21.12.1992

SomaliaKonkreter Feind

Ernüchterung nach dem Jubel: Die US-Soldaten schalten die bewaffneten Banden nicht aus.
Der oberste Befehlshaber liebt es, die Weihnachtszeit bei der Truppe zu verbringen. Zünftig, mit Buschhut und in Hemdsärmeln, hatte er vor zwei Jahren seine Krieger besucht, die in Saudi-Arabien zum Wüstensturm auf den Kuweit-Räuber Saddam Hussein bereitstanden. In diesem Jahr zieht es George Bush zu seinen Soldaten nach Somalia.
Dort will der scheidende US-Präsident den Marineinfanteristen für einen Einsatz danken, der für Amerika (und Bushs Bild in der Geschichte) offenbar fast genauso wichtig ist wie für das geplagte afrikanische Land. Es würde "die Seele unserer Nation verletzen", wenn die USA den Hungernden in Somalia nicht zu Hilfe kämen, hatte Bush die Intervention begründet: "Die Geschichte ruft uns wieder einmal auf, die Führung zu übernehmen."
Doch knapp zwei Wochen nach der Landung der Marines im Scheinwerferlicht der TV-Kameras erweist sich, daß die militärische Intervention im Namen des Weltgewissens vertrackter ist, als die Strategen zuerst gedacht hatten. "In einem Krieg", doziert der ehemalige Außenminister Henry Kissinger, "gibt es einen konkreten Feind. In Somalia ist der Gegner schwieriger zu packen: Hunger und Chaos."
Erleichtert erlebten die Amerikaner zwar zu Hause am Bildschirm mit, daß ihre Truppen auf keinerlei Widerstand stießen; Verluste gab es nicht. Aber der Jubel, mit dem die Somalis die Fremden in Mogadischu begrüßt hatten, verflog schnell. Die von Gangs terrorisierte Bevölkerung beobachtete enttäuscht, daß die Marines wenig Wert darauf legten, sich mit den Banden anzulegen und sie zu entwaffnen.
"Als die Marines kamen, flohen die Banditen entweder in den Busch oder vergruben ihre Waffen", sagte Scheich Ali Hadsch Jussuf, ein religiöser Führer und Klan-Ältester. "Aber jetzt graben sie sie wieder aus. Nach 17 Uhr traut sich niemand mehr auf die Straße, aus Angst vor den Räubern."
Langsam kehrte der Terror in die Städte und Dörfer Somalias zurück. In Bardera stürmten Bewaffnete eine Krankenstation des Internationalen Roten Kreuzes für Hungeropfer und verwundeten neun Patienten, darunter zwei Kinder. Rivalisierende Klans beschossen sich in der Hafenstadt Kismayo.
In Mogadischu trugen somalische Jugendliche offen ihre Faustfeuerwaffen und automatischen Gewehre, nur wenige hundert Meter von den amerikanischen Stellungen entfernt. Die US-Soldaten ließen sie gewähren, obwohl die Raubüberfälle wieder zunahmen. Banditen stahlen Reportern Kameras und töteten im Norden der Stadt mehrere Menschen. Heckenschützen beschossen nachts das Hauptquartier der französischen Truppen.
Wenige Kilometer hinter der Hungerstadt Baidoa erlebten die US-Soldaten schlimmste Not. Waren sie zuvor in den Städten wie Erlöser begrüßt worden, so trafen sie dort auf teilnahmslose Dorfbewohner. Die Menschen waren zu schwach, um sich über einen Konvoi der Hilfsorganisation Care zu freuen, der unter Militärschutz durchgekommen war. Zuweilen plünderten Bewaffnete die zurückgelassenen Lebensmittel schon wenige Stunden nach dem Durchmarsch der Marines.
Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali forderte deshalb vorige Woche die US-Truppen auf, härter durchzugreifen: "Nach Meinung des Sicherheitsrates ist die Entwaffnung eine Voraussetzung, um Frieden zu schaffen."
Die Franzosen, die etwa 2000 Mann nach Somalia entsandt haben, teilen Ghalis Ansicht. Aber der Sprecher der US-Truppen in Somalia erklärte: "Wir sind nicht hier, um das somalische Volk zu entwaffnen." Das sei "niemals Teil der Mission" gewesen, bekräftigte Bush-Sprecher Marlin Fitzwater in Washington.
Die Amerikaner fürchten, in Scharmützel verwickelt zu werden; sie wollen als Helfer, nicht als Besatzer auftreten. Tatsächlich wäre es schwierig, Hunderttausenden Somalis ihre Gewehre und Maschinenpistolen wegzunehmen, ohne Attentate und Hinterhalte zu riskieren.
Außerhalb der wie Inseln wirkenden Sicherheitszonen der Amerikaner und ihrer Verbündeten herrscht wie eh und je das Recht des Stärkeren. "Wie können Ruhe und Ordnung hergestellt werden, wenn die Waffen nicht beschlagnahmt werden?" fragt Abdullah Ahmed Addou, ein ehemaliger Botschafter Somalias in den USA.
Mitglieder der Hilfsorganisationen in Somalia überlegen schon, wie sie das Kriegsgerät ohne Gewaltanwendung aus dem Verkehr ziehen könnten: Den zumeist jugendlichen Kämpfern sollen die Waffen gegen Nahrungsmittel oder Kat - das begehrte einheimische Rauschmittel - abgehandelt werden. Doch an manchen Orten sind die US-Soldaten eifriger dabei, den Kat-Konsum zu unterbinden, als Waffen zu beschlagnahmen.
Das anhaltende Chaos könnte die Amerikaner zwingen, noch lange über das Ende der Bush-Amtszeit hinaus in Somalia zu bleiben. Denn Ghali will sich weigern, die alliierte Streitmacht durch eine Uno-Friedensmission abzulösen, solange Bewaffnete die Straßen verunsichern.
Von Washingtoner Regierungsstellen wollte der Kongreßabgeordnete Toby Roth Ende voriger Woche wissen, ob sie garantieren könnten, daß in einem Jahr keine US-Truppen mehr in Somalia stünden. Sie konnten es nicht.
Den Abgeordneten befiel daraufhin eine düstere Ahnung: "Somalia ist kein Uno-Problem", fürchtete er, "aber es wird rasch zu einem US-Problem."

DER SPIEGEL 52/1992
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