07.12.1992

TourismusMit Preßluft in die Römerzeit

Der einzige archäologische Unterwasserpark der Welt erlaubt tauchenden Touristen einen Blick in die Vergangenheit des Hafens von Caesarea.
Die Besucher sind sprachlos, der Fremdenführer muß sich auf Gesten beschränken. Dafür fehlt das übliche Gedränge, die Szene ist still und nur indirekt beleuchtet - der Parcours durch die Sehenswürdigkeiten findet unter Wasser statt: Im flaschengrünen Licht von fünf Metern Tiefe schweben die Touristen, ausgestattet mit Gummianzug, Flossen und Taucherbrille, über den Trümmern des Hafens von Caesarea.
Hier suchen Froschmenschen nicht Korallenwälder oder die Schönheit der Delphine wie in Israels Taucherparadies am Golf von Akaba, das jährlich Tausende von Deutschen anlockt. In Caesarea ermöglicht die schwerelose Fischperspektive zwischen silbriger Meeresoberfläche und sandigem Grund Einblick in die Vergangenheit.
Die ehemalige Hauptstadt Palästinas war einst Sitz römischer Statthalter, hier regierte unter anderem Pontius Pilatus. Heute gehört die antike Siedlung, 45 Kilometer nördlich von Tel Aviv, zu den Metropolen des organisierten Fremdenverkehrs. Reiseführer preisen die Architektur des Amphitheaters, führen durch die rekonstruierten Gewölbe aus Kreuzfahrer-Zeiten und verweisen in der Nähe einer luxuriösen Hotelanlage stolz auf "Israels einzigen Golfplatz".
Die verblüffenden Leistungen jahrtausendealter Ingenieursarbeit blieben bisher jedoch unter der leichten Dünung des Mittelmeers verborgen, der Hafen von Caesarea, der im flachen Wasser der Küste versank, war nur Forschern und Spezialisten zugänglich. Das hat sich nun geändert: Tauchende Touristen können im einzigen archäologischen Unterwasserpark der Welt einen Blick in die maritime Vergangenheit werfen - mit Preßluft in die Römerzeit.
Attraktionen, die von religiösen und territorialen Auseinandersetzungen ablenken, kann das kleine Morgenland gut gebrauchen. Der Fremdenverkehr, in Israel eine der wichtigsten Einnahmequellen, fiel zur Golfkriegszeit aus. In der friedlichen Zeit des Jahres 1991 hatten sich dann noch immerhin 84 000 deutsche Studien- und Strandurlauber zu den Rundreisen zwischen Wüste, Wasser und heiligen Stätten gewagt. In diesem Jahr sind die Besucherzahlen gestiegen, aber der Rekord von 1987, als 182 000 Bundesbürger kamen, ist noch nicht wieder erreicht.
Da wurde Caesarea gerade zur rechten Zeit touristisch hergerichtet. Außerhalb des modernen Hafenbeckens sind unter Wasser mit weißen Leinen drei Routen gekennzeichnet, numerierte Bojen markieren 25 Fundstellen, und eine wasserfeste Broschüre gibt dazu die nötigen Erklärungen - Besucher können sich auch ohne sachkundige Helfer zurechtfinden. So offenbart der Museumsprospekt am Meeresgrund überwachsene Trümmer als versunkene Promenaden, gibt Hinweis auf bleierne Abwassersysteme und tönerne Amphorenscherben.
In der leichten Strömung türmen sich Geröll- und Felsbrocken, einst Wellenbrecher für den Hafen. Ein paar Flossenschläge weiter schwimmt der Unterwassertourist über behauene Quader, Fundamente der beiden gewaltigen Wachtürme: Aussparungen im Stein zeigen, wo Eisenklammern die tragenden Elemente verbanden.
Das für die damalige Zeit unglaubliche Tempo der Fertigstellung von Caesarea beweist den Ehrgeiz seines Erbauers: Herodes der Große, König Judäas (37 bis 4 v. Chr.), der die Siedlung von Roms Herrscher Augustus großzügig als Geschenk erhielt, revanchierte sich, indem er den bis dahin unbedeutenden Ankerplatz innerhalb von zwölf Jahren zu einer prunkvollen Metropole umbaute, einschließlich Amphitheater und Pferderennbahn.
Dem Regenten der damaligen Supermacht schmeichelte er nicht nur mit einem Tempel und einem Standbild - Caesar zu Ehren nannte er die Stadt Caesarea.
Der Ort, den sich König Herodes für seinen monumentalen Kniefall vor Augustus ausgesucht hatte, war denkbar schlecht gewählt. Der sandige Untergrund machte besondere Fundamente nötig; Trinkwasser mußte per Aquädukt aus den Karmelbergen herangeschafft werden, und für den Hafen fehlte jeder natürliche Schutz einer Bucht oder Halbinsel.
Herodes aber ließ sich nicht beeindrucken von den Widrigkeiten der Natur; er engagierte die besten Ingenieure Roms, die eine Lösung fanden: Zunächst ließen sie, um die Gewalt der Wogen zu bremsen, noch außerhalb des geplanten Hafens Geröll aufschütten. Dahinter trieben sie zwei schützende Molen in das bis zu sechs Meter tiefe Wasser.
Die Aufgabe erforderte nicht nur enorme Felsmassen, sondern vor allem Erfindergeist, um einen neuen Werkstoff zu entwickeln: Unter Wasser abbindender Beton wurde in Blöcke von bis zu 50 Tonnen Gewicht gegossen. Die Zutaten für die innovative Bautechnik wurden wahrscheinlich auch aus Rom importiert - Holz für die Schalungen und Vulkanasche vom Vesuv, das entscheidende Bindemittel für hydraulischen Zement.
"Die hölzerne Form wurde an Land gebaut wie ein rechteckiger Schleppkahn, zu Wasser gebracht und teilweise mit hydraulischem Zement gefüllt", beschreibt Awner Raban vom Zentrum für Maritime Studien an der Universität Haifa das Verfahren. "Anschließend wurde die Holzform zum Bauplatz geschleppt und mit zusätzlichem Schotter zum Sinken gebracht."
Die beiden so entstandenen Molen, 270 und 550 Meter lang, wurden oberhalb der Wasserlinie mit Steinplatten belegt, Zollhaus, Leuchtturm und Warenlager säumten die Kais. "Herodes ließ bis zur Tiefe von 20 Ellen Felsblöcke von gewaltiger Größe ins Meer senken, von denen die meisten 50 Fuß lang, 18 Fuß breit und 9 Fuß hoch waren", notierte voller Staunen der Historiker Flavius Josephus, der im ersten Jahrhundert den Hafen beschrieb: Dem König "gelang ein äußerst schwieriges und mühevolles Werk".
Das ist nicht übertrieben. Die Mauern auf dem Meeresboden haben Fluten und Stürme überdauert, der geschickte Umgang mit Beton ist deutlich erkenn- und erfaßbar. Am Fuß eines solchen Quaders legt Jossi Tur-Caspa, 51, die ursprünglichen Holzschalungen frei. Der Grabungsleiter zeigt auf die in Zement eingebackenen Reste der Bretterböden, Balkengevierte und Verstrebungen. "Solide römische Zimmermannsarbeit", notiert er per Fettstift auf seinem Plastikbord.
Ein paar Schwimmstöße weiter hat der gelernte Geograph für die Unterwassertouristen eine kleine Ausstellung nautischen Geräts arrangiert: Ein halbes Dutzend antiker Anker zeigt die Entwicklung vom primitiven durchbohrten Steingewicht über hellenistische und arabische Typen bis zum modernen Eisengerät, einem Admiralitätsanker mit zwei zugespitzten Schaufeln und beweglichem Querholm.
Eines der schönsten Museumsstücke freilich fehlt noch in der Sammlung. Sehr zum Leidwesen des Unterwasserarchäologen hat sich die Antiquität so gut gehalten, daß sie auch heute ihrem ursprünglichen Zweck dient: "Die Fischerboote hinter der modernen Hafenmole Caesareas", erzählt Jossi, "machen noch immer an einem mächtigen römischen Steinanker fest." Geschätztes Alter: 2000 Jahre.

DER SPIEGEL 50/1992
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