19.09.1994

RußlandLebende Ziele

Russisch-amerikanisches Manöver im Südural auf verseuchtem Gelände - dem Ort eines schaurigen Atomtests vor 40 Jahren.
Der Vorschlag schien den Amerikanern nicht ganz geheuer. Als sie sich vor knapp einem Jahr auf das erste Gemeinschaftsmanöver mit den Russen vorbereiteten, lud der einstige Feind ausgerechnet auf den Truppenübungsplatz Tozk im Südural.
Wochenlang inspizierten US-Spezialisten das Terrain, bevor sie es "unbedenklich" fanden und in die Übung einwilligten, die vorige Woche beendet wurde.
Auch die Anwohner verfielen in Unruhe. Nichts Schlimmes werde geschehen bei der ersten militärischen Umarmung der Supermächte seit 49 Jahren, suchte Verteidigungsminister Pawel Gratschow die Menschen zu beschwichtigen: Die Aktion mit den neuen Waffenbrüdern sei "rein symbolisch" und diene "dem Erhalt des Friedens".
Das murrende Volk fand den General nicht überzeugend. "Wir hier in Tozk sterben immer noch an den Folgen der letzten Friedenssicherung", reagierte vor Fernsehkameras verbittert ein örtlicher Kolchoschef.
Denn in dieser Gegend fand vor fast genau 40 Jahren ein schreckliches militärisches Experiment statt, dessen Folgen nach jahrzehntelanger Geheimhaltung heute zu besichtigen sind.
Im Zentrum des einstigen Infernos steht ein völlig deformiertes Metallgerüst, daneben ein verrosteter Panzer mit zerschmettertem Turm. Das triste Monument erinnert an die Verwüstung Hunderter Quadratkilometer südsibirischer Steppe: lodernde Dörfer, zerstörte Kriegstechnik, verbrannte Erde.
Am 14. September 1954, morgens um 9.33 Uhr, ließ der damalige sowjetische Vize-Verteidigungsminister Marschall Georgij Schukow 350,5 Meter über dem Truppenübungsplatz Tozk bei Orenburg eine Atombombe mit der Sprengkraft von 20 000 Tonnen TNT zünden. Daß der Pilot die nukleare Last - weitaus wuchtiger als die amerikanische Hiroschima-Bombe (13 500 Tonnen) - mit nur zehn Metern Abweichung übers Ziel brachte, war dem Marschall später eine persönliche Auszeichnung und Belobigung des bis heute unbekannten Fliegers wert.
Schon 20 Minuten nach der Detonation ließ Schukow 44 000 Soldaten, die dem radioaktiven Fallout in einem insgesamt 225 Kilometer umfassenden Grabensystem beinahe schutzlos ausgeliefert waren, ins freie Gelände ausrücken. Der Sieger von Berlin saß im sicheren Panzerzug, 15 Kilometer vom Epizentrum entfernt im Dorf Tozkoje, und diskutierte mit seinem Chef Bulganin, dem Atomphysiker Kurtschatow sowie Kollegen aus China, Polen und Jugoslawien über die verheerende Wirkung des Experiments.
Seine uniformierten Versuchspersonen hatten nicht einmal Schutzkleidung. Waschen sollten sie sich nach der Übung, war ihnen befohlen worden; aber in den Unterständen fehlte es an Wasser. Die Kleidung zu verbrennen, wie eine andere Anweisung lautete, fanden die meisten Soldaten zu schade - hatte man ihnen doch für den großen Tag feine Lederkoppeln verabfolgt.
Mit Flugzeugen, 600 Panzern, 500 Geschützen und 6000 Kraftfahrzeugen ließ die Moskauer Führung damals den Krieg unter atomaren Bedingungen üben - ohne Rücksicht auf Verluste. Die meisten Soldaten warfen schon nach wenigen Metern die hinderlichen Gasmasken fort; niemand hatte sie über die Langzeitfolgen der neuen Bombe aufgeklärt.
Zum moralischen Beistand der Zivilisten waren zwei Tage zuvor Lehrgangsteilnehmer einer benachbarten Panzerschule abkommandiert worden. Sie wiesen die Bevölkerung lediglich an, wegen der immensen Druckwelle die Fenster auszuklinken und die Bilder abzuhängen.
Frauen und Kinder wurden evakuiert. Die Männer mußten als Löschtruppe vor Ort bleiben. Beim Atomblitz sollten sie sich im Freien auf den Boden werfen - den Kopf nach Süden gerichtet, mit den Beinen zum Explosionsherd.
Noch heute erinnert sich Frau Botschkarewa daran, wie sie in ihrem Dorf Michailowsk auf den Abtransport wartete - vergebens. Statt dessen sah sie plötzlich durch das Küchenfenster eine schwarze Rauchsäule und darüber einen orangefarbenen Feuerpilz: "Als ich zu mir kam, ging ich sofort auf die Straße. Ich fand es furchtbar interessant."
Der Explosion am nächsten lag das Dorf Machowka. Die Bewohner waren zwar sieben Kilometer weit ins Hinterland gebracht worden, aber bereits am Nachmittag, als sich der aufgewirbelte Staub gelegt hatte, kehrten viele zurück. Die Häuser brannten noch, von 162 Höfen waren nur 32 äußerlich unversehrt geblieben - mitsamt Tomaten, Gurken, Kartoffeln, die "eimerweise vom Feld geholt" wurden, so die Bäuerin Uljanka Alexejewa. Der Staat zahlte Entschädigung, 300 Rubel nach altem Geld.
Derweil stieß Schukows Truppe zum Epizentrum der Detonation vor. Dort waren vorher, säuberlich nach Freund und Feind getrennt, lebensgroße Puppen mit weißen und blauen Mützen postiert worden. Dazu hatte Verteidigungsminister Bulganin umsichtig um "300 Hammel, 40 Rinder, Pferde, Kühe und Kamele" gebeten, die angepflockt wurden und als "lebende Ziele" dienten.
Wissenschaftler können die Folgen bis heute nicht exakt einschätzen. Daten über die genaue Sprengwirkung, Windrichtung und Drift der radioaktiven Wolke fehlen. Doch von 1955 bis 1960 wuchs die Zahl der Krebskranken in dieser Region von 103 auf 152 pro 100 000 Einwohner. In der russischen Krebsstatistik belegt das Gebiet Orenburg inzwischen den zweiten Platz.
Von den über 44 000 Menschen, die im Anschluß an den Nukleartest erkrankten, sollen nur noch tausend am Leben sein. Veteran Wladimir Banzianow: "Die Tiere wurden vorher und nachher untersucht, wir überhaupt nicht."
Laut Sofortmessungen soll die Strahlendosis im Kerngebiet zweieinhalb Stunden nach der Explosion nicht mehr als 0,1 Rem betragen haben: "Kein ernsthaftes Hindernis", so damals Bulganin, für den Vormarsch der Truppe. Auch Schukow glaubte hinterher, der Atomkrieg sei führbar. Augen- und Ohrenzeugen des Staatsverbrechens mußten sich schriftlich verpflichten, 25 Jahre über das Geschehen zu schweigen. Die Regierungsagentur Tass meldete damals: Die Erprobung habe "wertvolle Resultate" erbracht, die "sowjetischen Gelehrten und Ingenieuren in Zukunft helfen, die Aufgabe des Schutzes vor einem Atomangriff erfolgreich zu lösen".
Selbst der Verteidigungsminister Gratschow zeigte sich verstört, als er jetzt zum Abschluß des Manövers ins Übungsgebiet kam. Der Test, befand er, sei "barbarisch" und "monströs" gewesen. Y
[Grafiktext]
_164b Rußland: Tozk (Atomtest 1954)
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 38/1994
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