21.12.1992

SüdafrikaLetztes Gelöbnis

Der geheimnisvolle „Bruderbund“, eine Organisation eingefleischter Buren, kämpft um den Erhalt seiner Macht.
Jedes Jahr am 16. Dezember um die Mittagszeit schlägt die Stunde der Weihe: Dann fällt die Sonne in einem genau berechneten Winkel durch eine Öffnung in der mächtigen Kuppel des Voortrekker-Denkmals, das sich trutzig auf einem Hügel bei Pretoria erhebt. Der Lichtstrahl erhellt die auf einem Marmorgrabmal eingemeißelten Worte: "Ons vir jou, Suid-Afrika" (Wir für dich, Südafrika).
Hunderttausende sind seit mehr als vier Jahrzehnten am "Tag des Gelöbnisses" zum Schrein der Buren gepilgert, um ihrer Vorfahren zu gedenken und die Einheit des Afrikaaner-Volks zu beschwören. Höhepunkt der Wallfahrt ist die Wiederholung des Gelübdes, das die Voortrekker 1838 sprachen, bevor sie in die Schlacht gegen eine schwarze Übermacht zogen.
Eine kleine Schar von 530 Buren schlug damals die 12 500 Krieger des Zulu-Herrschers Dingane. Das Blut der Gefallenen färbte den Ncome-Fluß rot, der seither "Blood River" heißt; seit 1910 ist der 16. Dezember in ganz Südafrika gesetzlicher Feiertag.
Am Mittwoch voriger Woche aber mißriet die Besinnung. Wohl sangen und beteten die Traditionalisten wie eh und je. Doch in Grahamstown, einer Stadt der östlichen Kap-Provinz, versammelte Pfarrer Strauss de Jager einige hundert Anhänger zu einem neuen Eid. "Der alte Schwur", so der liberal gesinnte Geistliche, "ist zu engstirniger Gefühlsduselei verkommen."
In Kempton Park bei Johannesburg marschierten dagegen uniformierte Ultrarechte zum "letzten Gelöbnis" auf. Eugene Terre Blanche, Chef der "Afrikaaner Widerstandsbewegung", rief zum Kampf bis zum Tod: "Ihr müßt eure Gewehre reinigen. Ich werde Gott bitten, selbst das Kommando zu übernehmen. Man hat uns den Krieg erklärt."
154 Jahre nach der Schlacht am Blutfluß ist Südafrikas weißer Stamm der Buren zerstritten wie nie. Jetzt, wo die Epoche ihrer Vorherrschaft zu Ende geht, fürchten viele der über drei Millionen afrikaanssprachigen Weißen um ihre Zukunft. "Wir müssen uns den schweren Weg, den wir gehen, erst durchs Dickicht schlagen, wie einst unsere Vorfahren", sagt Pieter de Lange.
Der zierliche, weißhaarige de Lange, 66, emeritierter Didaktik-Professor und früherer Rektor der Rand Afrikaans University in Johannesburg, gilt als einer der einflußreichsten Männer im Burenstaat: Seit neun Jahren ist er Vorsitzender des "Afrikaner Broederbond", jener machtvollen Geheimorganisation, die bis heute die Politik Südafrikas weitgehend bestimmt.
Junge Afrikaaner, die sich von den englischsprachigen Weißen unterdrückt und verachtet fühlten, hatten den Bruderbund 1918 gegründet, ursprünglich als kulturellen Verein. Schon bald entwickelte sich der Bund (Motto: "Seid stark") zur politischen Interessenvertretung des Burentums. "Der Schlüssel zur Lösung der Probleme Südafrikas ist, daß der Bund in Südafrika herrscht", forderte 1934 der damalige Chef der Verschworenen, J. C. van Rooy.
Doch erst nach dem Wahlsieg der Nationalen Partei 1948 konnten die Afrikaaner, die etwa 60 Prozent der weißen Bevölkerung am Kap ausmachen, die Regierungsgewalt übernehmen. Der erste Premierminister der Nationalen Partei, der kalvinistische Prediger Daniel Malan, zeichnete sich durch alttestamentliches Sendungsbewußtsein aus: "Afrikaanertum ist nicht Menschenwerk, sondern eine Schöpfung Gottes", verkündete er.
Malan war, wie alle seine Nachfolger - Strijdom, Verwoerd, Vorster, Botha und jetzt de Klerk -, Mitglied des Bruderbunds.
In der Verwaltung, den staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen, in Armee und Polizei, in Schulen und Kirchen - überall besetzten "Brüder" höchste Positionen. Auch heute, trotz dramatischer Veränderungen in Südafrika, lassen die Geheimbündler nicht von der Macht. Rund 80 Prozent der hohen Verwaltungsbeamten sowie etwa drei Viertel der Abgeordneten der regierenden Nationalen Partei (NP) gehören dem Eliteklub an.
Von den 17 höchsten Militärs sind 15 dem Bund verbunden. Nur 3 Minister zählen nicht dazu: Finanzminister Derek Keys und Energieminister George Bartlett bleiben ausgeschlossen, weil sie englischstämmig sind; Gesundheitsministerin Rina Venter ist zwar burischer Herkunft, aber eine Frau.
Nur wer reinrassiger Bure, männlichen Geschlechts, treuer Kirchgänger und in einem für den Bund opportunen Beruf beschäftigt ist, hat die Chance, auserwählt zu werden. Wer eine englischsprachige Frau geheiratet hat oder geschieden ist, bleibt draußen.
In einem feierlichen Ritual mit Kerzenlicht und südafrikanischer Fahne werden neue Mitglieder aufgenommen; sie schwören, "der Nation der Afrikaaner durch den Bruderbund zu dienen". Die Mitglieder sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
Dennoch blieb die Burenlobby von Verrat nicht verschont: Ende der siebziger Jahre übergab ein Abtrünniger der Johannesburger Zeitung Sunday Times vertrauliche Bruderbund-Mitteilungen. Das aus dem Material entstandene Buch "Die Super-Afrikaaner" war schnell vergriffen, im Anhang publizierte es 3000 Namen - von damals knapp 12 000 Mitgliedern.
Nach der Enthüllung verschärfte der Bund seine Sicherheitsbestimmungen. "Heute werden die geheimen Zirkulare bei den monatlichen Treffen verlesen und danach vor den Augen der Versammelten verbrannt", sagt Hans Strydom, Autor des Bestsellers, der an einem zweiten Band arbeitet.
Über Jahrzehnte hatten die Vordenker des Burentums die Apartheid zielstrebig ausgebaut - bis sie vor ein paar Jahren erkannten, daß sie das Land in eine Sackgasse geführt hatten.
1987 gelangte ein Memorandum an die Öffentlichkeit, die sich mit dem "Überleben der Afrikaaner" beschäftigte. Es war ein Plädoyer für die Teilung der Macht mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit; die Apostel der Apartheid hatten sich in Herolde der Reform verwandelt.
"Wir können die Interessen der weißen Afrikaaner nicht länger isoliert vertreten", sagt Chef-Bündler de Lange: "Wir haben eingesehen, daß das weiße Machtmonopol nicht länger zu halten und auch moralisch nicht länger zu rechtfertigen ist." Mit dem Segen des Bruderbunds konnte Präsident Frederik Willem de Klerk - der 1964 mit 28 Jahren aufgenommen worden war - am 2. Februar 1990 im Parlament das Ende der Apartheid ankündigen.
Die Wende stürzte die Buren in eine Zerreißprobe. Rechte Weiße ächten Präsident de Klerk als Verräter, liberale trauen seiner Lauterkeit nicht: "Mit der Hand auf der Bibel wurde er als Mitglied einer Organisation eingeschworen, die Menschen nach Rasse, Geschlecht, Sprache, Religion und sozialer Herkunft diskriminiert", argumentiert Bruderbund-Autor Strydom. "Als Präsident ist er angetreten, dem Land eine neue demokratische Verfassung zu geben. De Klerk muß sich entscheiden."
Die Strategie des Bundes, der heute nahezu 20 000 Mitglieder hat, ist auf das eigene Überleben ausgerichtet: "Er will die Kontrolle behalten, auch wenn er die Macht mit den Schwarzen teilen muß", so Sampie Terreblanche, Professor an der Universität Stellenbosch, der bis 1989 selbst dem Bruderbund angehörte.
Trotzdem könnte es bald mit der mächtigen Organisation zu Ende gehen. Selbst in der Nationalen Partei wächst Kritik an den Machenschaften der Oberburen: "Wie können wir als Partei ernst genommen werden, wenn wir uns allen Rassen öffnen, aber weiterhin von einer geheimen Machtclique beherrscht werden?" fragt Humphries du Randt, NP-Politiker aus Port Elizabeth.
Und auch die schwarze Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) unter Nelson Mandela zweifelt am Reformwillen der Brüder. ANC-Vorstandsmitglied Mac Maharaj warnt: "Der Bund hat in einem neuen Südafrika keinen Platz, solange er geheim, rassistisch und sexistisch ist."

DER SPIEGEL 52/1992
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