05.09.1994

SchwimmenViel Geld, keine Gnade

Ungarn produziert Schwimm-Weltmeister en masse. Die Trainer behaupten, es sei der Erfolg harter, aber gutbezahlter Arbeit.
Krisztina Egerszegi flucht. Die Starts, mit denen sie sich rücklings ins Becken des Budapester Komjadi-Bades katapultiert, klappen nicht nach Wunsch. Die Wand ist zu glatt, immer wieder rutscht die 20jährige ab.
Da schafft jemand eine griffige Fußmatte aus dem Auto herbei. Mühsam drückt der Masseur die ungewöhnliche Absprunghilfe unter den Startblock ins Wasser: Egerszegi findet Halt, die Startgeschwindigkeit stellt nun auch die Weltmeisterin zufrieden.
"Wenn wir etwas unter der sowjetischen Besatzung gelernt haben, dann, mit simplen Mitteln große Erträge zu ernten", sagt Cheftrainer Tamas Szechy, 64. Das, so möchte er suggerieren, sei das Geheimnis ungarischer Schwimmerfolge, das und "harte, harte Arbeit".
Wenn am kommenden Sonntag in Rom die Schwimmweltmeisterschaften beendet sind, wird Ungarns kleine zwölfköpfige Riege um Egerszegi, das gilt als sicher, mit Titeln und Rekorden für die Fron entschädigt sein. Doch ebenso gewiß wird sich die Anerkennung in Grenzen halten - zu tief sitzt das Mißtrauen, wenn ein kleines, wirtschaftsschwaches Land wie Ungarn Athleten an den Start bringt, die schon wieder trocken sind, wenn die anderen noch durchs Wasser pflügen.
Seit Andras Hargitay sich 1973 weltweit als schnellster Lagenschwimmer präsentierte, liefern Welt-, Europameisterschaften und Olympische Spiele das gleiche Bild: Eine Handvoll Ungarn leistet dem sportiven High-Tech der westlichen ebenso wie früher dem Spritzensport der östlichen Welt erfolgreich Widerstand.
Argwöhnisch fragt sich die unterlegene Konkurrenz, ob der kleine Verband mit seinen 800 regelmäßig trainierenden Leistungssportlern wirklich nur mit Improvisationskunst und Schinderei _(* Bei Startübungen von einer Fußmatte, ) _(die von Masseur Bacsa gehalten wird. ) scheinbar nach Belieben Weltklasse-Athleten produziert. In Deutschland, zum Vergleich, gibt es 60 000 Aktive, die an Wettkämpfen teilnehmen - Titelchancen aber werden in Rom nur Franziska van Almsick eingeräumt. Da behauptet nicht nur die Londoner Times, daß Ungarns Nationalmannschaft zwar das "dream team", nicht aber ein "clean team" ist.
Beweise für unlauteren Wettbewerb konnten bisher jedoch nicht erbracht werden. Die medizinische Kommission des Welt-Schwimmverbandes Fina sammelte lediglich ein paar Indizien - etwa wenn das Testergebnis des fast ein Jahrzehnt unbesiegbaren Tamas Darnyi, 27, nur minimal unter der Illegalitätsgrenze lag und der Lagenschwimmer daraufhin seine Laufbahn beendete.
"Ich bitte recht schön", sagt Szechy, "Doping ist ein englisches Wort, bei uns gibt es das nicht." Viel lieber dozieren die Ungarn über die Macht eines anderen Wirkstoffs.
Während andernorts die Schwimmer an Ausbildung und Beruf denken müssen - selbst die wie Dagobert Duck im Gelde badende van Almsick strebt Schulabschluß und Studium an -, schwelgen Ungarns vormalige Staatsamateure weiter in real existierenden unbegrenzten Möglichkeiten, als habe die Historie nicht längst sportlichen Prestigegewinn als Staatsdoktrin hinweggefegt. "Das Geld, das früher die Partei zahlte, bringen jetzt Sponsoren auf", sagt Laszlo Kiss, Trainer Egerszegis, "die Trainingsschulen wurden erhalten, es hat sich eigentlich nichts verändert."
Wie einstmals für die Privilegien des Einparteienstaates mühen sich die Athleten heute für die Segnungen des Kapitalismus. Der Weg zum Ziel ist der gleiche geblieben.
Immer noch preisen sie die Vorzüge des einfachen Lebens und demonstrieren ihre Überlegenheit in maroden Sportstätten. Das Komjadi-Bad in Alt-Buda, eine ehemals öffentliche und seit zwei Jahren nur noch zu Trainingszwecken benutzte Halle, hat schon lange keine Farbe mehr gesehen. Immerhin, hier, am Ort des letzten Trainingslagers vor der WM, existiert eine 50-Meter-Bahn. Draußen, in der Nähe des Flughafens, übt Egerszegis Heimatverein Spartacus auf einer wettkampfuntauglichen Kurzbahn. Die trainingstechnische Aufrüstung der Konkurrenz wird allenfalls belächelt. "Wir haben Weltmeister, wofür brauchen wir einen Strömungskanal?" spöttelt Kiss.
Statt dessen, so preist Szechy sein Rezept, stehe bedingungslose Härte für den Erfolg. Bis zu 30 Kilometer pro Tag läßt er in der Vorbereitungsphase schwimmen. "Gnade", klagt Brustschwimmer Norbert Rosza, 22, "kennt der Trainer nicht."
So wuchten die eher zierliche Egerszegi und der muskulöse Rosza in den Katakomben der Halle rostige Gewichte oder zerren, bis zu hundertmal, an ausgeleierten Zugseilen. Durch kaputte Scheiben pfeift der Wind.
Die Qual zahlt sich aus. Auch ohne Ost-West-Motivation schwimmen Ungarns Athleten, als seien Krokodile hinter ihnen her: In Rom gilt es, fünf Weltrekorde und -titel zu verteidigen - und damit auch den Geldfluß aufs eigene Konto.
Egerszegi, mit blaulackierten Fingernägeln und monatlich wechselnder modischer Frisur das Glamour-Girl des ungarischen Sports, fährt seit einem Monat mit neuem Mittelklasseauto zum Training - es ist das Geburtstagsgeschenk eines Budapester Autohändlers. Eine eigene Fernsehshow moderierte sie schon, als hierzulande Franziska van Almsick noch ihre Kuscheltiere sortierte.
Weltmeister Rosza beendete vor einem halben Jahr einen knapp einjährigen Aufenthalt in Australien. Die Kosten für den Ferntrip, sagt Rosza, "habe ich selber getragen". Mit bis zu 15 000 Mark Monatsgage sind die Schwimmer, so Joszef Ruza, Generalsekretär des Verbandes, "die bestbezahlten Sportler des Landes".
Verantwortlich für Reisen, Ruhm und Reichtum der Athleten ist Verbandspräsident Tamas Gyarfas. Seit einem Jahr führt er den Vorsitz, ist Mehrheitseigner von Nap TV, dem ersten ungarischen Privatfernsehen, Herausgeber einer Sport-Wochenzeitung (Motto: "Alles, was die Druckfarbe erlaubt") und Intendant des privaten Radio 11.
Sein Büro, vollgestopft mit Videogeräten, Radios und TV-Apparaten, weist ihn als eine Art Berlusconi des Ostens aus. "Sein Geschäftsdenken", sagt Rosza ehrfurchtsvoll, "spiegelt sich in unserer Arbeit wider." So konnte der Präsident die ungarische Staats-Sparkasse OTP dazu bewegen einzuspringen, als die Partei ihr Mäzenatentum einstellte.
Um die Sponsorengelder nicht mit dem Finanzamt teilen zu müssen, erdachte Tamas Gyarfas ein ausgeklügeltes System: Jeder Athlet gilt als Unternehmer; die Trainer erstellen Trainingspläne, die als human-biologische Forschung deklariert werden und somit Autorenschutz genießen; am Ende ist der Ankauf dieser Forschungsarbeiten durch die Schwimmer als Werbungsausgabe absetzbar. "Wer bei uns sportliche Spitzenleistung bringt", sagt Gyarfas, "hat keine Geldprobleme mehr."
Finanzielle Engpässe des Deutschen Schwimm-Verbandes, der sich von Franziska van Almsick für das Höhentrainingslager in Toluca (Mexiko) 40 000 Mark schenken lassen mußte, sind dem ungarischen Verband fremd. Trainiert das Team der Besten - neben Egerszegi und Rosza zählen noch Karoly Güttler, der neue Rekordhalter über 100 Meter Brust, und Attila Czene, der designierte Nachfolger von Darnyi, sowie ein halbes Dutzend noch unbekannter Nachwuchsschwimmer dazu - mal nicht in den antiquierten Hallen der Heimat, reist es der Sonne hinterher und übt mal in den USA, mal auf Mauritius.
"Wir entziehen uns dem schlechten Wetter in Budapest", sagt Chefcoach Szechy. Sie entziehen sich der Dopingkontrollen, sagen die Konkurrenten.
Tatsächlich erfuhren Vertreter der medizinischen Kommission schon mehrfach nach Ankunft in der ungarischen Hauptstadt, daß die Stars, die sie überprüfen wollten, gerade am Indischen Ozean in West-Australien Quartier bezogen hätten: "Die wissen immer schon drei Tage vorher, daß wir kommen."
"Sport", sagt Szechy, "ist für mich Flucht aus der Wirklichkeit." Und mit Pathos verkauft er sein Lebenswerk als Welt aus Wille und Vorstellung: "Bei uns trägt Idealismus das große Werk. Der Erfolg meiner Kinder basiert nur auf einer guten Physis, einer starken Psyche und viel Phantasie."
Entrückt lebt "das Genie in seiner eigenen Welt" (Präsident Gyarfas über Tamas Szechy). Skeptikern, die sein System und die Lauterkeit der ungarischen Siege anzweifeln, antwortet der Trainer allerdings immer noch real stalinistisch: "Unsere Überlegenheit nervt viele untalentierte Psychopathen." Y
* Bei Startübungen von einer Fußmatte, die von Masseur Bacsa gehalten wird.

DER SPIEGEL 36/1994
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