25.07.2015

ZeitgeschichteSchlitzohr in Teheran

Die Besetzung der US-Botschaft 1979/81 brachte Iran und die Vereinigten Staaten an den Rand eines Krieges. Aktenfunde erhellen nun die geheime Vermittlerrolle der Deutschen.
Am Tag nach dem Ende seiner Präsidentschaft flog Jimmy Carter nach Frankfurt am Main, um 52 Landsleute zu begrüßen: jene Diplomaten, die gut ein Jahr lang von radikalen Studenten in der US-Botschaft in Teheran als Geiseln gefangen gehalten worden waren. Nun wurden sie im Krankenhaus der U. S. Air Force in Wiesbaden betreut. Carter wollte ihnen dort seine Anteilnahme bekunden.
Für die deutschen Gastgeber an diesem 21. Januar 1981 – in Bonn regierten seinerzeit Helmut Schmidt (SPD) und Hans-Dietrich Genscher (FDP) – fand der Expräsident warme, aber auch rätselhafte Worte. "Die Bundesrepublik", erklärte Carter, "hat uns in einer Art und Weise geholfen, die ich niemals gegenüber der Weltöffentlichkeit aufdecken kann."
Kaum war der Satz über die mysteriöse deutsche Rolle in der Welt, begann der Wettlauf um die Meriten. Kanzler Schmidt ließ sich von der "Süddeutschen Zeitung" feiern ("Bonn spielte offenbar eine maßgebliche Rolle"), Außenminister Genscher in der "Bild" ("Befreiung nachts bei Genscher ausgehandelt"), der Nahost-Unterhändler Hans-Jürgen Wischnewski in der "Welt".
Die Besetzung der US-Botschaft und die 444 Tage Geiselhaft gehören zu den dramatischen Ereignissen der Nachkriegsgeschichte. Erstmals traf die westliche Welt auf die radikalschiitische Bewegung des Ajatollah Khomeini, die die Regeln des Völkerrechts brach. Auf den Mauern des Botschaftsgeländes verbrannte der Mob amerikanische Fahnen. Zeitweise standen Iran und die USA am Rande eines Krieges, am Ende wollte jeder bei der friedlichen Lösung geholfen haben.
Worin genau der deutsche Beitrag dazu bestand, blieb allerdings unklar. Nun haben der Historiker Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, und der SPIEGEL in deutschen Archiven recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen. Dadurch lässt sich erkennen, welch "geschmeidige Mittlerrolle" die damalige Bundesregierung einnahm, wie es Bösch ausdrückt(*). Und dass es eine kaum bekannte Schlüsselfigur gab: Gerhard Ritzel, den deutschen Botschafter in Teheran.
Zeitzeugen beschreiben den kleingewachsenen beleibten Odenwälder, im Jahr
2000 verstorben, als mutiges Schlitzohr. Seine Karriere ist reich an Anekdoten. So hatte er als junger Diplomat in den Fünfzigerjahren auf einem Empfang in Bombay ein Stolpern vorgetäuscht und sich auf die Festtafel fallen lassen, um das Hakenkreuz aus farbigen Reiskörnern zu zerstören, das der gedankenlose Gastgeber zu Ehren der deutschen Gäste aufgetischt hatte; in Indien ist die Swastika ein Glückssymbol. Vor Treffen mit sowjetischen Diplomaten aß Ritzel Ölsardinen und trank die Kollegen dann unter den Tisch.
Als Ritzel 1977 seinen Posten in Teheran antrat, regierte noch der Schah, der beste Beziehungen nach Bonn unterhielt. Iran war wichtigster Erdöllieferant Deutschlands, im Gegenzug förderten Schmidt und Genscher den geplanten Export von U-Booten, Fregatten und Atomkraftwerken.
Ritzel suchte den Kontakt zur fundamentalistischen Opposition. Es waren abenteuerliche Treffen, von denen er später erzählte. Ein Wagen holte ihn vor einem Hotel ab, der Fahrer setzte ihn irgendwo in Teheran aus und drückte ihm einen Zettel in die Hand. Darauf stand: "Warten Sie hier, es kommt ein blauer Pick-up." Der Wagen wurde dann noch einmal gewechselt. Am Ende musste Ritzel diverse Hinterhöfe durchqueren und in ein Obergeschoss steigen, wo eine Granate ein Loch in die Wand gerissen hatte. Dort traf er dann seine Gesprächspartner, die schon bald die Macht in Iran übernahmen.
Im Januar 1979 verließ der Schah das Land, nachdem Millionen gegen ihn demonstriert hatten. Wenige Wochen später traf Khomeini aus dem Pariser Exil ein und rief eine Islamische Republik aus.
Bonn arrangierte sich schnell mit dem Regimewechsel. Der Westen fürchtete, Iran könne in den sowjetischen Einflussbereich abrutschen. Khomeini erschien als kleineres Übel – und das neue Regime perspektivlos. "Die Ajatollahs können das Land auf Dauer nicht regieren", prophezeite Kanzler Schmidt im März 1979. Khomeini ließ er ausrichten, Iran bleibe "unabhängig von seiner Regierungsform ein wichtiger außenwirtschaftlicher Partner".
Ritzel hingegen scheint Khomeini wirklich geschätzt zu haben. Der Schiitenführer sei ein "Menschenfreund", sagte er später, der Westen solle "dankbar sein, wenn ihm noch viele Jahre geschenkt werden".
Gezielt baute der Botschafter Kontakte zum Umfeld des "Imam" auf. Er profitierte davon, dass Khomeini auch Männer um sich scharrte, die in der Bundesrepublik gelebt hatten, darunter Sadegh Tabatabai, der an der Ruhr-Universität Bochum promoviert hatte. Seine Schwester hatte einen Sohn des Ajatollah geheiratet.
Tabatabai wurde Staatssekretär und Hauptansprechpartner Ritzels – und nach Beginn der Geiselnahme am 4. November 1979 zum Hoffnungsträger der Deutschen in der rasch eskalierenden Lage. Khomeini stellte sich hinter die Studenten und verteufelte die USA als "großen Satan". Präsident Carter verhängte scharfe Sanktionen, verlangte von den Verbündeten, es ihm gleichzutun, und ließ einen Militärschlag vorbereiten.
Ritzel war einer der wenigen westlichen Diplomaten, die in Teheran noch Gehör fanden. Schon wegen deutscher Exportinteressen wollte Bonn ein rasches Ende der Krise. Ritzel erwirkte, dass eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes die Geiseln besuchen durfte. Den Eingeschlossenen ließ er Zeitschriften zukommen, oben auf den Stapeln die SPIEGEL-Ausgabe 4/1979 mit Khomeini auf dem Titelbild. Und als der Revolutionsführer den Schah auffordern wollte, sich den "Beschwerden des iranischen Volkes" zu stellen, wurde das entsprechende Schreiben Ritzel übergeben. Allerdings verweigerte der Schah die Annahme.
Für die Amerikaner war die Lage in Teheran unübersichtlich, immer wieder meldeten sich selbst ernannte Mittelsmänner. Auf Ritzel kamen sie erst im Mai 1980. Gemeinsam mit Genscher flog er nach Wien und traf dort US-Außenminister Edmund Muskie, der mit Ritzel unter vier Augen sprach. Als Tabatabai davon erfuhr, erklärte der Iraner, dass er sich "dann wohl des deutschen Botschafters bedienen könne".
Auf Bitten der Amerikaner überließ das Auswärtige Amt ihnen jetzt Ritzels Lageberichte. Die Iraner fürchteten eine militärische Strafaktion, wenn die Geiseln frei kämen. Sie wollten zudem die Guthaben von zwölf Milliarden Dollar zurückhaben, die Carter bei US-Banken hatte einfrieren lassen. Und sie verlangten Zugriff auf das Vermögen des Schahs, das sie in den USA wähnten. Am 27. Mai signalisierte die US-Botschaft in Bonn, Ritzel möge den Iranern mitteilen, Carter würde eine entsprechende Erklärung "ernsthaft erwägen".
Um die Ajatollahs für einen Kompromiss zu gewinnen, machte der findige Ritzel eine Reise zu einem geistlichen Führer der heiligen Stadt Maschhad. Höflich bat er darum, ihm die Begriffe "Wahrheit", "Gerechtigkeit" und "Gastfreundschaft" aus islamischer Sicht auszulegen.
Nach drei Tagen religiös-philosophischer Debatten fragte der Ajatollah den Besucher, warum er wirklich gekommen sei. Ehrliche Auskunft Ritzels: Er suche Argumente für die Freilassung der Geiseln. "Ich werde das bedenken", erwiderte der Geistliche. Wenig später erschien ein Bote bei Ritzel mit einem Dokument des Geistlichen für Khomeini, das die Geiselnahme indirekt missbilligte. Noch Jahre später lobte Genscher den Diplomaten, der den "Boden für das Vertrauen" in die Bundesregierung bereitet habe.
Am 9. September bot Tabatabai an, sich mit einer US-Delegation in der Bundesrepublik zu treffen. Im Auftrag Khomeinis bat er darum, Deutschland solle Protokoll führen und Genscher bei den Gesprächen so lange wie möglich "mitwirken".
Eine Woche später begannen unter Leitung Genschers die Geheimverhandlungen zwischen Tabatabai und dem stellvertretenden US-Außenminister Warren Christopher im Gästehaus des Auswärtigen Amts auf dem Bonner Venusberg. Christopher war überrascht von Tabatabai: ein gut aussehender Mitdreißiger in Flanellhosen und einem sportlichen Tweed-Jackett. So hatte er sich einen Vertreter des Khomeini-Regimes nicht vorgestellt.
Dessen Forderungen brachten den US-Unterhändler allerdings in Schwierigkeiten. Schließlich konnte Washington nicht über das Eigentum des inzwischen verstorbenen Schahs verfügen. Auch verlangten amerikanische Gläubiger, aus dem beschlagnahmten iranischen Vermögen zunächst entschädigt zu werden.
Immerhin bot Christopher eine Nicht-Angriffsgarantie und stellte die Freigabe von Gold und anderen Werten in Höhe von knapp sechs Milliarden Dollar in Aussicht. Das Gold sollte mithilfe der Bundesbank überstellt werden. Christopher sagte auch zu, bei der "Überwindung des Bankgeheimnisses zu helfen", um an das Schah-Vermögen zu kommen. Das sei "überaus weitgehend und sehr beachtlich", warf Genscher ein, seine Regierung könnte Vergleichbares nicht anbieten. Noch Jahre später zeigte sich Christopher überzeugt, ohne Hilfe des Außenministers wären die Gespräche an dieser Stelle wohl gescheitert.
Carter notierte in seinem Tagebuch, erstmals habe er Gewissheit, "wirklich in direktem Kontakt" mit Khomeini zu stehen.
Eine Einigung schien nahe. Ritzel traf sich in den folgenden Wochen fast täglich mit Tabatabai; aus Geheimhaltungsgründen wurde dieser in den deutschen Dokumenten jetzt "der Reisende" genannt.
Anfang Oktober hinterlegten die Amerikaner in ihrer Botschaft in Bonn Entwürfe für Rechtsverordnungen, mit denen Carter die umstrittenen Punkte regeln wollte. Genscher half, wo er konnte. Er bot Tabatabai eine deutsche "Garantenrolle zur Einhaltung der amerikanischen Verpflichtungen" an; er sagte eine "positive Beeinflussung der öffentlichen Meinung über den Iran" zu und schlug Treffen in Berchtesgaden oder Saudi-Arabien vor.
Doch auf einmal erstarrte die iranische Seite wieder. Über die Gründe ist viel spekuliert worden. Am 4. November sollte in den USA gewählt werden – wollte Khomeini verhindern, dass ein Ende des Geiseldramas Carter bei den Wahlen hilft? Oder hatte im Teheraner Machtkampf eine andere Gruppe Oberhand gewonnen?
Tabatabai überbrachte jedenfalls am 9. November alarmierende Nachrichten. Ihm drohe eine Verhaftung, Ritzel müsse dafür sorgen, dass alle Dokumente vernichtet würden, die auf seine Rolle verwiesen.
Die Angst erwies sich als übertrieben, Tabatabai wurde später zum Sonderbotschafter ernannt und starb vor wenigen Monaten. Doch als die Iraner im November die Verhandlungen mit den USA wieder aufnahmen, umgingen sie ihn und seine Deutschland-Connection. Bei der Freigabe der iranischen Milliarden half nun Algerien, und am 20. Januar 1981 wurden die Geiseln ausgeflogen. US-Präsident Carters Lob für die Deutschen hat dennoch Bestand. Ohne deren vorausgehende Vermittlung, sagt Historiker Bösch, wäre die Einigung nicht gelungen. Selbst der Vorschlag, Algerien einzubeziehen, stammte aus Bonn. Nach Aktenlage kam er von Helmut Schmidt.
* Frank Bösch: "Zwischen Schah und Khomeini. Die Bundesrepublik Deutschland und die islamische Revolution im Iran". Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Band 63 (2015), Heft 3, Seite 319 bis 350.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 31/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
Schlitzohr in Teheran