25.07.2015

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalMr Pickelhaube

Ich bin derzeit im Ausland unterwegs. Man erschreckt sich als Deutscher vor sich selbst, wenn man die Zeitungen aufschlägt. Wenn ich nicht genau wüsste, dass der Bundestag gerade ein neues Rettungspaket für Griechenland beschlossen hat, würde ich zu dem Schluss kommen, dass wir dabei sind, die europäische Idee zu beerdigen. Überall heißt es, dass wir zu kalt und zu brutal agieren. In einem Kommentar in der "New York Times" stand, die deutsche Frage sei wieder offen. Ich habe mich gefragt, was damit gemeint ist. Soll das heißen, dass wir Gefahr laufen, morgen wieder in Polen einzumarschieren?
Die Personifizierung des bösen Deutschen ist Wolfgang Schäuble. Weil er kein Hehl aus seiner Meinung macht, dass die Griechen ohne Euro besser aufgehoben wären, ist er jetzt Mr Pickelhaube. In der "New York Times" stand, er vertrete eine nietzscheanische Auffassung von Politik. Ich will den Kollegen dort nicht zu nahe treten, aber zuletzt, als ich bei Nietzsche nachgesehen habe, saß der Übermensch nicht im Rollstuhl. Vielleicht halten sie Schäubles fahrbaren Untersatz nach einem Überkonsum von "Avengers" auch für einen Feuerstuhl, mit dem er nach Belieben seine Feinde vernichten kann.
Ich kenne Schäuble seit 15 Jahren, trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, in ihm einen Nietzscheaner zu sehen. Wir sind uns zum ersten Mal begegnet, als er nach dem Ende der Kohl-Ära wieder ein einfacher Abgeordneter war, was er mit dem ihm eigenen Hang zum Fatalismus kommentierte. Wenn Schäuble eines hasst, dann ist es Selbstmitleid. Wie alle Schwaben kann er außerdem rechnen, was nicht brutal, sondern vernünftig ist. Leider gehört Vertrauen auf die Vernunft in diesen Tagen zu den Überzeugungen, die man besser nicht an die große Glocke hängt, weil man damit wahnsinnig kalt und unsympathisch wirkt. Mich erinnert das an meine Schulzeit, als alle von Konstantin Wecker schwärmten, der empfahl, mit dem Herzen zu denken und mit dem Kopf zu fühlen. Wie wir später feststellen mussten, ist das Herz zu Verstandeszwecken allerdings furchtbar ungeeignet.
Ein Vorwurf in der Eurokrise lautet, wir Deutsche seien zu egoistisch. Nun ja. Kein schlechtes Wort an dieser Stelle über die Franzosen, sie verdienen allein wegen ihrer Weinkultur unsere Hochachtung. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Franzosen, europäisch gesehen, die allergrößten Altruisten sind. Daran ist nichts auszusetzen. Gefährlich wird es immer dann, wenn Interessen nicht mehr als solche benannt werden dürfen. Rudolf Augstein hat mit Verweis auf Bismarck festgehalten, dass sich gute Politik durch eine "souveräne Missachtung ideologischer oder moralischer Positionen" auszeichne: "Sie kalkuliert und nichts sonst." Aber vermutlich ist das bereits ein Satz, der einen als unverbesserlichen Nietzsche-Fan entlarvt.
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 31/2015
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