26.09.1994

UmweltschutzKühles Blut

„Rückepferde“ könnten helfen, den Waldboden vor Schäden zu bewahren. Doch Mammut-Maschinen dringen weiter vor.
Hot, hot!" ruft Werner Herrig. Verena, 14, stapft nach rechts. "Wiest." Sie schlurft linksherum. Nur mit Stimmkommandos lenkt Pferderücker Herrig seine Schleswiger Kaltblutstute durch das Unterholz. Acht Zentner wiegt der frisch gefällte Fichtenstamm, den das Pferd an einer Stahlkette hinter sich herschleppt. Die ein PS starke Muskel-Lok schnaubt und dampft.
Die Stute schafft was weg, aber in aller Ruhe. Sie zu größerer Eile anzutreiben wäre zwecklos. Um zwölf Uhr mittags wird der Hafermotor wieder betankt. Verena frißt und furzt zufrieden.
Nur einen Hungerlohn kriegen Pferd und Mann, wenn sie in den Wintermonaten für die Hamburger Forstverwaltung Holzstämme rücken. "Leben könnte ich davon nicht, reich ist im Wald noch keiner geworden", erzählt Herrig. Sein Geld macht er im Frühjahr und im Sommer, mit Kutschfahrten durch die Lüneburger Heide.
Vor einigen Jahren erlebte das Holzrücken per Pferd eine kurze Renaissance. Mittlerweile fehlen die Aufträge wieder, der Nachwuchs bleibt weg.
"Zurück zum Pferd" verlangen deshalb der Naturschutzbund Deutschland, die Interessengemeinschaft Zugpferde und die Forst-Gewerkschaft in einem gemeinsam verfaßten Papier. "Zum Vorrücken des Schwachholzes", heißt es darin, "soll grundsätzlich das Pferd eingesetzt werden."
Für den Appell war es höchste Zeit. "Wenn wir, die letzten Pferderücker, jetzt ein zweites Mal aus dem Wald vertrieben werden", fürchtet Herrig, "dann kehren wir nie mehr zurück."
Die erste Vertreibung passierte nach dem Zweiten Weltkrieg. Über 600 Jahre lang hatten Pferde geholfen, geschlagenes Holz aus dem Wald zu ziehen. Nun übernahmen Maschinen ihren Job.
"Seit den fünfziger Jahren ist das wohlklingende Konzert der hellen Axthiebe und klirrenden Pferdeketten im Wald fast vollständig verstummt", sagt Forstmann Wilhelm Bode vom Naturschutzbund Deutschland, "die frische Winterluft riecht während des Holzeinschlags heute nicht mehr nach ätherischen Ölen und Baumharz, sondern stinkt nach Verbrennungsmotoren."
In den achtziger Jahren, als die Deutschen durch Alarmmeldungen über das Waldsterben aufgeschreckt wurden, gaben sich auch Forstämter vorübergehend einen grünen Anstrich. Vielerorts wurde wieder das Holzrücken mit Kaltblutpferden propagiert.
Im Saarland etwa durfte Bode, damals Forstverwaltungschef, von 1987 an versuchen, sein Konzept vom "naturnahen Wald" gegen den Widerstand der Förster zu realisieren. Er untersagte den Förstern den bis dahin üblichen Kahlschlag, schützte die Waldbestände mit Zäunen und Gewehren vor dem Wild - und holte die Kaltblüter zurück in den Wald. Über 50 Pferde leisteten bald darauf wieder ihren Rücke-Dienst.
Doch der saarländische Wirtschaftsminister Reinhold Kopp, der im Juni 1991 sein Amt antrat, blockierte die "Ideologie der Rückepferde" (Kopp); Reformer Bode wurde kaltgestellt. "Nachdem die Förster nicht mitgezogen haben, ist die Lage heute ganz schlecht", klagt Heinrich Basenach, Sprecher der saarländischen Pferderücker.
Ähnlich in Baden-Württemberg: Die 1984 beschlossenen forstamtlichen Zuschüsse für die Beschaffung von Rückepferden samt Ausrüstung wurden von 30 auf 10 Prozent zusammengestrichen - angeblich, weil es genug Rückepferde gibt.
"Es könnten locker zehnmal mehr Pferde im Wald eingesetzt werden", widerspricht Erich Degreif von der Interessengemeinschaft Zugpferde. Nach seiner Schätzung gibt es in Deutschland gerade noch rund 1500 Pferderücker, etwa halb so viele wie Ende der achtziger Jahre. Der Grund für den neuerlichen Rückschlag ist eine wieder zunehmende Mechanisierung im Wald.
An die Stelle der Holzernte mit der Motorsäge treten noch modernere Erntemaschinen, tonnenschwere "Prozessoren" und "Harvester", die mit langstieligen Kränen tief in den Wald hineingreifen, Bäume wie Streichhölzer abknipsen, die Stämme herausheben und zurechtschneiden.
Beim Vormarsch der Maschinen wird der Waldboden, anders als wenn ein Pferd das Holz schleppt, auf großer Fläche zusammengequetscht. Bodenporen, über welche die Wurzeln ihren Sauerstoff beziehen, verschließen sich, die Wasserführung wird unterbrochen, es kommt zu Wachstumsstörungen.
Hinzu kommen die Wunden, die von den stählernen Schleppern direkt an Stämmen und Wurzeln gerissen werden; durch solche Verletzungen dringen Fäulnisbakterien in die Bäume ein.
Nach Berechnungen von Wolfgang Oberprieler von der bayerischen Waldbauernschule in Scheyern läßt ein Pferd nach seinem Einsatz nur durchschnittlich 17 Faulstämme pro Hektar zurück; Schlepper hingegen verursachen auf der gleichen Fläche 172 Faulstämme (was einem Wertverlust von 738 Mark je Hektar entspricht).
Die Rösser seien, so Oberprieler, in der Holzwirtschaft letztlich billiger als Maschinen: "Jeder mit dem Pferd gerückte Festmeter Holz bedeutet einen Gewinn von zwölf Mark in Form eines höheren Bestandswertes." Überdies: Die heu- und haferfressenden Tiere helfen nicht erneuerbare fossile Energie erhalten: Im Laufe eines Kaltblut-Lebens sparen sie bis zu 70 000 Liter Dieselkraftstoff. Y

DER SPIEGEL 39/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Umweltschutz:
Kühles Blut

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor