21.12.1992

MedizinHilfe vom Fötus

Schwedische und amerikanische Chirurgen melden Erfolge im Kampf gegen die Schüttellähmung: Sie pflanzen ihren Patienten Hirnzellen von Embryonen ein.
In Schanghai fand Robert Iacona, was er für seine Patienten brauchte: menschliches Fötenhirn. "In ausreichender Menge, und jederzeit frisch zu erhalten", wie er sagt.
Noch im heimatlichen Kalifornien hatte der Neurochirurg bei fünf seiner Patienten mit Parkinsonscher Schüttellähmung kleine Löcher in die Schädeldecke gebohrt, auf jeder Seite eines. Dann hatte er 1,2 Millimeter dicke Kunststoffkanülen durch die Großhirnrinde bis in eine darunterliegende Hirnregion namens Putamen gestoßen und die Öffnungen anschließend vernäht.
Mit so durchlöchertem Hirn flogen die fünf Amerikaner nach China. Dort zerschnitt Neurochirurg Iacona gemeinsam mit seinem chinesischen Kollegen Tang Zhensheng abgetriebene Föten, präparierte ihnen das Mittelhirn heraus und füllte es durch die vorbereiteten Kanülen ins Hirn seiner Patienten (siehe Grafik).
Seither, so versichert Iacona, haben sich die für Parkinson-Kranke typischen Sprech- und Bewegungsstörungen deutlich verringert. Seine Patienten gehen nicht mehr wie vor der Operation vornübergebeugt, und sie fallen kaum mehr um.
Wunderheilung oder Gruselgeschichte? Erfolgsmeldungen wie die des amerikanisch-chinesischen Transplantationsreisenden Iacona sind immer wieder auf Neurologenkongressen zu hören. Weltweit erhielten bisher mindestens 300 Parkinson-Patienten solche fötalen Hirnzelltransplantate. Doch bisher stieß die neue Zunft der Fötaltransplanteure mit ihren Berichten von spektakulären Heilungen zumeist auf großes Mißtrauen.
Jetzt veröffentlichten schwedische und amerikanische Wissenschaftler im New England Journal of Medicine erstmals drei Studien, die auch unter Skeptikern als Beleg für Therapieerfolge gewertet werden. An der Universitätsklinik im schwedischen Lund und an den amerikanischen Universitäten in Denver und New Haven wurden bei insgesamt 13 Patienten Hirnzellen abgetriebener Föten implantiert. Bis zu vier Jahre lang verfolgten die Ärzte den Zustand der Kranken: *___Im Laufe des ersten halben Jahres nach der Operation ____gingen die Lähmungen bei 10 der 13 Patienten zurück. ____Seither blieb ihr Zustand gleichbleibend besser als vor ____der Operation. *___Bei keinem der Patienten konnte die Krankheit völlig ____geheilt werden. Alle benötigen auch weiterhin das ____Medikament L-Dopa. Keiner der Behandelten erlangte die ____Beweglichkeit zurück, die er vor der Krankheit gehabt ____hatte. *___Für eine breitere Einführung der Technik ist es zu ____früh. Der Erfolg hängt wesentlich von der Art ab, wie ____die Transplantation ausgeführt wird. Hauptziel der ____medizinischen Forschung ist es jetzt, die ____Überlebensrate der transplantierten Zellen im fremden ____Hirn zu erhöhen.
Seit langem liebäugeln Chirurgen mit der Verpflanzung fötalen Gewebes. Denn embryonale Zellen gelten als optimale Transplantate: Sie sind noch undifferenziert und können sich deshalb den neuen Bedingungen im Organismus des Empfängers anpassen. Zugleich haben sie erst wenige molekulare Merkmale, die vom Immunsystem des Empfängers als fremd erkannt werden, und lösen deshalb nur eine relativ schwache Immunreaktion aus.
Das steigerte die Hoffnungen ins Unermeßliche. Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time sprach von den "wundertätigen Fähigkeiten" fötaler Zellen, Newsweek hielt gar für denkbar, daß sie "Millionen von Menschenleben retten".
Gleichzeitig aber fragen Kritiker: Dürfen abgetriebene Embryonen als Heilmittel verwendet werden? Und soll Hirn im Hirn anderer fortleben dürfen? Gerade darauf aber setzen die Neurochirurgen ihre Hoffnungen.
Die Fähigkeit des embryonalen Gewebes, sich im Zellgestrüpp eines fremden Hirns zurechtzufinden und dort zu verschalten, macht seine Verpflanzung für all diejenigen Krankheiten attraktiv, bei denen Nervenzellen im Hirn verkümmern. Das ist der Fall bei der Alzheimerschen Krankheit, bei welcher der Zelltod im Hirn zu Gedächtnisausfällen führt; bei Chorea-Huntington-Patienten, die infolge des Todes bestimmter Neurone unwillkürliche tanzartige Bewegungen machen - und bei der Parkinson-Krankheit.
Rund 200 000 überwiegend alte Menschen in Deutschland leiden unter dieser über viele Jahre langsam fortschreitenden Krankheit. Erst werden ihre Bewegungen kaum merklich langsamer, dazwischen gibt es Phasen ruheloser unwillkürlicher Bewegungen.
Dann spüren sie, wie ihre Arme und Beine zu zittern beginnen. Ihr Gesicht erstarrt zur Maske. Die Hände verkrampfen sich. Aus den Mundwinkeln läuft Speichel.
Das Schüttelleiden beruht auf einer noch unerklärten Verkümmerung der Substantia nigra, eines Zellhaufens im Hirnstamm. Zellen dieser Hirnregion produzieren den Botenstoff Dopamin und schütten ihn im Putamen aus, einer Schaltstelle für die Bewegungssteuerung. Stirbt dieser Zellhaufen ab, so verstummt das Putamen, abgeschnitten von der Dopaminversorgung - der Mensch erstarrt.
Zwar läßt sich der Verlauf der Parkinsonschen Krankheit medikamentös hinauszögern. Aufhalten läßt er sich nicht. Das Medikament L-Dopa nutzen die verbliebenen Restzellen in den absterbenden Hirnstammregionen zur Überproduktion von Dopamin. Irgendwann aber läßt sich der fortschreitende Zelltod nicht mehr ausgleichen: "Austherapierte" Patienten, bei denen Medikamente nicht mehr wirken, verfallen in hilflos zitternde Starre.
Embryonenhirn könnte sie womöglich daraus erwecken. Die deutlichsten Erfolge meldet die Gruppe von Olle Lindvall in Lund bei zwei Patienten aus Kalifornien. Vor zehn Jahren hatten sich die beiden verunreinigtes synthetisches Heroin gespritzt. Am nächsten Morgen erwachten sie wie gelähmt und unfähig zu sprechen - das Gift hatte Zellen der Substantia nigra im Hirnstamm abgetötet. Sieben Jahre lang lebten die beiden Kranken, bei vollem Bewußtsein, in einem unkontrolliert ruckenden Körper.
Seit zwei Jahren können sie wieder selbständig essen, baden, sich anziehen und sogar Fahrrad fahren. Seither leben in ihrem Hirn, verwachsen mit den Neuronen ihres Putamens, die Nervenzellen eines Embryonen und produzieren dort Dopamin.
Noch ist unklar: Gewebe aus wie vielen Föten sollte implantiert werden, um die beste Wirkung zu erreichen? Wie alt sollten die Föten sein? Und welches ist der beste Ort für die Ansiedlung? Wie verschalten sich die embryonalen Nervenzellen im fremden Gehirn? Und werden sie dort auch länger als zwei Jahre überleben können?
Derartige Fragen wollen Neurochirurgen aus 13 europäischen Ländern beantworten, die sich im letzten Monat im dänischen Sjandberg trafen. Bei insgesamt rund 100 Patienten haben sie die umstrittene Transplantation erprobt.
Auch Siegfried Vogel gehört dazu. Noch vor der deutschen Vereinigung hat er an der Berliner Charite vier Parkinson-Patienten fötales Hirngewebe implantiert. Er hat es nicht wie die schwedischen und amerikanischen Ärzte durch einen Katheter ins Hirn seiner Patienten eingeführt. Vogel öffnete vielmehr die Schädeldecke und schnitt unter dem Operationsmikroskop einen feinen Schlitz durch den Balken zwischen den beiden Hirnhälften.
Dann sezierte er einen frischen Fötus und deponierte dessen Nervengewebe im Putamen seiner Patienten. Schon jeweils 14 Minuten nach der Abtreibung war das fötale Gewebe im Hirn der Parkinson-Kranken verschwunden.
Bei zwei von ihnen hat sich die Starre nachhaltig gelöst, bei einem änderte sich nichts, ein vierter starb wenige Tage nach der Operation.
Vogel sieht in der Fötaltransplantation indes nur eine Übergangslösung. Gemeinsam mit amerikanischen Forschern möchte der Berliner Neurochirurg demnächst versuchen, einen Katheter durch die Blutadern ins Hirn des Patienten vorzuschieben.
Mit Hilfe einer Pumpe könnte dann ein Cocktail von Wachstumsfaktoren und Botenstoffen direkt im Hirn ausgeschüttet werden und dort das Fortschreiten der Krankheit aufhalten.
"Sobald wir erst wissen, auf welche der Substanzen, die die fötalen Zellen produzieren, es wirklich ankommt", versichert Vogel, "kommen wir mit diesen Substanzen selbst aus. Dann können wir auf die Transplantate verzichten - und sind alle ethischen Probleme los."
[Grafiktext]
_203b Übertragung fötalen Nervengewebes bei Parkinson-Kranken
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 52/1992
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