25.07.2015

FlüchtlingeDie Grenzen des Glücks

Nie zuvor war die Mehrheit der Deutschen so versöhnt mit sich und ihren Asylbewerbern. In diesem Jahr aber kommen vermutlich 400 000, eine Zahl, die zu einer schmerzhaften Diskussion führt: Hält die neue Willkommenskultur das aus?
Noch Fragen zur Lage der Nation? Da nimmt man am besten die Autobahn A 33, letzte Abfahrt Bielefeld. Die Lage der Nation ist jetzt ein Grundstück im Stadtteil Brackwede, vor ein paar Wochen hätte man noch den Straßennamen geschrieben, heute lässt man das besser bleiben.
Die Lage bietet Platz für einen vierstöckigen Anbau, für 200 Asylbewerber, es gibt einen Speisesaal mit bodentiefen Glasfronten, weiß geflieste Bäder, Schallschutzfenster, alles tipptopp. Sogar Stehtoiletten aus Edelstahl, wie man sie aus Mittelmeerländern kennt und wie Menschen aus diesen Ländern sie gewohnt sind.
Wenn es also eine Architektur des guten Willens, des Willkommens für Asylbewerber gibt, dann hier. Aber wenn es Angst um die Willkommenskultur gibt, dann jetzt: Der neue Trakt ist noch nicht bezogen, er soll zum 1. August fertig werden. Deshalb patrouilliert seit sechs Wochen Tag und Nacht ein Wachdienst auf der Baustelle. Falls einer zündeln will, bevor die ersten Asylbewerber dort einziehen.
Vor einem Jahr, als der Grundstein für den Anbau des Flüchtlingsheims gelegt wurde, hatte sich das der Chef des Hauses, Jürgen Beier, noch nicht vorstellen können. Aber heute, im Sommer 2015, mit stark steigenden Asylbewerberzahlen? Nicht dass es Schmierereien an den Mauern gegeben hätte oder Drohbriefe. Im Gegenteil: Die Frauen aus der benachbarten Kirchengemeinde kommen jeden Tag, um mit den Flüchtlingskindern "Memory" zu spielen, "Mensch ärgere Dich nicht".
Aber wer weiß denn, was passieren kann? Jetzt, da anderswo in der Republik die Brandstifter unterwegs sind und die Biedermänner gegen neue Asylheime klagen. Und gute, alte Bekannte, nein, eben keine Ausländerfeinde, ihren Freund Beier fragen, wo das alles hinführen soll. 200 neue Plätze, selbst das reiche doch längst nicht mehr aus. Und was, wenn noch viel mehr Asylbewerber kommen?
Das also ist die Lage der Nation – ein Flecken Bielefeld, auf dem sich alles bündelt: das Wunderbare dieses Landes. Das Großherzige seiner Menschen, die ahnen, dass sie Glück hatten, jedenfalls mehr als andere. Die sich vorgenommen haben, alles gut zu machen, und auch immer noch: etwas wiedergutzumachen, seit 1945. Die wissen, dass sie ihrem Gewissen etwas schuldig sind. Und mit allem, was sie abgeben, sich selbst etwas zurückgeben: das Gefühl, das Richtige, das Wichtige zu tun.
Aber da ist auch die Angst, dass es zu viel wird. Die Angst von Menschen, die zwar geben wollen, aber nur so viel, dass es ihnen nicht wehtut. Menschen, die teilen möchten, ohne wirklich etwas zu verlieren. Und deshalb bei aller Großzügigkeit schon der Meinung sind, dass es auch Grenzen geben muss, eine Begrenzung des Zuzugs. Wo diese Grenze liegt, wissen sie nicht, aber dass es diese Grenze gibt, das umso sicherer.
Die Lage der Nation also? Wenn es um Flüchtlinge geht, ein Zustand der Verunsicherung. Denn in Wahrheit ist die Lage eine Frage: wie der wachsende Menschenstrom das Verhältnis der Deutschen zu den Flüchtlingen belastet. Die vermutlich 400 000 Asylbewerber in diesem Jahr sind der Härtetest für die neue Willkommenskultur. Hält sie das aus, hält sie das durch?
Die Dinge geraten in Bewegung, das merkt auch die Politik. In dieser Woche kündigte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer an, an der Grenze zwei Aufnahmelager für Asylbewerber vom Balkan aufzuschlagen, aus denen sie besonders schnell wieder abgeschoben werden können; Zeltlager womöglich. Seehofer erntete giftige Attacken aus der SPD, von den Grünen. Der SPD-Vize Ralf Stegner rückte ihn in die Nähe der Brandstifter, die in den vergangenen Wochen Häuser für Asylbewerber angesteckt hatten, Justizminister Heiko Maas (SPD) geißelte die "schrillen Töne" aus Bayern. Unklar ist, ob er da schon mitbekommen hatte, dass auch SPD-geführte Länder in die Schnellverfahren einsteigen wollen, um Druck von ihren Städten und Gemeinden zu nehmen.
Es war, wie so oft in der Ausländerpolitik: laut, aber nicht immer lauter. Eine Kaskade schneller Reaktionen, die nur kaschiert, dass es keine einfachen Lösungen gibt und die Verunsicherung in Berlin nicht kleiner ist als anderswo im Land.
Die jüngste Kakofonie aus Brüssel macht es nur schlimmer. Im Juni hatte die EU vorgeschlagen, 40 000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien erstmals nach Quoten auf andere Mitgliedstaaten zu verteilen, damit die meisten nicht doch wieder nach Deutschland weiterwandern. Dann der Eklat: freiwillig Flüchtlinge aufnehmen? Nicht mit uns, sagten die Briten. Spanien knauserte, die Balten – nein, so hatten sie sich das mit Europa nicht vorgestellt. Am Ende fehlten Zusagen für 7700 Menschen, und Jean Asselborn, Luxemburgs Außenminister, wütete: "Es ist ein Armutszeugnis, dass wir Werte wie Solidarität und Mitgefühl, die wir in der ganzen Welt predigen, untereinander mit Füßen treten." Sind also am Ende die Gutwilligen doch wieder nur die Naiven, die Dummen?
Es wird sich nun zeigen müssen, wie stabil die deutsche Willkommenskultur ist. Ob sie tatsächlich fest verwachsen ist mit dem Selbstbild vom fröhlich-weltoffenen Land, in das sich Deutschland spätestens bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 verliebt hatte. Oder ob die Herzlichkeit am Ende nur eine Welle gewesen sein wird. Das hat es nämlich schon öfter gegeben in der Geschichte der Republik und ihrer Zuwanderer: ein ständiges Auf und Ab, mal offene Arme, mal offene Ablehnung.
Asyl, das war am Anfang eine große Idee. 500 000 Deutsche, die meisten Juden oder politisch Verfolgte, waren vor Hitlers Henkern geflohen. Sie gingen in mehr als 80 Länder, um zu überleben, und als der braune Terror vorbei war, gehörte es zur Staatsidee der jungen Republik, dass man selbst Zuflucht sein wollte. Was auch hieß: ein Ort, der es wert sein sollte, dorthin zu flüchten.
"Politisch verfolgte genießen Asylrecht", schrieben die Verfassungsväter ins Grundgesetz, ein klarer, guter Satz, aber schon damals waren die Dinge komplizierter. Ein Politiker wie Willy Brandt, der ins Exil gegangen war, blieb für viele Deutsche auch nach dem Krieg ein Verräter – Asyl war etwas für Verdächtige. Und nicht mal die eigenen Landsleute, vertrieben aus den Ostgebieten, waren gleich willkommen.
Rund 13 Millionen Deutsche flüchteten nach Westen, es war die erste und mit Abstand größte Zuwanderungswelle. Zum Gründungsmythos der Republik gehört, dass der Treck der Heimatlosen mit einzigartiger Solidarität empfangen worden sei. Die Wahrheit ist, dass sie lange nicht dazugehörten, unter sich blieben, als "Polacken" oder "Gesindel" beschimpft wurden. Auf dem Land sollte es manchmal Jahrzehnte dauern, bis die Vertriebenen keine "Reingeschneiten" mehr waren. Die Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit waren schon damals dieselben, die Gastarbeiter und Asylbewerber später erlebten: die Angst vor Unbekannten, die Sorge um den Wohlstand, die Heimat, auch der Neid – für Vertriebene gab es staatliche Hilfen, den Lastenausgleich, den sie meist gut sichtbar ins eigene Häuschen steckten.
Und noch etwas sollte zum Muster für die Zukunft werden: Dass die Eingesessenen die Vertriebenen nicht zu lieben, aber doch noch zu schätzen lernten, das hatte wenig mit Solidarität, mehr mit Nützlichkeit zu tun. Sie wurden gebraucht, als Arbeitskräfte für das Wirtschaftswunder. So wie die nächste Zuwanderungswelle, die noch schärfer auf ihre Nützlichkeit kalkuliert war: die Gastarbeiter.
In den Fünfzigern und Sechzigern kamen Millionen Türken, Spanier, Italiener. Beliebt waren sie erst recht nicht. Für Italiener fand der deutsche Alltagsrassismus das Schimpfwort "Spaghettifresser", für Türken "Kümmeltürke". Man arbeitete zusammen, lebte getrennt, für die Deutschen mit ihrem utilitaristischen Blick auf die Zuwanderung traf es sich gut, dass die erste Generation sich meist gar nicht integrieren wollte. Daran hatten die Einheimischen genauso wenig Interesse, die Gastarbeiter waren die ersten "Geduldeten", noch bevor es geduldete Asylbewerber gab.
Das ging gut, in Wahrheit mehr schlecht als recht, bis nach dem Anwerbestopp 1973 viele der 2,6 Millionen Gastarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, aber bleiben wollten und die Familie nachholten. Jetzt wirkte sich noch mehr aus, dass sie meist nicht als Menschen, nur als Billiglöhner geschätzt waren. In den frühen Neunzigern waren sie dann nicht mal mehr geschützt – vor der Rohheit eines Landes, das sich nach dem Mauerfall durchschüttelte und viele Deutsche aus ihrem alten Leben warf.
Es war eine Zeit, als die Angst, zu kurz zu kommen, zur Massenparanoia wurde und manche die Zivilisation niederbrennen wollten. Es gab Tote, in Mölln, in Solingen, es gab Ausschreitungen bei einer Asylunterkunft in Hoyerswerda und bei einem Vietnamesenheim in Rostock-Lichtenhagen. Es gab die Mordbrenner, aber nicht nur die: Die halbe Republik roch nach Benzin, bis tief hinein in bürgerliche Kreise und hoch hinauf in die Berliner Politik.
Zum ersten Mal hatten die Asylbewerberzahlen die 200 000 überschritten; 1992 waren es sogar mehr als 400 000. Helmut Kohl wiederholte 1991 in seiner Regierungserklärung, was er schon seit Jahren sagte, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Die "Bild"-Zeitung fragte: "Die Flut steigt – wann sinkt das Boot?", und die Vorlage dafür hatte ausgerechnet der SPIEGEL geliefert: eine Arche Noah, die von Flüchtlingen gestürmt wurde. In NRW empfahl Friedhelm Farthmann, immerhin SPD-Fraktionschef, für den Umgang mit abgelehnten Asylbewerbern: "an Kopf und Kragen packen und raus damit".
Damals kapitulierten die Politiker vor der Straße, riegelten das Land ab. In einer dunklen Stunde der Ausländerpolitik einigten sich Union, SPD und FDP Ende 1992 auf den Asylkompromiss; sie schränkten den Asylartikel so ein, dass de facto nicht mehr viel übrig blieb. Denn kommen durfte nur noch, wer nicht über sichere Staaten nach Deutschland geflohen war – und weil Deutschland umringt war von sicheren Staaten, fast keiner mehr.
Daran muss man sich heute erinnern, um zu begreifen, welch weiten Weg das Land danach ging. Was seitdem gewonnen wurde und was nun, im Jahr 2015, wieder verloren zu gehen droht – ein Kulturwandel, Klimawandel, ein Kopfwandel.
Bis ins Jahr 2005, bis zum verkorksten Zuwanderungsgesetz, blieb die Ausländerpolitik eine Arena der Ideologen. Danach aber, als die Asylbewerberzahlen jahrelang um 30 000 lagen und Ausländerpolitik im politischen Streit kaum noch eine Rolle spielte, übernahmen die Pragmatiker. Kleine Schritte, die zu großen wurden, weit größeren, als sie sich vor allem die Union je hätte vorstellen können: 2007 die erste Bleiberechtsregelung für Geduldete, die schon lange hier lebten. 2011 das Bleiberecht für gut integrierte Jugendliche, 2014 die Arbeitserlaubnis für Asylbewerber nach drei Monaten, demnächst die zweite Bleiberechtsregelung. Und noch wichtiger vielleicht: das Eingliederungsangebot. Die Integrationskurse, der Sprachunterricht.
Die Politik, vor allem die Union, hatte wieder vor der Realität kapituliert, nur dass die Realität eine ganz andere war als 1993. Das Land ist erwachsen geworden, hat sich von Kohls kindischem Dogma verabschiedet, das sehenden Auges die Wirklichkeit leugnete. Und nicht nur die Wirklichkeit, auch die Notwendigkeit: Heute finden viele Betriebe keine Lehrlinge mehr, nicht genug Facharbeiter, die Geburtenentwicklung dürfte den Trend verschärfen. Auf den Verstand, die Fähigkeiten, die Vorbildung von Flüchtlingen zu verzichten, die nicht wieder gehen wollen, wäre Verschwendung von Ressourcen.
Geht es damit nicht schon wieder um Nützlichkeit? Ja, aber anders als bei den Gastarbeitern in den Wirtschaftswunderjahren ist die Republik jetzt auch bereit zu investieren, zu integrieren. Nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben, weit mehr als Geld, Kleidung oder ein Dach über dem Kopf. Auch Menschlichkeit und Mitleid, Nähe und Nachbarschaft. Freundlichkeit, sogar Freundschaft.
Nie zuvor war die Hilfsbereitschaft im Land so groß, und nur einmal die Herzlichkeit, als 1978 die ersten Boatpeople aus dem Chinesischen Meer kamen. Aber das waren am Ende 40 000, nicht 400 000.
Überall im Land fragen jetzt Menschen, die noch nie ehrenamtlich gearbeitet haben, was sie tun können. Kleider sammeln, Fahrdienste, Behördengänge. Sie sind berührt von den Bildern aus Syrien, von den Seelenverkäufern auf dem Mittelmeer, und vielleicht sind sie auch gerührt von sich selbst. Dass sie diesen Menschen Hoffnung geben können, die alles verloren haben außer ihrem Leben. Dass sie jetzt die Guten sind, nach all dem Bösen, das die Flüchtlinge erlebt haben.
Da sind zum Beispiel die beiden Schwestern Sandy und Mandy, 27 und 23 Jahre alt, die wirklich so heißen und aus Hamburg-Jenfeld kommen, einem sozialen Brennpunkt, in dem man eher erwarten würde, dass die Sandys und Mandys sich um sich selbst kümmern und ansonsten um nichts. Aber seit im Internet gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft gehetzt wurde, sammeln sie Kleidung, Spielzeug, Hygieneartikel für Flüchtlinge.
Oder in Südlohn in Westfalen, einem Dorf mit 9000 Einwohnern, wo die 78-jährige Cäcilie T. nun neben einer Familie aus Schwarzafrika wohnt. Schwarz war in Südlohn früher immer nur das Wahlergebnis, CDU, jetzt erklärt sie den neuen Nachbarn, was es im Dorf alles gibt, und die Kinder nennen sie "Oma".
Es sind Geschichten, die nahegehen und die es nur gibt, weil Deutsche sich trauen, Nähe zuzulassen. Nähe, die Vorurteile zerstören kann, weil sich herausstellt, dass die Fremden, aus der Nähe gesehen, gar nicht so fremd sind, wie man vielleicht dachte. Aus demselben Grund haben sich aber auch die sechs Flüchtlinge aus nächster Distanz fotografieren lassen, die in dieser Woche auf dem Titelbild des SPIEGEL zu sehen sind. Ob Mohammed J., 27 , aus Syrien, der aus dem zerstörten Kobane floh, oder Oltiana D., 26, aus Albanien, die sich nichts mehr wünscht als Arbeit und eine Schule für ihre Kinder. Mohammad I., 22, aus Eritrea oder Nawar Al E., 21, aus dem Irak. Shersha S., 23, und Seher P., beide aus Afghanistan: Sie alle wollen zeigen, dass niemand in Deutschland Angst vor ihnen haben muss. Dass sie bedroht sind, nicht bedrohlich; verfolgt sind, nicht kriminell; arm sind, nicht raffgierig.
Das alles ist bewegend, überwältigend, führt aber nicht an einer Frage vorbei: Was, wenn aus den einzelnen Schicksalen, den einzelnen Menschen eine Menge wird, so groß, dass sie für all die Helfer im Land nicht mehr zu bewältigen ist? Es spricht für die Deutschen, dass die Zahl 400 000 die Stimmung noch nicht zum Kippen gebracht hat. Als Dieter Wiefelspütz, lange Zeit Innenexperte der Bundestags-SPD, 2013 schätzen sollte, wann das Land an seine gefühlte Belastungsgrenze komme, tippte er noch auf 100 000. Das sei die magische Zahl, danach "wird es in Deutschland schwierig". Wurde es nicht, Deutschland war besser.
Aber 400 000 Anträge, mit Zweitanträgen 450 000, das wären mehr als 1992, dem Jahr mit den meisten Asylbewerbern. Dem Jahr von Mölln. Dem Jahr vor Solingen.
In manchen Orten kippelt die Stimmung. Dafür spricht nicht nur, dass die hässlichen Deutschen wieder unterwegs sind, nachts, im Schutz der Dunkelheit, um überall im Land Häuser für Asylbewerber anzustecken. In Freital in Sachsen traut sich die "Ausländer raus!"-Stimmung schon ans Tageslicht. Ein Einzelfall? Sächsische Verhältnisse eben?
Die Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder sind überfüllt, die im niedersächsischen Friedland wurde für 700 Menschen gebaut, jetzt sind es doppelt so viele. In Bielefeld bleiben 90 Prozent der Bewohner nur noch für eine Nacht. Dann müssen sie weiter, in die nächste Unterkunft, weil die Zentrale Ausländerbehörde den Platz für Neuankömmlinge braucht. In Hamburg stellt die Stadt massenhaft Zelte auf. Im ganzen Land wird fast schon verzweifelt auf 400 Entscheider gewartet, die in diesem Jahr neu eingestellt werden sollen, um mehr Asylbewerber durchs Verfahren zu ziehen.
Fremdenfeindlichkeit ist ein Gift, aber keine mathematische Funktion, abzubilden in einer Zahlenkurve – mehr Asylbewerber, mehr Ablehnung. Es geht um den gefühlten Zuwanderungsdruck, dafür spielen die Zahlen sicherlich eine Rolle, aber auch die Umstände: Was sind das für Flüchtlinge, die kommen? Lassen andere EU-Staaten die Deutschen im Stich? Und vor allem: Worauf müssen sie verzichten, weil sie so großzügig helfen?
Solange es nur um ausgemusterte Hosen und alte Kinderräder geht, verzichten alle liebend gern. Aber wenn der Wert des eigenen Hauses sinken könnte, weil nebenan ein Asylheim entsteht, oder die Löcher im Stadthaushalt so groß werden, dass der Kämmerer rigoros spart? Es gibt einen Konsens in breiten Teilen der Bevölkerung, einen Konsens der begrenzten Barmherzigkeit, dass man zwar etwas abgeben will, aber natürlich nicht alles, schon gar nicht das Leben auf der Wohlstandsinsel Deutschland. "Wir sind bereit, ein oder zwei Prozent abzugeben", meinte SPD-Mann Wiefelspütz 2013. Vielleicht sind es doch fünf, aber sicher nicht 50. Die Grenzen aufzumachen, alle kommen zu lassen, dafür gibt es keine Mehrheit. Nicht mal eine nennenswerte Minderheit.
Wenn aber nicht allen Flüchtlingen mit allen Mitteln geholfen werden kann, dann muss auch die Frage erlaubt sein: wem nicht? Dann ist man so weit: bei der gefährlichen, aber auch unvermeidlichen Frage nach der Grenze. Gefährlich, weil jede Antwort eine auf Leben und Tod ist, mindestens aber darüber entscheidet, wer im Elend bleiben muss und wer eine Chance bekommt, eine Hoffnung. Unvermeidbar ist die Frage, weil davon auf Dauer abhängt, wie das Land Flüchtlinge sieht. Als Bereicherung oder als Belastung.
Horst Seehofer hat diese Frage auf Bayerisch beantwortet: Im Juni kamen gut 30 Prozent aller Asylbewerber vom Westbalkan; bei Anerkennungsquoten von nicht mal einem Prozent haben sie so gut wie keine Chance zu bleiben. Seehofer will sie an zwei Stellen sammeln, ihr Verfahren binnen Wochen durchziehen und sie danach ganz schnell abschieben. Dass solche Zentren, womöglich Zeltlager, abschreckend wirken auf alle, die noch kommen wollen, ist wohl erwünscht.
Die bayerische Antwort war so populistisch wie Seehofer. Er klagte auch wieder über "massenhaften Asylmissbrauch", vermutlich um zu sehen, ob noch alle Reflexe gesund sind, bei der SPD, den Grünen, den Konservativen. Dass er auch Reflexe bei Leuten mit Feuerzeugen auslösen könnte, nimmt er offenbar in Kauf.
Aber er hat einen Punkt, dem viele zustimmen: Wenn man die Grenze ziehen muss, dann nicht bei den Syrern, den Irakern. Dann bei denen, die politisch nicht verfolgt sind. Die vor keinem Krieg flüchten. Die sogar aus Ländern kommen, die in die EU streben. Asylbewerber vom Balkan gehen nach Deutschland, weil sie sich von ihrem Leben in der Heimat nichts mehr versprechen. Auch das ist ein guter Grund, aber nur der Grund, den Milliarden Menschen weltweit genauso gut hätten. Da würde höchstens ein Zuwanderungsgesetz helfen, für qualifizierte Bewerber, ein Gesetz, das die Union nach langer Gegenwehr nun wohl doch auf den Weg bringen will (siehe Seite 19). Ein Asylgrund aber ist der Traum vom besseren Leben nicht.
Da verläuft die Grenze, die Belastungsgrenze, und das sehen auch die SPD- geführten Länder so. Mitte Juni waren sie nach einem Treffen mit der Kanzlerin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und sagten ihre Teilnahme an Schnellverfahren zu. Zwar wollen sie die Balkanflüchtlinge nicht von den anderen trennen; die Verfahren werden auch nicht im Notstandslook karger Zeltbauten stattfinden, aber in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Dort sollen die Südosteuropäer bleiben, von dort auch zurückgeschickt werden.
Ob Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz, so wie es aussieht, machen alle mit. Und abschrecken wollen sie auch: mit Kampagnen auf dem Balkan, die den Menschen auf gepackten Koffern sagen, sie sollten besser wieder auspacken, weil sie in Deutschland nichts zu erwarten hätten.
"Wir haben eine Gruppe, deren Asylantrag mit 99-prozentiger Sicherheit abgelehnt werden wird, und eine andere, die zu 99 Prozent Asyl bekommt", sagte Niedersachsens sozialdemokratischer Ministerpräsident Stephan Weil der "Hannoverschen Allgemeinen". Ansonsten bekannt für seine offene Ausländerpolitik, meint auch er: "Wenn beide Gruppen zwei Jahre auf ihren Bescheid warten müssen, läuft etwas grundsätzlich falsch im System."
"Wir müssen aufpassen, dass alles, was wir an Willkommenskultur aufgebaut haben, nicht in Gefahr gerät", warnt Manfred Schmidt, Chef des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Auch Schmidt ist keiner, der als Hardliner aufgefallen wäre, aber so, wie er es sieht, gibt es Entscheidungen, die Demokraten treffen sollten. Bevor aus Willkommenskultur eine Haut-bloß-ab-Kultur wird.
Von Matthias Bartsch, Jürgen Dahlkamp, Maximilian Popp, Barbara Schmid, Christoph Schult, Andreas Ulrich und Antje Windmann

DER SPIEGEL 31/2015
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