21.12.1992

HygieneMarsch in die Lunge

Schimmelpilze im Krankenhaus - in Frankfurt starben zwölf Patienten.
Die birnenförmigen Bläschen, aus deren moosgrüner Oberfläche stachlige Fortsätze ragen, lauern in vergammelter Marmelade, sie schimmern bedrohlich aus schlecht geputzten Brotkästen und stecken millionenfach in Blumentöpfen und Komposthaufen. Besonders wohl fühlen sich die Schimmelpilze vom Typ Aspergillus fumigatus in feuchtem Mauerwerk und hinter faulenden Tapeten.
Schmerzhafte Erfahrungen mit dem "Gießkannenschimmel" machen gelegentlich Patienten, wenn ihr Zahnarzt ihnen eine zinkoxidhaltige Wurzelfüllung einsetzt: Der Pilz, der auch in der Nähe von Zinkoxid gedeiht, kann Kieferhöhlenentzündungen auslösen.
In der Frankfurter Uniklinik sind die weit verbreiteten Sporen jetzt sogar als "Killerpilze" (Offenbacher Post) in Erscheinung getreten: Zwölf Menschen starben in diesem Jahr an den Folgen einer Schimmelpilzinfektion (Aspergillose) - doppelt so viele wie im Jahr zuvor.
"Wie die Fliegen", so kommentierte der Hessische Rundfunk letzte Woche, habe der Schimmelpilz geschwächte Patienten, die an Leukämie litten oder denen gerade eine Spenderleber eingepflanzt worden war, innerhalb weniger Wochen dahingerafft. Gemeinsam war den Betroffenen, wie der Frankfurter Herzchirurg Peter Satter erläuterte, eine "erhebliche Schwächung des Immunsystems".
Nur für Menschen mit stark verminderter Immunabwehr können die kugeligen Erreger, wenn sie in großer Zahl eingeatmet werden, zur tödlichen Bedrohung werden. Unbehelligt wandern die Pilzsporen in die Lunge, dort kommt es zur Entzündung. Zudem versuchen sie, in die umliegenden Blutgefäße zu wachsen. Der Blutstrom schwemmt die Keime in die inneren Organe, wo sie eitrige Abszesse verursachen - vor allem in Nieren, Herz und Hirn fressen die Erreger sich regelrecht hinein. Bei Gesunden rufen die inhalierten Sporen dagegen allenfalls Allergien hervor.
Der Weg, über den die Pilzsporen wahrscheinlich in die Frankfurter Krankenzimmer gelangten, ist inzwischen ermittelt worden: Seit Mai fanden in den oberen Stockwerken des 20 Jahre alten Klinikgebäudes Asbestsanierungen statt. Bauarbeiter schleppten asbestverseuchte Rohrisolierungen und staubige Deckenplatten nach draußen.
In der herausgerissenen Deckenverkleidung steckten aber offenbar nicht nur die spitzen Asbestfasern, sondern auch der filzige Schimmelpilz. Handwerker und Klinikpersonal könnten den feinen Staub, an dem die Pilzsporen hafteten, vom Treppenhaus in die unteren, offen zugänglichen Stationen getragen haben; in den Krankenzimmern haben sich die Keime, so die Vermutung, dann massenhaft vermehrt. Eine weitere Variante: Über undichte Abluftschläuche flutschten die Sporen ins Freie; durch geöffnete Fenster rieselte der feine Pilzstaub in die Krankenzimmer.
Auch in anderen deutschen Kliniken nehme die Zahl der Pilztoten zu, verteidigte sich Professor Werner Groß, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses. Von Schlamperei wollte Groß nichts wissen: "Eine vorbeugende Behandlung der Patienten war nicht möglich." Dennoch ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft inzwischen gegen "Verantwortliche des Klinikums" wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Die Asbestsanierung wurde erst einmal eingestellt.
Daß Bau- und Abrißarbeiten innerhalb oder in der Nähe von Klinikgebäuden mit dem Staub in großer Zahl Pilzsporen aufwirbeln, die unter Umständen zur Todesfalle für immungeschwächte Patienten werden, belegen Beispiele aus den Vereinigten Staaten: *___Einen Ausbruch von Pilzinfektionen gab es Anfang der ____achtziger Jahre im Zentrum für ____Knochenmarktransplantationen in Buffalo (US-Staat New ____York), als in der Nähe des alten Kliniktraktes ein ____neues Gebäude hochgezogen wurde - 38 Prozent aller ____Transplantierten eines Jahres erkrankten an ____Aspergillose (gegenüber 6 Prozent in den Jahren zuvor). *___In einer US-Klinik für Nierentransplantationen starben ____innerhalb von zwei Jahren insgesamt sieben Empfänger ____einer Spenderniere an den gefährlichen Schimmelpilzen, ____nachdem direkt neben dem Klinikgelände umfangreiche ____Straßenbauarbeiten begonnen hatten.
Für die Fachleute wäre es keine Überraschung, wenn sich bestätigen sollte, daß auch in Frankfurt die todbringenden Pilzsporen durch Sanierungsmaßnahmen freigesetzt wurden. "Wir Mykologen warnen seit Jahren davor, in der Nähe von hoch empfänglichen Risikopatienten Bauarbeiten durchzuführen", klagt etwa der emeritierte Würzburger Mikrobiologe Heinz Seeliger, "aber die meisten Ärzte haben uns immer ausgelacht."
Seeliger untersuchte die Raumluft in belegten Krankenstationen, als in Würzburg vor einigen Jahren die Chirurgische Klinik neu gebaut wurde. Wie der Wissenschaftler bei seinen Messungen herausfand, war "nicht jeder Gebäudeabriß Ursache hoher Pilzsporenkonzentrationen": In Räumen, in denen die Bauarbeiter ausschließlich mit Mörtel und Backsteinen hantierten, stieß Seeliger selbst bei "hoher Staubentwicklung" auf keine vermehrungsfähigen Keime. "Reichlich Schimmelpilze" schwebten hingegen "oberhalb herausgerissener Linoleumböden" in der Luft.
Besondere Aufmerksamkeit, so stellte der Mikrobiologe in seinem Untersuchungsbericht fest, verdienten bei Baumaßnahmen "Stäube von Kunst- und Naturfaserisolierungen, Feuerschutzmaterialien und Glaswolle".
Und, wie der Pilzforscher hinzufügte: "Die Ausatmungsluft eines Arztes."

DER SPIEGEL 52/1992
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