31.10.1994

KommunikationPraktische Anarchie

Im globalen Datennetz hat sich eine neue Subkultur elektronischer Zeitschriften entwickelt.
Viermal im Monat erhält Lars Hinrichs, 18, Post vom Roboter. Der Hamburger Schüler, dessen Computer über die Telefonleitung ans globale Datennetz angeschlossen ist, hat die amerikanische High-Tech-Illustrierte Wired abonniert. Dort übernimmt neuerdings Infobot, der elektronische Informationsroboter, den Leserservice.
Seither wird dem Computerfreak zusätzlich zum Hochglanzheft, das jeden Monat altmodisch per "Sackpost" ins Haus kommt, auf elektronischem Weg eine aktuelle Beilage zugestellt. Hotflash (sinngemäß: "Blitzmeldung") kann Hinrichs am PC-Bildschirm lesen - eine "ideale Ergänzung", wie er findet.
Das elektronische Abo wird im weltumspannenden Computerverbund Internet, bei privaten Datendiensten wie Compuserve oder in nichtkommerziellen Mailbox-Netzen angeboten. Wired, eine der erfolgreichsten Neugründungen des vergangenen Jahres in den USA, ist das erste kommerzielle Printmedium, das sich das personalsparende Verfahren zunutze macht.
Zum Subskribieren braucht der Kunde am PC nur eine kurze Nachricht (E-Mail) an den Verlagscomputer einzutippen. Dort wird er, vollautomatisch, in die Leserliste eingetragen. Die jeweils neueste Ausgabe landet anschließend programmgesteuert im Computer des Empfängers.
Der schnelle und billige Vertriebsweg hat die Verfasser von Schriften aller Art angelockt. Im Datennetz hat sich bereits eine globale Subkultur elektronischer Magazine ("Electronic Zines") herausgebildet, die ausschließlich online publiziert werden.
Der PC am Datennetz beginnt bei Kleinstverlegern oder Bürgerinitiativen den Fotokopierer als Vervielfältigungsmaschine zu verdrängen. Vereinsbulletins, poetische Traktate oder ökologische Flugschriften werden im Schnelldurchgang am Bildschirm hergestellt. Ohne Drucksachen-Porto und oft nur zum Telefon-Ortstarif lassen sich auf diese Weise, theoretisch jedenfalls, Millionen Leser auf der ganzen Welt erreichen - Druckkosten für Papierexemplare aus dem Printer zu Hause zahlt der Empfänger.
Wie die Fanzines, die unter Musikfans zirkulieren, werden auch die Electronic Zines (E-Zines) von den Autoren oft hastig zusammengetippt; dazu kommen Info-Häppchen, die irgendwo im Datennetz abgefischt werden. "Die meisten Zines", sagt der Amerikaner John Labovitz, der regelmäßig eine Liste der Online-Bulletins veröffentlicht, "sind bizarr." Redaktionelle Regeln gibt es nicht, Phantasie geht vor Recherche. Hemmungslos kupfern die Zine-Schreiber aus anderen Medien ab, erfundene Zitate machen manche Mitteilung erst richtig rund. Im Datennetz gibt es keinen Presserat, Pop und Politik stehen neben Abzockerei, Pornographie und Poesie. Beispiele: *___Practical Anarchy Online aus Schweden präsentiert sich ____als Magazin mit Ratschlägen für den anarchischen Alltag ____im Globalnetz, dessen Zusammenhänge für den einzelnen ____On-liner immer undurchschaubarer werden; *___Power to the People Mover (sinngemäß: "Alle Macht den ____Massenverkehrsmitteln") richtet sich an ____leidenschaftliche Bus- und Bahnfahrer, die sich am ____Verhalten anderer Fahrgäste ergötzen und ihre ____Pendlerstudien nicht für sich behalten können; *___Junkyard Press, das elektronische "Müllkippen-Magazin", ____beschäftigt sich vorgeblich mit "Musik, Mailboxen, ____Artefakten, Mac-Software, Comics, Büchern und ____T-Shirts", in Wirklichkeit jedoch wollen die Macher ____abzocken, indem sie Waren zur Rezension bestellen - ____ihre Masche: "Wir stellen vor, was Sie herstellen."
Offene Reklame findet sich gleichwohl nur selten in den E-Zines, direkt geworben wird allenfalls für andere Online-Magazine - je schriller und schräger, desto höher der Bekanntheitsgrad. Zines können die Abnehmer meist kostenlos beziehen. Oft ist der Leserkreis derart klein, daß der Herausgeber jeden seiner Abonnenten persönlich kennt.
Einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Online Publishing am Schreibtisch-Computer geben die E-Zines neuester Machart. Der Leser kann sie, mit der Computermaus und einer speziellen Software für den Internet-Informationsverbund World Wide Web (SPIEGEL 12/1994), am Terminal durchblättern.
Solche Web-Zines warten sogar mit Farbbildern, Videoclips und Originaltönen auf, die allerdings noch recht langsam auf die Bildschirme der Kundschaft übertragen werden. Von den ersten hektographierten Pop-Zines sind die hypermedialen Nachfolger bereits so weit entfernt wie der Popsender MTV von der Gartenlaube.
So informiert der Foebud-Verein, ein Zusammenschluß von Computerkünstlern und Hackern aus Bielefeld, auf diesem Weg über Software-Verschlüsselung und Frauen im Datennetz. Von Berlin aus offeriert neuerdings der Hamburger Chaos Computer Club (CCC) ein Web-Zine, in dem die Welt über den nächsten CCC-Kongreß informiert wird, der im Dezember erstmals in der Hauptstadt veranstaltet wird.
Das neuartige Zine-Konzept leuchtet auch anpassungsfähigen Pop-Opas ein. Ende September adelten die ergrauten Rolling Stones die junge Hypermedia-Kultur mit ihrer Präsenz und hängten einen Promotion-Computer ans Netz - als E-Zine in eigener Sache.
Unter der Online-Adresse http://stones.com läuft dort ein elektronisches Reklameprogramm für die jüngste Stones-Scheibe "Voodoo Lounge", Hörproben inklusive. Dazu offeriert das System Plattencover-Grafiken und einige bislang unveröffentlichte Stones-Fotos - etwa vom jungen Mick Jagger aus einer längst vergangenen Epoche.
Damals galt die elektrische Gitarre noch als Symbol des technischen Fortschritts in der Popkultur. Y

DER SPIEGEL 44/1994
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