14.11.1994

„NATASCHA, KOMM INS BETT“

Die Prostitution blüht wie nie zuvor - weltweit. Vor allem der Zusammenbruch des Kommunismus hat dem Sexgeschäft einen massiven Wachstumsschub gebracht: Zehntausende von Frauen aus Osteuropa verkaufen sich daheim und im Ausland als Dirnen. Die Mafia organisiert den Mädchenhandel und kassiert überall mit.
In der Gorbatschow-Ära klebten an den Wänden und Bauzäunen rings um den Moskauer Puschkin-Platz Plakate mit den schattenhaften Umrissen einer nackten Frau. Sie deckte ihren Schoß mit einer Geldbörse zu. Darunter stand in drohenden roten Blockbuchstaben: "Tschest prodajosch - bogatsche nje budjesch" - durch den Verkauf deiner Ehre wirst du nicht reicher.
Die Botschaft war richtig, die Kampagne "Für die Ehre der sowjetischen Frau" wurde trotzdem zum Flop, der Ehrbegriff des verblassenden Sowjetsystems erwies sich nach so vielen Jahren des Mißbrauchs für Moralkampagnen als nicht mehr verwendungsfähig. Was die rundum diskreditierte KPdSU für ehrenrührig hielt, das konnte ja keine so schlechte Sache sein.
Heute gehen in Moskau bis zu 50 000 Frauen auf den Strich. Das sind, gemessen an der Bevölkerung, etwa doppelt so viele wie in Berlin. Die Komsomolskaja prawda will in der russischen Hauptstadt allein tausend käufliche Mädchen im Alter um sieben Jahre registriert haben.
Die massenhafte Ausbreitung der Prostitution im Osten ist eine Folge des Zusammenbruchs des Sozialismus und seiner Prüderie. Perestroika hat nicht nur die polizeistaatlichen Barrieren, sondern auch die Schranken herkömmlicher Sittlichkeit eingerissen. Zu den Hinterlassenschaften der kommunistischen Herrschaft gehört neben wirtschaftlicher Verelendung auch ethischer Verfall.
Man kann die These beinahe global verbreitern: Das Ende der Ideologien hat einen Werte-Umsturz bewirkt, Geld ist das oberste Weltgesetz. Das erklärt die phantastische Zunahme der Korruption wie der Prostitution. Auf seinem stürmischen Siegeszug durch Osteuropa und Asien hat der Anarcho-Kapitalismus die letzten Tabus überrannt. Das Volk darf sich heute den lockeren moralischen Standard genehmigen, der früher den Diktatoren vorbehalten war - und das ist, einschließlich des kriminellen Umfelds, der einzige Sektor, auf dem der Osten den Westen streckenweise schon überholt hat.
Der Kollaps des Sowjetreichs, die Umschichtung der Besitzverhältnisse in vielen Staaten und eine noch nie dagewesene Mobilität haben der Prostitution weltweit zu einer beängstigenden Blüte verholfen - mit deutlichen Schwerpunkten in Osteuropa, China und Südostasien.
Die russischen Dirnen machen - im In- und Ausland - mehr Umsatz, als ein Drittel aller afrikanischen Staaten an Sozialprodukt erwirtschaften.
Prostitution ist nicht nur die Folge von Armut, sie kann auch die Folge von plötzlichem Wohlstand sein. Mehr Kaufkraft schafft mehr Nachfrage und mehr Angebot - auch auf dem Strich. Das zeigt sich exemplarisch in Ost- und Südostasien, wo der Wirtschaftsaufschwung dem Sex mächtige neue Konsumentengruppen erschlossen hat. Der Erfolgreiche zeigt durch den Besuch im Bordell, daß er sich was leisten kann.
In Thailand hat sich die Prostitution unter dem Einfluß der blühenden Konjunktur in der gesamten Region zu einer der tragenden Säulen der Wirtschaft entwickelt. Drei von vier ledigen Thai-Männern gehen regelmäßig ins Bordell. Die fast drei Millionen käuflichen Frauen und Mädchen stellen rund zehn Prozent der werktätigen Bevölkerung.
In Deutschland macht die Branche einen Jahresumsatz von schätzungsweise 50 Milliarden Mark. Daimler-Benz, das größte deutsche Industrieunternehmen, mußte letztes Jahr über eine halbe Million Automobile verkaufen, um zehn Milliarden weniger umzusetzen. Dabei belegen die Deutschen mit täglich 1,2 Millionen Puffbesuchen nur einen bescheidenen mittleren Platz im gesamteuropäischen Klassement.
Die Umbrüche im psychosozialen Volksverhalten haben im Gunstgewerbe der alten und neuen Industriegesellschaften tiefe Spuren hinterlassen. Sex im Puff ist meist folgenlos. Der Kunde genießt, zahlt und vergißt. Der Morgen danach ist unbeschwert. Und was ganz wichtig ist: Er braucht - zumindest in Mitteleuropa - kaum Aids zu fürchten. Unter den standortgebundenen und nicht rauschgiftsüchtigen Prostituierten in Deutschland etwa geht die HIV-Infektionsrate gegen null.
Die Fachwelt hat mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, was Professor Pam Gillies von der Universität Nottingham in Reihenuntersuchungen ermittelte: Obwohl die Prostituierten, die täglich die Grenzen von Ost- nach Westeuropa überqueren, praktisch keiner Gesundheitskontrolle unterliegen, sind sie kein nennenswertes Risiko für die Volksgesundheit. Ganz anders als in Asien und Afrika liegt die HIV-Prävalenz im europäischen Rotlichtmilieu, selbst wenn man finsterste Ecken mit einbezieht, nur unwesentlich über der durchschnittlichen Infektionsrate von Frauen im gebärfähigen Alter.
"Das Geschäft ist oberflächlicher geworden, unsere Kunden wollen schnellen, unverbindlichen Sex", sagt Maya Czajka von der Bochumer Hureninitiative "Madonna". Jedoch, der Sexualienmarkt ist auch differenzierter geworden. Alles ist machbar: "Höher, schneller, weiter - Prostitution ist wie Bungee Jumping." Viele Freier verhalten sich so, als hätten sie Angst, einen Tabubruch zu versäumen.
Ständig steigende Ansprüche beleben das Geschäft. Zur Befriedigung der Wünsche, die Ehefrauen oder Freundinnen nicht erfüllen können oder wollen, gehen die Männer ins Bordell. Besonders gefragt: Flagellantismus und Degradation. "Der Sadomaso-Bereich boomt wie Hacke", sagt Maya Czajka.
Der Konkurrenzdruck aus dem Osten hat die Service-Palette verbreitert. Die "Bjustgalter-(Büstenhalter-)Perestroika", wie die neue sexuelle Permissivität in Rußland genannt wird, wirkt tief hinein nach Westeuropa. Das Institut für sozialsexologische Forschung im niederländischen Utrecht registriert eine drastische Zunahme der Prostituierten seit dem Ende des Sowjetimperiums.
Die Türkenbordelle in westdeutschen Großstädten sind heute fest in den Händen der "Russenhühner", wie sie bei der einheimischen Konkurrenz abwertend heißen. "Auf der untersten Stufe der Prostitution, wo jede Frau 15 bis 20 Freier pro Nacht bedienen muß", sagt Armin Kaden, Chef des Milieu-Dezernats beim Hamburger Landeskriminalamt, "sind nur noch Frauen und Mädchen aus Osteuropa tätig."
Die ganze Szene leidet am rigorosen Verdrängungswettbewerb durch die Exportnutten aus dem Osten. Reisende GUS-Huren räumen mit Kampfpreisen überall den Markt ab. Sie sind billiger und williger als die einheimische Konkurrenz. Auf dem Trucker-Strich an der Hamburger Süderstraße ist eine "Fünf-Minuten-Terrine", wie sie im Branchenjargon heißt, schon für 20 Mark zu haben.
Die Wiener Dirnen sind auf Kurzarbeit, seit Freier in Scharen über die nahe slowakische Grenze nach Bratislava fahren, weil der Sex dort viel billiger ist.
Boomende Märkte auch im Nahen Osten. Tel Aviv, die zweitgrößte Stadt im Heiligen Land, hat 150 Bordelle - gut fünfmal so viele wie 1989. Zu diesem Aufschwung trugen vor allem Einwanderinnen aus der früheren Sowjetunion bei.
In Dubai am Persischen Golf landet einmal wöchentlich ein Charterjet voll Frauen, die 14 Tage lang anschaffen und dann, bepackt mit Fernsehportables und großen Kartons voll Kleenex und Milky Way, wieder zurück in die Kälte fliegen.
Im osttürkischen Grenzort Hopa in der Provinz Trabzon stehen heute 32 Quickie-Hotels, wo es vor drei Jahren noch kein einziges gab. "Die ganze Schwarzmeer-Region", sagt Kemal Ünlür von der Stadtverwaltung Trabzon, "ist ein einziger großer Puff." Die Mädchen von der anderen Seite des Schwarzen Meeres verstehen meist nur einen Satz auf türkisch. Der aber reicht zur Verständigung: Natascha yat asagi - zu deutsch: Natascha, komm ins Bett.
Russinnen, Kaukasierinnen und Ukrainerinnen, die in grellen Scharen über die Grenzen kommen, wollen letzten Endes alle nur das eine: einen türkischen Mann, egal, ob er ledig ist oder schon verheiratet. Die Trefferquote ist hoch, und dementsprechend hoch ist auch der Anstieg der Scheidungsquoten in Nordost-Anatolien. Denn der schönen Dekadenz der "Notschnyje babotschki", der Schmetterlinge der Nacht, wie sie sich selbst nennen, sind türkische Ehefrauen nicht gewachsen. "Es ist wie an einer Tankstelle", sagte einer der Kunden dem Berichterstatter des britischen Guardian, "die Nataschas wechseln dein Öl und pumpen die Reifen neu auf."
Für russische Patrioten ist der massenhafte Export von Frauen nach Westeuropa und in den Nahen Osten eine nationale Schande erster Ordnung. "Die Bordelle sind voll von russischen Frauen", entsetzte sich Anfang des Jahres der nationalistische Hetzer Wladimir Schirinowski. "Wofür haben wir unsere Töchter bloß großgezogen?" Das war nur eine Woche, bevor Boulevardblätter aufdeckten, daß Schirinowski am Heiligen Abend in Wien zwei russische Animiermädchen in seine Hilton-Suite abgeschleppt hatte.
In Moskau und St. Petersburg kommen die meisten käuflichen Damen aus künstlerischen und akademischen Berufen: Schauspielerinnen, Tänzerinnen und sonstige Künstlerinnen. Der Körper ist ihr Produktionsmittel. Selbst wenn man die Abgaben für Beschützer abzieht, ist die Rendite noch immer enorm.
So wie die Sicherheitslage und die klimatischen Verhältnisse sind, ist Anschaffen in Moskau kein reines Vergnügen. Aber es scheint verlockender, als acht Stunden am Tag Traktor zu fahren oder Fisch zu verkaufen und dann abends einem nach Wodka riechenden Gatten kostenlos zu Willen zu sein. Hure ist für viele fast so etwas wie ein Eliteberuf.
Mädchen aus proletarischen Familien sind auf dem Strich in der Minderheit. Die Prostituierten aus dem Osten zeichnen sich durch ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau aus. Rund zwei Drittel der russischen Prostituierten haben eine abgeschlossene Oberschul- oder Fachschulbildung, manche sogar einen Hochschulabschluß.
Bis in die achtziger Jahre war Sex in der sowjetischen Öffentlichkeit ebenso tabu wie Solschenizyn lesen. Die Mitglieder der Nomenklatura hatten ihre Gespielinnen und ausländische Besucher ihre - vom KGB handverlesenen - "Intergirls". Doch die proletarischen Massen waren zur Genügsamkeit verpflichtet.
Nach Umfragen an Oberschulen in St. Petersburg rangieren dort Prostituierte auf der Skala der Wertschätzung heute an dritter Stelle, gleich hinter Diplomatinnen und Journalistinnen. In Moskau würde danach jede zweite 15jährige Schülerin gern Edelnutte werden und die Dikaja schisn, das wilde Leben, genießen.
Wo soviel Geld fließt, da wollen auch Marder mitverdienen. Die russische Eros-Szene steht fast komplett unter Kontrolle der kaukasischen Mafia - der Armenier, Aserbaidschaner, Georgier und vor allem der Tschetschenen, die dafür bekannt sind, daß sie als Betriebsmittel vorwiegend lange Messer benutzen. Sie teilen die Reviere ein und bestimmen darüber, wer aussteigen darf - wenn überhaupt.
"Wer hier einmal steht, der steht sehr lange hier", sagt Tatjana Tereschkowa, eine Lehrerin, die am Moskauer Puschkin-Platz zwischen McDonald's und Iswestija-Haus ihr Revier hat. "Sie lassen dich erst frei, wenn du auf dem Müllhaufen gelandet bist." Ungehorsam wird mit dem Rasiermesser geahndet.
Natürlich würde Tatjana lieber im "Night Flight" unten an der Twerstraße arbeiten, da ist es wärmer, die Preise sind besser, und Zuhältern ist der Zutritt verboten. Oder im "Red Zone", nahe der Metrostation "Aeroport", wo Stripperinnen sich in Käfigen entkleiden und dann nackt versteigert werden.
Aber die "Red Zone"- und die "Night Flight"-Besatzung sind eine geschlossene Gesellschaft. Im "Night Flight" treffen die schweinsledernen Speznaz-Typen mit den schwarzen Wollmützen, die den Eingang bewachen, die Auswahl. Und im Streitfall entscheidet der schwedische Geschäftsführer, der hier die Interessen der Stockholmer Investoren vertritt.
Elendsprostitution wurde in Moskau bisher nur in Ansätzen beobachtet. Die Rubelnutten, die für einen Schluck Wodka auf der Mülltonne am Kasan-Bahnhof den Freier abfertigen, sind Ausnahmen.
Was Westmänner an Ostfrauen ganz besonders schätzen: Sie sind in aller Regel ziemlich anspruchslos und vor allem nicht aggressiv. "Bumsen ist Streßabbau, dazu braucht man kluge und liebe Huren", sagt der Hamburger Boulevardprofessor Werner Habermehl von der "Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung". Und: "Die Frauen in Moskau, Prag und Budapest sind nicht zickig." Man darf sie für Geld sogar küssen. Das ist eine Gunst, die in Westpuffs selten gewährt wird.
Richtig ist: Der deutsche Standardkavalier will im Bordell auch mit heruntergelassenen Hosen das Gefühl haben, daß er der Herr der Lust und daß die Frau sein Lustobjekt ist. Die käuflichen Mädchen von Bangkok sind nicht nur deshalb so beliebt, weil sie sich gut aufs Kopulieren verstehen, sondern auch, weil sie sich vor ihren Kunden verneigen, bevor sie zur Sache kommen.
Was Seminar-Macho Habermehl, der seine Forschungen vorwiegend in Massenblättern wie Bild und Neue Revue verbreitet, über die sexuellen Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau lehrt, ist inhaltlich nicht mal so weit ab von der Lehre Kate Milletts, der Autorin des Hurenkultbuches "Das verkaufte Geschlecht". Kate Millett schreibt: "Männer kaufen im Bordell nicht Sexualität, sondern Macht." Die Domina ist eher eine Randexistenz für Außenseiter. Die meisten Männer wollen unterwürfige Frauen.
Oder unterwürfige Männer dort, wo die Frauen es an der erwünschten Subordination fehlen lassen. Im Bois de Boulogne bei Paris, Frankreichs größtem Freilandpuff, wo neue Trends im Sexgeschäft sich gewöhnlich schneller abzeichnen als anderswo, haben die hochservilen südamerikanischen Transvestiten und Transsexuellen einen Marktanteil von 25 Prozent am Bumsbusiness erobert - nicht bei schwulen, sondern bei heterosexuellen Freiern.
Der in Libido-Angelegenheiten überaus kompetente "Guide Paucard des Filles de Paris" vergibt für die Standorte der brasilianischen und argentinischen "oralgenitalen Kontakter" nur Spitzennoten: voyeuristisch geweitete Augen oder einen erigierten Penis. In Langschrift erläutert der Paucard-Inspektor die Qualität der Transvestiten von der Porte d'Auteuil drastisch: "Sie wissen genau, wo sie ihre Zähne und ihre Zunge zu plazieren haben und was sie mit ihren Fingern tun müssen . . . diese Meister des Sado-Masochismus." Und: "Der Transsexuelle ist die ideale Frau."
Prostitution sei trotz aller Demütigungen auch Emanzipation, meint die Hure Herta Bräsig aus Erfurt. Die deutsche Vereinigung sei für sie eine Gunst des Schicksals gewesen, "eine persönliche Wende zum Glück hin".
Ihr Glücksmodell hat eine einfache Formel: "Erst habe ich gearbeitet, da war ich unten, dann bin ich auf den Strich gegangen, danach war ich oben." Als Honecker ging, war sie Löterin bei Robotron in Sömmerda. Kurz danach wurde der Betrieb dichtgemacht, und die Belegschaft stand auf der Straße.
Heute hat Herta Bräsig eine Vier-Zimmer-Wohnung in guter Lage, einen Fünfer-BMW mit Chauffeur, der bei Bedarf auch als Beschützer oder als Liebhaber zur Verfügung steht, ein Halbtagsdienstmädchen und eine Kinderfrau, die ihre zwei Söhne betreut.
Der weltweite Siegeszug der Prostitution, sagt sie, sei ein wichtiger Beitrag zur Befreiung der Frau. Den Widerstand der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Prostitution hält sie für den Ausdruck von "männlich-patriarchalischer Verklemmung".
"Der Staat macht den Mädchen unablässig Schwierigkeiten, weil die Prostitution bei uns nicht zum Leben dazugehört", sagt Professor Siegfried Borelli, emeritierter Ordinarius für Medizin an der Technischen Universität München und Autor des Standardwerkes "Die Prostitution als psychologisches Problem". Schuld seien vor allem die Frauen in der Politik. "Sie bilden sich ein, daß der Berufsstand das ganze weibliche Geschlecht beschmutzt."
Die Hurenbewegung "Hydra" beschreibt die Stigmatisierung des Gewerbes so: "In der Vorstellung der allgemeinen Bevölkerung ist die Prostituierte in der Regel ein gewissen- und gefühlloses Sexmonster, geistig minderbemittelt, ein Ansteckungsherd für alle möglichen Geschlechtskrankheiten."
Die tschechischen und rumänischen Girlies an der Europastraße 55 zwischen Teplice und dem deutsch-tschechischen Grenzübergang Zinnwald kommen diesem Klischeebild ziemlich nahe. Sie sind aber auch nicht mit solchen Umsätzen gesegnet wie Herta Bräsig. Die sächsischen Handelsvertreter und die Brummipiloten vom Balkan, die sie bedienen, zahlen schlecht. Ihre Kundschaft läßt es auch sehr an der erwünschten Galanterie vermissen.
Die "Ruska" oder Russische Straße ist im Sommer der längste Straßenstrich Europas. Hier stehen in Spitzenzeiten bis zu 500 Mädchen und warten auf Freier.
Im "Eden" in Teplice treffen sich Fremdgänger und Frustrierte aus dem ganzen sächsischen Grenzgebiet. Ihr Slogan: "Haste Liebeskummer, mach 'ne Tschechennummer." Einige der Folgen kann man im städtischen Säuglingsheim besichtigen: lange Reihen von Baby-Bettchen ohne die sonst üblichen Namensschilder.
An dem Hurenparcours, der sich 35 Kilometer weit durch die böhmischen Dörfer zieht, kostet Quicksex nicht mal halb soviel wie ein voller Tank. Die Zigeunermädchen aus Rumänien arbeiten bis zu 20 Akkordnummern pro Tag auf Rücksitzen und in Lkw-Kabinen runter, während der kleine Bruder für zwei Mark die Windschutzscheibe wäscht und ledert.
"Die da machen jede Sauerei für Geld", sagt das blonde Mädchen, das sich Dulcinea nennt. Sie zeigt auf zwei Kinder um die 15, die neben "Pavels Chips-Palast" in Dubi, dem ersten Ort auf tschechischer Seite, Sexkundschaft werben. Immer wenn sich ein Wagen mit Westkennzeichen nähert, verfallen sie in pumpende Bewegungen. Bei Skodas und Ladas bleibt das Becken ruhig.
Man kann hier Frauen nicht nur mieten, sondern auch kaufen. Mädchenhandel ist in Tschechien ein nahezu risikoloses Geschäft. Deshalb kommen Zuhälter aus ganz Westeuropa, um Nachschub zu holen, oft auch mit Gewalt.
Teplice ist das zweitwichtigste Einfallstor für Billigimporte aus dem Osten. Das bedeutendste ist Frankfurt an der Oder. "Unsere Region", sagt Abteilungsleiter Hartmut Oeser von der Staatsanwaltschaft Frankfurt, "hat sich seit der Wiedervereinigung zu einer Drehscheibe des Menschenhandels entwickelt."
Die russischen und polnischen Schieber, die den ostdeutschen Markt beherrschen, zocken doppelt ab. Sie führen aus dem Osten Mädchen ein und nehmen im Westen geklaute Autos wieder mit zurück in den Osten - ähnlich wie die Sklavenschiffer im 18. Jahrhundert, die von Westafrika schwarze Sklaven auf die Antillen und von dort Zucker zurück nach Europa brachten.
Eine tschechische Zeugin hat vor dem Landgericht Potsdam ausgesagt, sie sei von einem Landsmann für 500 Mark an ein Berliner Bordell verkauft worden. Bevor man Kundschaft auf sie losgelassen habe, sei sie von Zuhältern - manchmal ein halbes dutzendmal - vergewaltigt worden.
Menschenhändler schleusten 1993 fast 55 000 Frauen und Mädchen als Prostituierte nach Deutschland ein. Manche erleben die Hölle. Wenn sie kein Geld machen, setzt es Prügel. Selten, daß mal einer der Schlepper hinter Gittern landet. Weil der Zwang in der Regel nicht zu beweisen ist, enden viele Verfahren mit Geldstrafen wegen Steuerhinterziehung. Die szenenkundige Anwältin Sabine Weiss-Uliczka aus Duisburg sagt: "Die Zuhälter lachen sich über die Justiz kaputt."
Unicef prangert den Mädchenhandel als Sklaverei an. Die Uno-Organisation fordert deshalb kategorisch ein weltweites Verbot der Prostitution. Aber die Mädchen hauen ihren Zuhältern häufig auch wieder schnell ab und machen auf eigene Rechnung weiter. Leibeigenschaft ist in der offenen Gesellschaft des Westens auf Dauer schwer durchzuhalten.
Mit Verboten und Moralisieren komme man nicht weiter, sagt deshalb die belgische Menschenrechtlerin Marie-France Botte. Lieber solle man dafür sorgen, daß die Prostituierten besser bezahlt und ins Sozialversicherungssystem aufgenommen würden.
Wirtschaftliche Not - im weiteren Sinn - treibt auch im goldenen Westen Frauen massenhaft auf den Strich. Vor allem die Nebenerwerbsprostitution sagt mehr aus über gesellschaftliche Schwachstellen in den westlichen Industrienationen als alle Einkommensstatistiken.
In den Vereinigten Staaten, wo käuflicher Sex und Bordelle grundsätzlich verboten sind, haben nach Schätzungen der Kinderhilfsorganisation "Defense for Children International" in Philadelphia 90 000 bis 300 000 minderjährige Mädchen ihren Lebensmittelpunkt im Rotlichtmilieu. Über zwei Millionen gelten als "happy hookers", als Feierabend- und Gelegenheitsnutten.
Offiziell verboten bleibt Prostitution auch in China, der letzten großen Bastion des Kommunismus. Marx und Engels lehrten, daß im Sozialismus die Notwendigkeit "für eine gewisse, statistisch berechenbare Zahl von Frauen verschwindet, sich für Geld preiszugeben". Nachdem die Kommunisten 1949 in China die Macht an sich gerissen hatten, wurden deshalb erst mal die Huren in Arbeitslager verbracht und viele Zuhälter erschossen. Anfang der fünfziger Jahre galten die "sieben bürgerlichen Übel", inklusive Mai yin, wie die Prostitution auf chinesisch heißt, als ausgerottet.
Doch der Große Vorsitzende Mao Tse-tung ging mit schlechtem Beispiel voran. Sein Biograph Harrison Salisbury hat berichtet, daß er über eine beachtliche Bibliothek von "Kopfkissenbüchern" mit ausklappbaren Bildern verfügte und daß für seine erotischen Spiele am Swimming-pool oft ganze Scharen von nackten Mädchen zur gefälligen Verwendung bereitgehalten wurden.
Das Wirtschaftswunder unter dem Mao-Erben und Reformer Deng Xiaoping hat den "Singsong-Girls" das Comeback ermöglicht. "Die Reform und die Warenwirtschaft haben alles wieder zurückgebracht, was als ausgemerzt galt", sagt Liu Dalin aus Schanghai, Chinas bekanntester Sexologe. Sogar die alte Gebührenordnung mit dem gestaffelten Tarif für Anfassen, Tanzen, Handentspannung und Kuai pao, den "schnellen Böller", ist wieder in Kraft.
"Die Mädchen wollen möglichst schnell reich werden und ein Luxusleben führen, einen anderen Lebensinhalt haben sie nicht", so Liu.
In Kanton sind sogar wieder weiße Mädchen aus Rußland zu haben - wie Anfang der zwanziger Jahre, als die Oktoberrevolution scharenweise junge Damen aus dem russischen Adel in Chinas Bordelle trieb.
Selbst die Aids-Furcht kann den Boom nicht bremsen. Das HI-Virus breitet sich in Asien mit einer Geschwindigkeit aus, die das Tempo in anderen Weltteilen weit übertrifft. In Schwarzafrika wird es zur Jahrtausendwende 4mal so viele, in Asien aber fast 30mal so viele Infizierte geben wie heute.
Die Chinesen haben 1992 eine Viertelmillion "schlechte Mädchen, die ihren Frühling verkaufen", aus dem Verkehr gezogen. Doch der Nachwuchs ist nicht abzuschrecken. "Wenn wir nicht bald etwas unternehmen", sagt Chen Bingzhong, Chef des Pekinger Instituts für Gesundheitserziehung, "bricht Aids über China herein wie eine Springflut."
Der thailändische Bevölkerungsexperte und Ex-Minister Mitschai Wirawaidja, wegen seines Engagements auch "Minister Kondom" genannt, hält Aids für "die größte Bedrohung der Sicherheit unserer Region". Mitschai glaubt, daß die astronomisch hohen Kosten, die die Epidemie verursacht, sogar das Wirtschaftswunder der Schwellenländer untergraben werden.
Die tödliche Seuche hat teilweise alte Gewohnheiten und Strukturen im Liebesbusiness umgekrempelt. Aber fatalerweise nicht so, wie es sich die Aids-Bekämpfer gewünscht hätten. Nach Erhebungen der Handelskammer von Kolumbien etwa hat sich die Zahl der Prostituierten, die zwischen 8 und 13 Jahre alt sind, in Bogota von 1986 bis 1993 verfünffacht. Denn die Kunden wollen immer jüngere Sexualobjekte. Sie kaufen sich kindliche Unschuld in der absurden Annahme, Aids sei in erster Linie eine Erwachsenenseuche.
Die Theorie ist ebenso unhaltbar wie die weitverbreitete Vorstellung, Sex mit Jungfrauen bringe alten Männern neue Kraft. Tatsächlich sind Kinder im vorpubertären Alter sogar besonders anfällig für Geschlechtskrankheiten. Sex mit Kindern birgt deshalb ein besonders hohes Infektionsrisiko.
Der thailändische Rechtsprofessor Vitit Muntarbhorn hat in zweijähriger Forschungsarbeit für die Uno-Menschenrechtskommission eine Liste der Länder erarbeitet, die sich der sträflichen Duldung oder gar der Förderung von Pädophilie schuldig gemacht haben. Sein Resümee: "Der Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und die Kinderpornographie . . . sind erheblich weiter verbreitet, als man auf den ersten Blick vermutet."
Um Nachschub für die einschlägigen Etablissements von Bangkok und Tschiang Mai zu beschaffen, brauchen die Menschenhändler ihre Opfer nicht gewaltsam zu entführen. Sie kriegen aus den Dörfern in den Stammesgebieten der ethnischen Minderheiten der Lahu, Karen und Meo im Norden des Landes und in Burma, zum Teil auch aus der chinesischen Südprovinz Yunnan "frisches Fleisch" (so die Bangkok Post), soviel sie wollen.
Fast zwei Drittel der 10- bis 15jährigen werden von Eltern und Verwandten an Bordelle oder deren Agenten verkauft, zu Preisen um die 8000 Baht (500 Mark). Soviel bringt manchmal der erste Klient dem Zuhälter schon wieder ein. Für eine Nacht mit einer kleinen Jungfrau zahlen Pädophile Spitzenpreise.
Der ausgreifende Kinderhandel hat in Teilen von Thailand den Sockel der Alterspyramide weggefressen. Eine Kommission der Bangkoker "Kinderstiftung" zählte bei Recherchen in neun nordthailändischen Dörfern nur noch fünf Mädchen im Alter zwischen 13 und 14 Jahren. Die anderen waren alle "nach Süden gezogen", wie es in dem Kommissionsbericht verschämt heißt.
Das Martyrium der kleinen Mädchen in den Thai-Bordellen ist erschütternd. Viele werden mit Blessuren angeliefert, die auf erlittene Torturen schließen lassen: mit Zigarettenbrandwunden, mit Schnitten, die sie sich selbst beigebracht haben, um ärztliche Hilfe zu erzwingen, gelegentlich auch mit den Brandzeichen ihrer ehemaligen Besitzer am Gesäß. Manche waren monatelang eingesperrt oder sogar angekettet.
Die thailändischen Zustände beginnen auch auf die Nachbarländer überzugreifen. Mit dem Widerstand gegen die Demokratie erlischt in den letzten kommunistischen Staaten auch der Widerstand gegen den käuflichen Sex. "Lernt aus unseren Fehlern", hat Thai Wirawaidja die Nachbarn gewarnt.
Aber es ist schon zu spät. In Ho-Tschiminh-Stadt, vormals Saigon, sind heute die Nächte fast wieder so verlottert wie vor 25 Jahren, vor dem Ende des Krieges. Ho-Tschi-minh-Stadt hat 50 000, ganz Vietnam 600 000 Liebesmädchen im Angebot. In der kambodschanischen Hauptstadt Pnom Penh haben die 22 000 Uno-Friedenssoldaten katalytisch auf die Rotlichtszene gewirkt. Ähnlich wie vor einem Vierteljahrhundert die US-Landser in Vietnam.
Überall in Indochina geht der Trend zum Kindersex. Thailand, Vietnam, Kambodscha, Laos und Südchina haben - gemeinsam mit der Dominikanischen Republik - weltweit den größten Anteil an sogenannten Baby-Pros.
Ehe und Sexualität sind in Asien weniger gefühlsbefrachtet als in Europa. Das Volksempfinden nimmt weniger Anstoß daran, daß sich der Ehemann mit käuflichen Liebedienerinnen vergnügt, während daheim die monogame Hausfrau die Familie umhegt.
Die Prostitution in Asien sei in erster Linie eine Folge des Nord-Süd-Problems, meint die indische Sozialwissenschaftlerin Jyoti Sanghera, die für die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen die Ursachen der Entwicklung erforscht hat. Frau Sanghera bringt ihre Sicht der Dinge auf die Doppelformel: Frauen und Kinder müssen sich für deutsche Männer prostituieren, weil sie arm sind. Deutsche Männer suchen die Lust in der Fremde, weil ihre sozialen Beziehungen daheim kaputt sind. Die eigentliche Ursache sei eine große Krise in der westlichen Gesellschaft. Von der Statistik wird diese These nicht erhärtet. Die Bumsbomber-Touristen sind zwar eine zahlungskräftige und ziemlich widerliche, aber nicht die zahlenmäßig stärkste Kundschaft der Prostitution in Asien. In Indien, wo es mehr Huren gibt, als viele Uno-Mitgliedstaaten Einwohner haben, sind die Weekend-Sextouristen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten eher eine Randgruppe.
Im Westen ist der Abscheu vor dem Sex-Tourismus, speziell vor seiner pädophilen Variante, weithin ungeteilt. Die großen deutschen Fernreiseunternehmen sind übereingekommen, Verträge mit Hotels unverzüglich aufzulösen, sobald denen die Duldung von Kinderprostitution nachgewiesen werden kann.
Die österreichische Fluggesellschaft Lauda-Air entfernte unlängst die - satirisch gemeinte, aber wenig gelungene - Cartoon-Postkarte aus ihrem Bordmagazin, auf der es hieß: "Die Weiber im Bangkok-Baby-Club ,warten' schon!"
Die Männer wollen mit heruntergelassenen Hosen Herren der Lust sein
In Kanton sind wieder weiße Mädchen aus Rußland zu haben
"Aids bricht über China herein wie eine Springflut"
"Die Weiber im Bangkok-Baby-Club warten schon"

DER SPIEGEL 46/1994
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