28.11.1994

Eleganter Weg

Das Kraftwerk war wegen einer Routinekontrolle abgeschaltet, doch dann entdeckten Experten Risse am Kernmantel des Siedewasserreaktors im nordrhein-westfälischen Würgassen. Wegen des schweren Defekts wird der Atommeiler wahrscheinlich der erste sein, den die Energiekonzerne aufgeben.
Zunächst hatte die Betreibergesellschaft PreussenElektra versucht, die Schäden herunterzuspielen. Erst als NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) den Problemen am letzten Reaktor in seinem Bundesland eine "neue Qualität" bescheinigte, teilte das Unternehmen mit, es werde den Kernmantel austauschen. Die Kosten werden von Fachleuten äußerst vage auf 10 bis 80 Millionen Mark geschätzt. Die erforderliche Stillegung für 18 Monate würde Umsatzverluste von rund 1,6 Milliarden Mark verursachen. Weil weltweit noch nie der Kernmantel eines Atomkraftwerks ausgetauscht wurde, machte die Landesregierung dem Unternehmen klar, daß der Austausch des Kernmantels zudem nicht ohne ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren denkbar sei.
Dessen Dauer läßt sich jedoch nicht absehen. Für die nordrheinwestfälische Staatskanzlei ergibt sich so ein "eleganter Weg" zum Ausstieg: Statt einer politischen Entscheidung, die millionenschwere Schadensersatzforderungen des Unternehmens nach sich ziehen könnte, kann die Regierung auf Zeit setzen.

DER SPIEGEL 48/1994
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