21.12.1992

BalkanFäuste runter

Die Nato schreckt weiterhin vor militärischer Gewalt zurück. Bosniens Serben wollen verhandeln - aus einer Position der Stärke.
Die geheime Operation trägt den Namen "Winterschlaf". Sie sieht vor, die Kampfhandlungen einzufrieren und das bereits eroberte Territorium - immerhin 70 Prozent Bosniens - militärisch zu sichern. Auf die Einnahme der Hauptstadt Sarajevo wird vorerst verzichtet.
Nur die Artillerie-Stellungen um die seit acht Monaten eingekesselte Metropole, meinen die "Winterschlaf"-Strategen, müßten mit allen Mitteln gehalten werden. Eine mögliche "Gegenoffensive der islamischen Fundamentalisten" könne dadurch bereits im Keim erstickt werden.
So sehen militärische Gedankenspiele aus, die der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, 47, vorige Woche in Belgrad seinen politischen Protektoren unterbreitete: dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic und dem Präsidenten Rumpf-Jugoslawiens, Dobrica Cosic. Bei dem Spitzentreffen, zu dem auch der Generalstab der jugoslawischen Bundesarmee geladen war, kamen die serbischen Kriegsherren zu dem Schluß, es gelte nunmehr, ihren Raubfeldzug in Bosnien vor der Weltöffentlichkeit förmlich für beendet zu erklären.
Auf diese Weise lasse sich die Gefahr einer militärischen Intervention durch die Nato abwenden. Auch könne die plötzliche Friedensbereitschaft die bosnischen Moslems und Kroaten in die Klemme bringen: Die großen Landverluste erlaubten es ihnen nicht, am Verhandlungstisch den Status quo zu akzeptieren. Der Druck der Bevölkerung auf die Regierungen in Sarajevo und Zagreb sei so groß, daß beide den Krieg fortsetzen müßten, um ihre bisherige militärische Niederlage zu vertuschen.
Karadzic erschien denn auch drehbuchgerecht als weihnachtlicher Friedensengel vor der internationalen Presse in Belgrad: Seine Serben, so tönte er, verzichteten von nun an "auf alle militärischen Mittel zur Krisenlösung in Bosnien".
Dann griff er zu einem weniger friedlichen Bild: "Das ist ungefähr so, wie wenn ein Boxer im Ring plötzlich die Fäuste senkt und sich weigert, weiterzukämpfen." Die Schiedsrichterrolle im Krieg um Bosnien wies er den Vereinten Nationen und jenen Politikern zu, "welche die Geschicke der Welt bestimmen".
Für die Uno, die Nato und die EG mußte diese scheinheilige Erklärung wie eine Verhöhnung klingen. Mochte der Westen noch so oft mit militärischer Gewalt als Mittel gegen den Krieg drohen - die Unfähigkeit, das Morden auf dem Balkan zu beenden, ist eine der größten diplomatischen Pleiten der Nachkriegszeit.
Nur abgedankte Größen wie Amerikas Ronald Reagan und Englands Margaret Thatcher entwarfen im Geist Straffeldzüge gegen die Aggressoren: "Ein Angriffskrieg der Serben", urteilte Thatcher über den Bosnien-Konflikt. "Und wir im Westen haben den Aggressor bisher sogar noch unterstützt." Sie empfahl, Belgrad bis zum 20. Dezember ein Ultimatum zu stellen - dann müsse Westeuropa militärisch in Bosnien intervenieren, so wie die USA es gegen den Irak am Golf vorexerziert hatten.
Doch das ist nur ein Krieg der Worte - solcher Interventions-Aktivismus wird im Brüsseler Nato-Hauptquartier nach wie vor abgelehnt. Nach mehrtägigen Beratungen in den Nato-Gremien mußten die Außenminister der 16 Nato-Staaten Ende voriger Woche abermals einräumen, daß sie vor einem bewaffneten Einsatz zurückzucken.
Zuvor hatte Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali bei Nato-Generalsekretär Manfred Wörner schriftlich um Unterstützung gebeten: Die Allianz solle das von der Uno verhängte Flugverbot über Bosnien mit Waffengewalt durchsetzen. Über 200 Flüge von serbischen Kampfmaschinen hatten Uno-Beobachter bis dahin gezählt. Wörner war bereit, zu tun, "was nötig ist". Was aber ist nötig?
Nicht einmal in der Grundsatzfrage, ob überhaupt militärische Gewalt statt Diplomatie eingesetzt werden sollte, gab es Konsens. Die Nato zeigte dieselbe Schwäche wie zuvor die unzähligen Jugoslawien-Konferenzen der EG- und KSZE-Staaten.
Während sich die USA, Holland und Deutschland für die gewaltsame Beendigung der Aggression aussprachen, plädierten vor allem Großbritannien, Kanada und Frankreich für Zurückhaltung. Besonders die Briten fürchten, ein Luftkrieg gegen die Serben - für die Nato relativ risikolos - werde Vergeltungsaktionen gegen ihre Blauhelmsoldaten am Boden nach sich ziehen. Premier John Major begehrte die Zusage seiner Partner, in einem solchen Fall massiv zurückzuschlagen. Doch die Vorstellung, in einen unberechenbaren Bodenkrieg in den verschneiten bosnischen Bergen verwickelt zu werden, ist für die meisten Nato-Länder ein Alptraum.
Das Dilemma wurde wieder einmal vertagt. Fortgesetztes Zaudern könnte die Serben zur nächsten Eskalation ermuntern: Greift die internationale Staatengemeinschaft nicht in Bosnien ein, wird den "ethnischen Säuberungen", der Vorstufe zum systematischen Genozid, weiterhin freier Lauf gelassen, dann könnte sich die serbische Expansion auf das mehrheitlich albanisch besiedelte Kosovo ausdehnen - und auf die von der EG noch nicht einmal anerkannte Republik Mazedonien. Ein Flächenbrand auf dem Balkan wäre nicht mehr zu verhindern, für ein Eingreifen wäre es zu spät.
Das befürchten der mazedonische Präsident Kiro Gligorov und sein kosovo-albanischer Amtskollege im Untergrund, Ibrahim Rugova, schon lange. Griechenland hat bereits auf eigene Faust vorgesorgt, ohne Absprache mit den westlichen Verbündeten. Vorige Woche verlegte Athen 44 zusätzliche Bataillone, um seine Kräfte an der mazedonischen Grenze auf 60 000 Mann zu erhöhen.
Bosniens Präsident Alija Izetbegovic traut den serbischen "Winterschlaf"-Strategen, die plötzlich Friedenswillen signalisieren, nicht über den Weg. Er warnt vor einem einseitigen Waffenstillstand mit den Serben. In der kroatischen Tageszeitung Slobodna Dalmacija plädiert er vielmehr erneut für eine Schicksals- und Kampfgemeinschaft zwischen Bosnien und Kroatien. Als Folge, so der Präsident, seien Grenzkorrekturen nicht ausgeschlossen.
Albanien mißtraut inzwischen allen Verhandlungen zwischen seinen nördlichen Nachbarn: Als erster Staat Osteuropas beantragte Tirana die Vollmitgliedschaft in der Nato.
"Die Anstrengungen der internationalen Staatengemeinschaft waren bisher ziemlich bescheiden", sagt Albaniens Präsident Sali Berisha. Bleibe Europa weiterhin so tatenlos, werde "ein neuer Krieg auf dem Balkan sehr wahrscheinlich".

DER SPIEGEL 52/1992
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