03.10.1994

TierzuchtSchwein mit Husten

Die EU-Kommission will schärfer gegen die Hormon-Mafia vorgehen, die brutal gesundheitsschädliche Mastmittel in den Markt drückt.
Nächtliche Ruhe lag über dem belgischen Städtchen Eeklo. Plötzlich hallten Schüsse. Ein knallroter Wagen raste davon. Tierarzt Carlos Van Den Braembusche, 44, schreckte aus dem Schlaf hoch. Zunächst dachte er an eine Gasexplosion in seinem Häuschen.
Dann sah Braembusche die Einschüsse: Zwei Kugeln hatten in der Nacht auf den 13. September letzten Jahres gegen zwei Uhr morgens die Eingangstür und einen Rolladen durchschlagen, hinterließen häßliche Löcher im Holz und zersplitterte Scheiben.
Veterinär Braembusche gehört zu einer Sondereinheit belgischer Behörden, die den illegalen Handel mit Hormonen für die Viehzucht bekämpft. "Die Hormon-Mafia", sagt er, "versucht jeden einzuschüchtern, der ihr im Weg ist."
Kriminelle Banden haben das Geschäft mit illegalen Wachstumsdrogen fürs Vieh bestens organisiert. Schweine und Rinder, Kälber, Ziegen und Hühner werden chemisch gepäppelt. Skrupellose Großbauern spritzen ihr Getier, geldgierige Tierärzte beschaffen die Dopingmittel, multinationale Chemiefirmen liefern die Substanzen. Europa ist, so eine Studie der EU-Kommission, mit einem "entschlossenen, flexiblen und organisierten Dealernetz" überzogen, das seine Gewinne "mit Gewalt verteidigt".
Bislang, so räumen die Eurokraten in dem Papier ein, fördere die EU den illegalen Griff zur Hormonspritze: weil makelloses Magerfleisch am besten bezahlt werde, tue der Bauer alles, um "künstlich wohlgeformte Schlachtkörper" herzustellen.
Für die nächste Sitzung der EU-Agrarminister im Oktober haben die Kommissare Vorschläge zusammengestellt. Sie fordern eine neue Preispolitik, Subventionsentzug für ertappte Hormonsünder, aber auch neue Ermittlungstrupps: "Angesichts der möglichen Beteiligung des organisierten Verbrechens" sollten auch Polizeispezialisten für Bandenkriminalität und Terrorismusfahnder eingesetzt werden. Für gefährdete Veterinäre könnte "sogar Begleitschutz nötig sein".
Es geht um gewaltige Profite: Den Umsatz des europaweiten Hormonschwarzmarktes bezifferten Experten des Londoner Consulting-Büros Vivah Jones schon 1990 auf über drei Milliarden Mark, Deutschlands Anteil auf 285 Millionen.
In Belgien rangierten die Hormondealer im letzten Jahr mit 200 Millionen Mark Umsatz gleich hinter der Drogen-Mafia auf dem zweiten Platz, stellte die "Financial Action Task Force on Money Laundering" fest, eine in Paris ansässige supranationale Sondereinheit gegen die Geldwäsche. Die Verbraucherzeitschrift International Testing schätzt, daß bis zu zwölf Prozent des in Belgien letztes Jahr erzeugten Fleisches mit illegalen Substanzen hergestellt wurden.
Der immense Einsatz verbotener Chemikalien bedeutet nach Ansicht der EU-Kommission "eine ernsthafte Gefährdung der öffentlichen Gesundheit". Das Mastmittel Clenbuterol, das auch in legalen Tierarzneien wie etwa dem Hustensaft Ventipulmin enthalten ist, kann hochdosiert bei Menschen zu Herzklopfen, Muskelzittern und Kopfschmerzen führen. Diabetikern droht Koma, Herzkranke können gar an Krämpfen sterben. Hunderte von Spaniern und Franzosen mußten in den letzten zwei Jahren mit Clenbuterol-Symptomen ins Krankenhaus.
Im August stellte der holländische "Allgemene Inspectiedienst" fest, die Bauern machten "in großem Maßstab Gebrauch" von verbotenen Masthilfsmitteln. Bei der Überprüfung von 196 Betrieben fanden die staatlichen Kontrolleure in 45 Fällen illegale Viehdrogen. In Irland treiben nach Schätzungen von Veterinären 75 Prozent aller Farmer verbotene Chemiemast.
Dank offener Grenzen gelangen Doping-Steaks aus Irland, Holland und Belgien auch in deutsche Supermärkte.
250 000 Tonnen Schweinefleisch wurden letztes Jahr aus Belgien nach Deutschland importiert, aus den Niederlanden 500 000 Tonnen. 50 000 Tonnen Rind- und Kalbfleisch kamen aus Irland.
Doch auch deutsche Bauern greifen zur Spritze. Zwar ergeben stichprobenhafte Routinetests nur selten Hinweise auf verbotene Chemiemast: Die meisten Substanzen sind nach wenigen Tagen im Fleisch kaum noch nachzuweisen. Bei der gezielten Überprüfung verdächtiger deutscher Ställe wurden Fahnder nach einer EU-Studie allerdings in 29,3 Prozent aller Fälle fündig.
Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser ließ im Juni in allen Schlachthöfen des Landes Stichproben ziehen. Vier Kälber erwiesen sich als gedopt, bei allen führte die Spur zu niedersächsischen Massentierhaltern.
Dort ist die Turbo-Mast nach Ansicht von Veterinären besonders weit verbreitet. Seit die Grenzen zum benachbarten Dope-Paradies Holland gefallen sind, ist der Nachschub gesichert. "Es guckt ja keiner mehr", klagt Johan Altmann, 52, Amtstiertarzt im Landkreis Wesermarsch: "Da lädt einer den Kofferraum voll, das merkt kein Mensch."
Nur selten wird ein Hormonschieber geschnappt: Im November laufen am Amtsgericht Oldenburg Verfahren gegen einen Dopingbauern aus Ibbenbüren und einen Viehhändler aus Löningen an. Bei letzterem wurde in einer Flasche River-Cola ein Kilo reines Clenbuterol entdeckt, ausreichend für 20 000 Tiere.
In Bielefeld haben Staatsanwälte Anklage erhoben gegen den Tierarzt Bernhard Wiecha aus Bad Salzuflen, der an 800 Viehmäster in ganz Deutschland verschreibungspflichtige Arzneien verschickt hat, Hormone, Antibiotika und Anti-Streß-Mittel. "Da rief ein Bauer an und sagte, mein Schwein hat Husten, und dann schickte der irgendwas hin", sagt Karl-Heinz Schneider, 55, Oberstaatsanwalt in Bielefeld.
Versandveterinär Wiecha, 51, versorgte 10 000 Tiere von Detmold bis zum Bodensee, in Thüringen und Sachsen-Anhalt mit insgesamt 20 Tonnen Medizinmaterial. Der Viehdoktor allerdings beteuert, seine republikweit verstreuten Patienten aufmerksam betreut zu haben: "Es hat nicht ein einziges Paket mit Medikamenten meine Praxis verlassen, ohne daß ich zuvor das kranke Tier untersucht habe."
645 Seiten umfaßt die Anklageschrift, mit der die Fahnder ihm das Gegenteil beweisen wollen. 192 Zeugen sollen in dem auf zwei Jahre angesetzten Prozeß gehört werden.
Der bislang größte Fall organisierter Chemiemast flog 1988 auf: Der Großbauer Felix Hying im münsterländischen Südlohn-Oeding hatte 13 736 Kälber mit Hormonen gedopt. Die Chemikalienquellen des Kälberbarons wurden damals nicht aufgedeckt. Es gab nur zahlreiche Hinweise auf Lieferanten in Holland. Dort sitzen die größten kriminellen Hormonhändler, wie etwa die Firma Dopharma in Raamsdonksveer, 60 Kilometer von Antwerpen.
Im Juni wurde das Unternehmen (Jahresumsatz: rund 40 Millionen Mark) zu einer Geldstrafe von 1,35 Millionen Mark verurteilt. Mitarbeiter hatten Rechnungen gefälscht und damit millionenschwere Deals mit verbotenen Tierdrogen vertuscht.
Über die schweizerische Filiale Dopharma S.A. in Fribourg etwa kam das Turbo-Mastmittel Clenbuterol aus Bulgarien (Grammpreis dort: 42 Mark) nach Antwerpen. Holländische Veterinäre verkauften es verdünnt zum Grammpreis von 2700 Mark an Bauern, getarnt wurde es als Vitamin B12.
1992 beschlagnahmte der belgische Zoll zwei Tonnen Dopharma-Clenbuterol auf dem Brüsseler Flughafen. Die Ladung war per Luftfracht aus Indien eingeflogen, in den Frachtpapieren getarnt als "576 Rollen Verbandsgaze, wasseraufnehmend, 90 cm x 90 cm".
Die Hormondealer beziehen nach den Erkenntnissen der Ermittler ihren Stoff meist aus Südostasien, aus Argentinien und Mexiko, aber auch aus osteuropäischen Staaten wie der Tschechischen Republik. In Südamerika liegt nach Einschätzung spanischer Behörden der Handel mit Veterinärdrogen in den Händen der Kokain-Mafia. Ihre Methoden setzen sich auch bei den europäischen Abnehmern durch: Bedrohung, Bestechung, Geldwäsche.
Dank der exzellenten Kontakte der Kriminellen zur Gegenseite scheitern immer wieder Razzien, wie letzten Oktober bei Dutzenden von Agrarfirmen in Flandern: Die Ermittler fanden ** Jaak Vandemeulebroucke: "De hormonenmaf- _(fia". Hadewijch, Antwerpen. * Im August ) _(1988 in Marl. ) nichts, denn die Dealer waren von ihren Spitzeln in der Polizei vorgewarnt.
Eifrige Fahnder werden mit Terrormethoden abgeschreckt: Einen Inspektor aus dem belgischen Mere verdroschen unbekannte Schläger auf offener Straße, das Haus eines Kollegen versuchten Gangster mit Brandsätzen abzufackeln. Insgesamt zehn Anschläge auf Hormonermittler zählte die belgische Polizei in den vergangenen zwei Jahren.
Wie bei der Cosa Nostra waschen die Dealer ihre illegalen Profite, etwa bei Pferderennen, und transferieren sie in Steueroasen. Der belgische Europaabgeordnete Jaak Vandemeulebroucke will gar von Investitionen in thailändische Vergnügungszentren wissen**.
Die Verfolger tun sich schwer mit den Machenschaften der Mäster. Nur selten packt einer aus, die Beweisstücke sind häufig schon gegessen.
Ständig neue Chemikalien erschweren zudem die Analysen: "Underground-Pharmakologen" arbeiteten "gezielt" an neuen Formeln, "um die Überwachungsbehörden auszutricksen", sagt Götz Anhalt, 47, Veterinär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium.
Neuerdings werden die illegalen Substanzen gar "maskiert", wie der belgische Zollexperte Thierry Henne, 37, jüngst entdeckt hat: Clenbuterol wird etwa mit einem tierunschädlichen Rheumamittel wie "Probenicide" vermischt - und ist damit selbst mit modernen Analysemethoden nicht zu erkennen.
Überdies klagen, vor allem in Niedersachsen, Kontrolleure über politische Handikaps. Dort ist die Veterinäraufsicht kommunal organisiert, und die Kreisfürsten kommen ihren mächtigen Großbauern ungern ins Gehege: "Die will man nicht so hart anfassen", sagt Amtstierarzt Altmann. Y
** Jaak Vandemeulebroucke: "De hormonenmaffia". Hadewijch, Antwerpen. * Im August 1988 in Marl.

DER SPIEGEL 40/1994
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