herren mit Ballonbauch nannte, fanden sie ausreichend Platz in weit dimensionierten Jacken und der bequemen Bundfaltenhose mit dem Ziehharmonika-Effekt.
Doch jetzt, nach Jahren modisch weiter Großraum-Couture, wird's eng: In der Männermode kommt die große Schnittwende, der Abschied vom Sack: "Die Hose verzichtet auf überflüssige Weiten, das Sakko ist antailliert, die Silhouette des Anzugs entspricht dem Körperbau." So lautet die Kampfansage der Trend-Seismographen vom Deutschen Institut für Herrenmode. "Die Linie", so das Fazit ihrer Beobachtungen auf den Modemessen von Mailand und Paris, "wird wieder schlank."
Auch der Dreiknopf-Einreiher kehrt zurück, jene körpernahe Jacke, die schachtelhalmartig gewachsenen Figuren wie Björn Engholm so vorteilhaft steht, aber keinesfalls den barocken Leib kleidet - siehe Helmut Kohl, dessen Sackos mit "Dreiknopf-Front" (Schneider-Jargon) jedes seiner 260 Pfunde sichtbar machen.
Avantgardistische Modeschöpfer wie der ziegenbärtige Japaner Yohji Yamamoto propagieren sogar schon den Vierknöpfer, der mit seiner langen Knopfleiste und den hohen, schmalen Revers an Opas Bratenrock erinnert. Dazu paßt die konisch geschnittene Hose ohne Bundfalte, deren Länge im Hochwasserbereich liegt.
"Schwere Zeiten für den korpulenteren Mann", prophezeite das amerikanische Fachmagazin Men's Wear nach Einsicht in die Kollektionsvorlagen für 1993. Fazit: "Schmale, puristische Linien, back to the sixties", in denen der eingezwängte "Knotenmann" zum Inbegriff einer nicht nur modisch verklemmten Männergeneration wurde. "Ist dieser Weg zurück der richtige?" fragte das Blatt.
Jawohl, antwortet in seltener Einmütigkeit die Gilde der Herrenkonfektionäre: "Eindeutiges Votum für deutlich reduzierte Schenkel- und Fußweite bei der Einzelhose, modellierte bis sehr schmale Silhouetten in der Anzug/ Sakko-Kollektion", empfiehlt der Herrenbekleider Hugo Boss, der den Mann mit dem gepflegten Geldbeutel anzieht.
Und weil sie gerade beim Ummodeln sind, verpassen die Modemacher den Männern noch eine Reihe weiterer Änderungen. Geht es nach ihren Vorgaben, müssen 1993 in einem a la mode gefüllten Kleiderschrank parat hängen: seidene Selbstbinder in "dreidimensionaler Optik" und Strickkrawatten (Branchenspott: "Kälberstrick"), Hemden mit "großrapportigen" oder kleinen Karos in "Micro, Tattersall oder Vichy", dazu einige bundgerade geschnittene Westen in "pudrig hellen Altrosatönen", Pullover in "Patchwork-Art" sowie der längst vergessen geglaubte Dufflecoat, dem bislang allenfalls einige altlinke Oberstudienräte etwas abgewinnen konnten.
Erst seit etwa 25 Jahren muß der Mann mit dem Wechsel leben, bis in die sechziger Jahre änderten sich die Schnittmuster nur langsam, Hosen-Träger hatten es gut. Seither variiert auch die Herrenmode in kurzen Intervallen. Doch selten hat sich ein Umschwung derart jäh und radikal vollzogen wie jetzt mit dem Trend zur "schmalen Optik", wie der Spaghetti-Look im Branchendeutsch heißt.
Der Grund: Nachdem sich die dem Biotop alternativer Latz- und Karottenhosenträger entsprungene Oversize-Mode durchgesetzt hat und selbst berufsmäßige Konservative wie Banker oder Konzernherren breiter geschnittene Anzugjoppen und -hosen tragen, stagniert der Umsatz im Bereich der "City Wear".
Beschwörend ringen Herrenausstatter wie der Hamburger Wolfgang Joop um "den Mann, den ich kleiden will": Er soll "ganz neu" sein und "wild am Herzen: Beherzt und selbstbewußt schafft er sich Realität".
Doch dem Normalmenschen fehlt dazu oft der Mut. Die Minderheit der "Eitelhengste" (Branchen-Jargon) ausgenommen, kauft sich der Mann ein neues Gewand mittlerweile nur noch zu festlichen Anlässen wie Hochzeiten oder als Ersatz für Abgetragenes.
Dabei wird er, sehr zum Leidwesen der Herrenbekleider, mehrheitlich noch immer von seiner Frau beaufsichtigt - um, so die alte Verkäufererfahrung, am Mann das Geld einzusparen, das sie für sich selber ausgeben will. Mit vereinten Anstrengungen will die Gemeinschaft der Top-Designer und der Massenkonfektionäre die schmale Modelinie durchsetzen und so die weiblich dominierten Kaufmuffel zum Nachrüsten animieren.
"Das brauchst du nicht, so was Ähnliches hast du doch schon" - dieses an der Verkaufsfront viel gehörte und noch mehr gehaßte Frauenargument "muß jetzt weggeputzt werden", so der Geschäftsführer eines Hamburger Herrenausstatters: "Es muß endlich was Neues in die Vitrine."
Im Sommer kamen die ersten Vorläufer der Schmalhosen in die Geschäfte, ihr Markterfolg ist bescheiden. Skeptisch bemerkte das Fachblatt Textil-Wirtschaft, die Akzeptanz der neuen Schnitte, die besonders schlanke Herrenkörper erfordern, sei "mäßig".

DER SPIEGEL 50/1992
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