06.12.1993

Extremisten„Augen im Hinterkopf“

Links- und Rechtsradikale bespitzeln sich mit Geheimdienstmethoden. Sie schleusen Späher beim Gegner ein und sammeln Informationen für elektronische Feind-Karteien. Die Neonazis scheinen derzeit die Oberhand zu gewinnen; sie rufen nun auch mit Steckbriefen zur Jagd auf Gewerkschafter, Journalisten oder Sozialdemokraten.
Der Lehrer Manfred Büttner aus Hessen wollte über Rechtsextremisten eigentlich nur "Unterrichtsmaterial sammeln". Weil es "so was für Pädagogen ja kaum gibt", machte er sich auf eigene Faust an die Arbeit. Büttner schrieb Neonazis an und bat als Gesinnungsgenosse um Propagandamaterial und Kontaktadressen.
Die Tarnung flog auf, die Neonazis schickten ihm, so Büttner, "Ausspäher vor die Tür" - ein Pärchen, das sein Auto fotografierte, die Nachbarn ausfragte und ihn beobachtete. In rechten Postillen kursiert nun ein Steckbrief des Feindes Büttner. Der Lehrer besitze etwa nebst einer Doppelgarage einen "bissigen Mischlingshund der mittleren Größe (grau)".
Pädagoge Büttner ist hineingeraten in einen Kampf zwischen Autonomen und Rechtsradikalen. Die Linken, die sich Antifa nennen, und die Neonazis, die mit Anti-Antifa-Truppen kontern, liefern sich eine regelrechte Geheimdienstschlacht in Deutschland. Mit Spitzeln und Adressenkarteien, mit Computern und Steckbriefen versuchen die Extremisten beider Seiten, den Gegner auszutricksen. "Die Hemmschwelle zur brutalen Gewalt", so das Bundesamt für Verfassungsschutz, werde dabei "auf beiden Seiten immer niedriger".
Die linke Antifa hatte damit angefangen, die Adressen und Lebensgewohnheiten von Rechtsextremisten auszubaldowern und zu veröffentlichen. Doch inzwischen sind die linken "Antifatzkes" (Neonazi-Jargon) den "Faschos" (Antifa-Jargon) unterlegen.
Erfunden hat die Anti-Antifa der Hamburger Christian Worch, 37, führender Kopf der Nationalen Liste (NL). "Was unberechenbar ist, das ärgert mich", sagt Neonazi Worch: "Früher haben wir die Antifa immer nur hingenommen wie das schlechte Wetter." Jetzt würde er sich am liebsten noch "Augen im Hinterkopf wachsen lassen", um die Gegner im Blick zu behalten.
Das NL-Kampfblatt Index rief voriges Jahr die Kameraden dazu auf, "möglichst viele personenbezogene Daten" über Antifaschisten "bis hin ins bürgerliche Lager" zu sammeln und "abrufbar zu dokumentieren". Seither formieren sich bundesweit Anti-Antifa-Gruppen.
Die Daten über ausspionierte Linke landen vielfach direkt in den Computern rechter Organisationen. Das Nazi-Blatt Die Neue Front informierte die Kameraden deshalb schon in einem sechsseitigen Artikel über den sicheren Umgang mit den Datenbanken. Der Computer sei "ein immer häufiger benutztes Hilfsmittel geworden - auch und gerade bei Sachen, die Bullen nicht mitbekommen sollen". So kursiert in der Szene eine Diskette mit einer Datei namens "Werwolf.txt", in der präzise Anleitungen _(* Mit dem Berliner Nazi-Rocker Arnulf ) _(Priem. ) zum Bau diverser Bomben zusammengefaßt sind (siehe Kasten Seite 37). Den Artikel über Datensicherheit hatten die Neonazis aus der Zeitung Radikal abgeschrieben - einer Autonomen-Postille.
Die Warnung vor leichtsinnigem Umgang mit den Maschinen tut not: Einem Funktionär der inzwischen verbotenen Nationalen Alternative etwa kam in Berlin ein Stapel Disketten abhanden, auf denen unter anderem die Hauptkontoführung der Partei (Dateiname: Haupt. wdb) und die Mitgliederliste (Dateiname: Zentral.wd) gespeichert waren - nur dilettantisch gelöscht, so daß sie sich mit speziellen Programmen wieder lesbar machen ließen.
In einer anderen Datenbank-Datei auf den Disketten (Dateiname: Unerw.wdb) stehen Namen, Adressen, Telefonnummern und Beschreibungen von Feinden, klassifiziert in Kategorien von 1 ("Politischer Gegner") bis 4 ("Zum Abschuß freigegebene Person").
Der Datensatz mit der Nummer U90-1002 etwa beschreibt einen linken Fotografen ("autonomes Outfit, Lederkleidung"), dessen Freundin, "eine Brasilianerin", bei der "Udo Lindenberg Truppe" arbeite. Erfaßt ist auch der Autor und Neonazi-Experte Eberhard Seidel-Pielen. Die "Person von ruhiger Natur" habe "eine Tochter von 10 Jahren".
Unter der Nummer U91-1005 liegt der elektronische Steckbrief eines diebischen Ex-Kameraden ("Zum Abschuß freigegeben") aus Berlin. "Absolute Vorsicht" sei geboten, warnt der Computer, der rechte Rabauke "macht von der scharfen Schußwaffe Gebrauch".
Als zentrales Organ des braunen Sicherheitsdienstes erschien Anfang vergangener Woche erstmals die Zeitschrift Der Einblick, die über das Postfach 1 im dänischen Randers konspirativ vertrieben wird. Ziel der Anti-Antifa, so Der Einblick, sei die "endgültige Zerschlagung von Anarchos, Rot-Front und Antifa", sowie die "Ausschaltung aller destruktiven, antideutschen und antinationalistischen Kräfte in Deutschland".
Dazu zählt die Feierabend-Gestapo neben engagierten Linken auch den "Berufsstand der Journalisten" wegen seiner "teuflischen Phantasie". Den Feinden kündigt Der Einblick ",unruhige'' Nächte" an.
Das Blatt liefert rauflustigen Rechten neben Treffpunkten von Autonomen auch Adressen und Telefonnummern von Gewerkschaftern, Grünen oder SPD-Politikern. Im "Who''s who" der Nazi-Gegner stehen rund 250 Namen, säuberlich nach Städten und Regionen aufgeschlüsselt, teilweise mitsamt Informationen über das Intimleben ("Soll zu allem Überfluß auch noch mit einem Neger verheiratet sein").
Der Fotograf Dietmar Gust etwa ist den rechten Datensammlern mehr als eine halbe Seite wert. Er habe bei Neonazi-Aufzügen "Großaufnahmen von nationalen Personen" gemacht, die "vielfach zu Repressionen geführt" hätten: "Es wird vermutet, daß Gust seine Bilder antifaschistischen Publikationen zur Verfügung stellt." Er arbeitet unter anderem für den SPIEGEL.
Seit Mittwoch ermittelt nun das Bundeskriminalamt im Auftrag der Karlsruher Bundesanwaltschaft gegen die Einblick-Macher, die allerdings noch unbekannt sind. Ein 17 Jahre alter Schüler aus dem ostfriesischen Aurich flüchtete schon aus dem Haus seiner Eltern und hält sich versteckt; auch sein Name steht auf der schwarzen Liste.
Seine Furcht scheint berechtigt: Am Freitag voriger Woche riß eine Briefbombe einer Moderatorin des Österreichischen Rundfunks einen Daumen ab und verletzte eine Sekretärin. Die Journalistin betreute eine Minderheiten-Sendung, wahrscheinlich schickten Rechtsextremisten die Bombe.
Neuerdings senden die Neonazis auch Späher in gegnerische Antifa-Gruppen. Die künftigen Spitzel erhalten eine spezielle Ausbildung. "Der Kandidat", so Michael Swierczek, 32, Chef der verbotenen Nationalen Offensive (NO), bekomme "zunächst ein Abo der linken Tageszeitung, um sich an Sprache und Denkweise der Gegner zu gewöhnen".
Daraufhin wird der Aspirant mit "Beutematerial" (Nazi-Jargon) eingedeckt, hört Anarcho-Rock, etwa alte Platten der Band "Ton Steine Scherben", und liest Autonomen-Journale wie das Berliner Interim.
Mit Vorliebe benutzen die Rechten für heikle Missionen weibliche Mitstreiter. "Mädchen gegenüber ist man aufgeschlossener", weiß Norbert Weidner, 22, Landesgeschäftsführer der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) Nordrhein-Westfalen.
Dennoch scheitern die "Maulwürfe" (Weidner) oft rasch. In Aschaffenburg und Frankfurt am Main versuchte die FAP-Anhängerin Inger Preßmar, 22, Kontakt zu Antifa-Gruppen zu finden. Doch sie verwickelte sich rasch in Widersprüche. In Nürnberg bemühte sich Silke Wunderlich, Ex-Aktivistin des verbotenen Nationalen Blockes, um Anschluß an Antifa-Kader. Die Genossen identifizierten sie auf Archivfotos als Fahnenträgerin bei einem Neonazi-Aufmarsch.
Etwas mehr Glück hatte eine FAP-Kameradin aus Regensburg, die sich in München in den stalinistischen Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD einschlich. Ihr gefiel das nostalgische Ambiente der Kommunisten so gut, daß sie "prima mitschwamm", wie ihr brauner Führungsoffizier sagt. Als sie erkannt wurde, mimte die Spionin die Aussteigerin. Schließlich brach sie den Kontakt zum Arbeiterbund ab: Nach den inquisitorischen Fragen der Genossen, verkündete sie scheinbar beleidigt, habe sie nun kein Vertrauen mehr zur Gruppe.
Spione der Linken haben in rechten Gruppen selten mehr Glück. In München gelangten Anfang des Jahres zwei Frauen in den Kreis um den Yuppie-Nazi Bela Ewald Althans, 27. Zwar marschierten die beiden Linken bei Umzügen am 1. Mai noch wacker unter der Reichskriegsflagge mit. Bei internen Diskussionen aber enttarnten sich die gefühligen Genossinnen bald durch "allzu große emotionale Betroffenheit", so ein Teilnehmer. Der Kampf Links gegen Rechts beschränkt sich aber nicht mehr nur auf Spionage. So erstachen im vergangenen Jahr vermutlich türkische Linksextremisten in Berlin Gerhard Kaindl, einen Funktionär der Republikaner-Abspaltung Deutsche Liga für Volk und Heimat, die wegen des überwiegend gesetzteren Alters ihrer Mitglieder von Neonazi-Kameraden gern als "Deutsche Rheumaliga" verspottet wird.
Kaindls Name hatte auf einer schwarzen Liste der Autonomen gestanden. Das Messer in seinem Rücken vermeldeten Kölner Anarchos in ihrem Blatt Agitare Bene unter der Überschrift "Deutsche Liga beklagt Mitglieder-Schwund". Auch bei künftigen Angriffen auf Rechte, schrieben Göttinger Antifas, sei es "nicht auszuschließen, daß jemand auf der Strecke bleibt".
Die Antifa-Kampagne, so der Verfassungsschutz, schweiße die bislang zersplitterte Autonomen-Szene zusammen, eine "zunehmende Akzeptanz für festere Strukturen" sei "erkennbar".
Die Neonazis freuen sich über das Zusammenwachsen ihrer Gegner. Mit der Gründung eines linken Koordinationsstabes namens "Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation", so kommentiert der Rechtskampf, der vom Neonazi Swierczek herausgegeben wird, in der Dezemberausgabe, hätten die Linken "einen entscheidenden Schritt in Richtung Suizid" getan.
Die Bonner Antifas, wissen die Rechten aus "Kundschafterberichten", seien "so hochgradig geisteskrank, ein offenes Büro gründen zu wollen". Für die "Tätigkeit der Anti-Antifa" ergebe sich "da manche Perspektive . . ."
Die nun "nötigen Schritte", prophezeit das Blatt, würden "für den Gegner unerfreulich". Y
* Mit dem Berliner Nazi-Rocker Arnulf Priem.

DER SPIEGEL 49/1993
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