21.12.1992

KosmologieAsyl für den Herrgott

Auf dem Weltkongreß der Kosmologen in San Francisco ging es um letzte Fragen: Bietet das wissenschaftliche Universum einen Platz für Gott?
Sicher, es ist bei ihnen gelegentlich, halb im Scherz, von "Gottes seltsamen Grillen" die Rede, wenn sich die Natur so gar nicht den physikalischen Gesetzen fügen will. In optimistischeren Momenten träumen sie von einem T-Shirt mit der Weltformel des Schöpfers darauf.
Meist aber sprechen die Kosmologen doch lieber von der Eichgruppe supersymmetrischer Quantenfeldtheorien, streiten sich um den Wert der Hubblekonstante und lassen Gott dabei aus dem Spiel.
Verrückte Genies, die Antworten auf die schwierigsten und überflüssigsten aller Fragen suchen; gleichzeitig aber auch eine neue Art von Priestern, die mit ihren Teleskopen, Parallelcomputern und Pfadintegralen in Dialog mit Gott treten: An diesen Ruf haben sich die rund 700 führenden Kosmologen gewöhnt, die sich in der letzten Woche in _(* Bibelillustration von Julius Schnorr ) _(von Carolsfeld (1860). ) San Francisco, wie alle zwei Jahre, zum sogenannten Texas-Symposium trafen.
Die computergenerierte Stimme des gelähmten britischen Kosmologen Stephen Hawking sprach darüber, ob die Zeit in einem wieder schrumpfenden Universum rückwärts laufen würde; die esoterische Sekte der Quantenkosmologen hatte gerade eine neue Methode entdeckt, Welten aus Quantenschleifen zu erschaffen; die Astronomen stritten sich darüber, ob Galaxien eher in Form von Schweizer Käse oder von Schwämmen verklumpen.
Am meisten aber begeisterten sich die Weltraumergründer über den Schnappschuß vom Urknall, den der Forschungssatellit Cobe im Frühjahr zur Erde gefunkt hatte (SPIEGEL 19/1992). Damit war den Kosmologen erstmals ein Blick in die Werkstatt des Schöpfers gelungen: Das Bild zeigt deutliche Flecken in der kosmischen Hintergrundstrahlung, die gleichsam ein Echo des Urknalls darstellt. Diese Flecken sind Spuren winziger Dichteunterschiede in der Frühzeit des Universums. Später entstanden daraus Galaxien, Galaxienhaufen und Superhaufen.
Was Wunder, daß die Entdeckung die Physiker von einer "neuen kopernikanischen Revolution" träumen läßt. Denn das Cobe-Bild bestätigt die Vorhersagen einer Theorie, nach der alle beobachteten Sterne und Galaxien nichts als eine Art Schaumkrone viel gewaltigerer Ansammlungen von ganz andersartiger, unsichtbarer Materie sind.
Über 90 Prozent des Universums wären demnach noch unentdeckt. Nachdem die Astronomie die Erde, die ehedem als Mittelpunkt des Universums betrachtet worden war, in irgendeinen unscheinbaren Winkel des Kosmos verbannt hatte, beginnt die Kosmologie, nun auch Atome und Moleküle zur bloßen Randerscheinung eines Universums aus ganz anderem Stoff zu degradieren.
Einige der Welterschütterer aber sind offenbar aus ihrem revolutionären Taumel aufgeschreckt: In England hat sie jemand ernst genommen. "Um Gottes Willen, feuert die Urknallbrigade" und: "Stoppt sie jetzt", forderten dort die Schlagzeilen - eine Gruppe von Journalisten um Bernard Levin von der Londoner Times sieht Gott von der Neugier der Forscher bedroht.
Sind Teilchenphysik und Kosmologie nicht nur weltfremde Spinnerei? Wird die Wissenschaft vom All immer wieder das Weltbild erschüttern? Braucht der Herrgott Asyl vor dem Zugriff der Forscher? Wo bleibt Platz für göttlichen Willen, wenn die Physik mit ihren Erklärungen bis zum Augenblick der Schöpfung vordringt?
Der vatikanische Astronom und Jesuitenpater William Stoeger ist bemüht, eine Synthese von biblischer Genesis und Urknall zu finden: "Die Erkenntnis des Urknalls", so verteidigt er seine kosmologischen Kollegen, "hat das Bild Gottes nur veredelt." Er und eine Delegation der Himmelstürmer, interdisziplinär und hochkarätig besetzt, stellten sich in San Francisco auf einer öffentlichen Diskussion am Rande des Texas-Symposiums den Fragen nach den Folgen ihrer Erkenntnisse.
Doch je mehr sich die Wissenschaftlerriege mühte, in ihrer Welt der Superstrings und galaktischen Attraktoren noch Schlupfwinkel für den göttlichen Willen zu finden, desto deutlicher wurde, wie rar die Chancen dafür sind. "Für Gott bleibt ja noch die Möglichkeit, die Gesetze zu schaffen, die die Welt regieren", schlug der britische Kosmologe Paul Davies vor. "Und seit dem Akt der Schöpfung dreht er Däumchen?" mußte er sich darauf fragen lassen.
Dabei haben die Physiker auch diese letzte Bastion, den Schöpfungsakt selbst, längst im Visier. Schon heute haben sie sich mit ihrem Wissen bis auf eine Sekunde an den Urknall herangetastet. Damals entstanden aus einer zehn Milliarden Grad heißen Suppe aus Quarks und Gluonen die Grundbausteine der Sterne: die Atomkerne von Wasserstoff, Deuterium und Helium. Nur die extrem hochenergetischen Ereignisse in der ersten Sekunde des Weltalls entziehen sich noch der Erforschung durch die Teilchenbeschleuniger.
Doch ehrgeizige Theoretiker wollen auch noch die Rätsel dieser ersten Sekunde lösen. Sie suchen nach der Weltformel, dem Beweis, daß das real existierende Universum das einzig mathematisch mögliche ist. "Wir werden dazu noch viele grundlegend neue Ideen brauchen", erklärt der britische Mathematiker Roger Penrose. "Aber ich bin sicher: Diese Ideen werden kommen."
"Dann hat Gott also das einzige Universum geschaffen, das ihm die Mathematik zu schaffen gestattete", folgerte spitzzüngig die Philosophin Nancy Murphy. "Damit wäre er von der Mathematik besiegt."
* Bibelillustration von Julius Schnorr von Carolsfeld (1860).

DER SPIEGEL 52/1992
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