21.11.1994

PopDer liebe Gott des Kinos

Wenn auch das Leben einen Soundtrack hätte; wenn, irgendwo weit oben, eine Gottheit wohnte, die, immer wenn es spannend oder rührend wird, die himmlischen Lautsprecherboxen einschaltete, eine Million Watt mindestens - dann müßte Quentin Tarantino am Plattenteller sitzen. Denn der Mann hat nicht nur eine Ahnung vom Film; er versteht vielleicht noch mehr vom Leben und der Musik. Und wer die Platte mit dem Soundtrack zu "Pulp Fiction" (MCA) auflegt, wird den Verdacht nicht los, daß Tarantino sich die ganze Story von den Gangstern, Boxern, Mädchen nur zu einem Zweck ausgedacht habe: um ein paar Bilder zu kriegen, die er mit seinen liebsten Popsongs unterlegen konnte. Er hat "Let's Stay Together" von Al Green ausgesucht und "Son of a Preacher Man" von Dusty Springfield; und wenn Ricky Nelson "Lonesome Town" singt, dann ist ohnehin der Moment des Showdowns gekommen: Hält man es aus, oder hält man es für kitschig? Besitzt der Hörer die sittliche Reife, soviel Gefühl zu verkraften - oder muß er noch ein wenig üben? Den rechten Weg weisen die dazwischenmontierten Originaldialoge der Filmgangster: "Der Pfad der Gerechten ist gesäumt von den Freveleien der Selbstsüchtigen . . ." (Hesekiel 25, Vers 17).

DER SPIEGEL 47/1994
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