25.07.2015

Spionage800 Euro zum Kaffee

Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen einen russischen Physiker, der ein Max-Planck-Institut ausgeforscht haben soll.
Ivan A. hatte einen entspannten Urlaub geplant. Am Düsseldorfer Flughafen holte der russische Wissenschaftler seine gerade aus Moskau eingetroffene Ehefrau ab, um mit ihr zunächst nach Eindhoven zu fahren, wo er an der Technischen Universität (TU) forschte. Von dort sollte es weitergehen ans Meer. Das war im Juli vergangenen Jahres. Doch der Physiker hatte gerade seinen Parkschein in den Automaten gesteckt, als sich ihm ein Wagen mit schwer bewaffneten Polizeibeamten in den Weg stellte.
Das russische Paar wurde festgenommen und bis spät in der Nacht in der Inspektion der Bundespolizei verhört. Der Laptop, das Handy und sogar der Kindle des Physikers wurden beschlagnahmt. Nachdem sie Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht hatten, eröffneten ihm die Beamten den Vorwurf: Spionage. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe führt inzwischen ein Verfahren wegen "des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit" gegen den Russen. Aktenzeichen: GBA 3BJs 7/14-3 geh.
Der 28-jährige Physiker steht unter dem Verdacht, vertrauliche Forschungsinhalte an den russischen Geheimdienst SWR verraten zu haben. Es geht um den sensiblen Bereich Wissenschafts- und Industriespionage, um Hightech aus den Niederlanden und Deutschland. Die TU kooperiert eng mit dem Technologiekonzern Philips, der in Eindhoven einst gegründet wurde.
Und es geht um Know-how aus einer deutschen Eliteeinrichtung. Denn bevor Ivan A. 2013 in die Niederlande ging, forschte er über drei Jahre lang, von 2009 bis 2011, jeweils für mehrere Monate als Gastwissenschaftler am "Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts" im bayerischen Erlangen. Die Spezialgebiete des Russen: Quantenoptik und Nanophotonik. Er arbeitete in der Grundlagenforschung, die etwa bei der Entwicklung von ultraschnellen Quantencomputern eine Rolle spielt.
Seit Jahren warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) vor russischen Angriffen auf deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Diverse hoch professionelle Hackerangriffe, etwa auf das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Jahr 2013, werden russischen oder chinesischen Geheimdiensten zugeschrieben.
Aufmerksam wurde der Verfassungsschutz auf den Wissenschaftler offenbar eher zufällig. Das Amt observierte gerade einen russischen Diplomaten am Generalkonsulat in Bonn, den es als Offizier des zivilen russischen Geheimdienstes SWR enttarnt hatte. Einmal im Monat reiste der falsche Diplomat nach Aachen, wo er in einem Café beim Hauptbahnhof einen Landsmann traf. Bei diesen Treffen soll Geld übergeben worden sein.
Der Landsmann, so stellte sich bald heraus, war der junge Physiker Ivan A., der jedes Mal mit dem Auto aus den Niederlanden nach Aachen anreiste.
Auf seinem Spezialgebiet war er offenbar sehr erfolgreich. Seinem LinkedIn-Profil zufolge promovierte er an der Lomonossow-Universität in Moskau, gewann Stipendien und forschte an internationalen Einrichtungen wie dem Max-Planck-Institut. "Ivan A. war ein vielversprechender und höchst talentierter Forscher", erinnert sich Professor Gerd Leuchs, der mit A. in Erlangen zusammenarbeitete und mehrfach mit ihm publizierte.
Als das Institut von dem Spionageverdacht gegen den russischen Wissenschaftler erfuhr, war Ivan A. bereits nicht mehr in Leuchs Arbeitsgruppe. Im Februar 2014 unterrichtete ein BfV-Mitarbeiter diskret die Personalabteilung der Forschungseinrichtung, fünf Monate später wurde der mutmaßliche Spion festgenommen. Seitdem warten die Wissenschaftler des Instituts auf das Ergebnis der Ermittlungen, in welchem Umfang er womöglich Forschungsinhalte gestohlen hat.
Die TU Eindhoven, wo A. von September 2013 bis Juli 2014 forschte, leitete interne Untersuchungen ein, als sie von dem Spionageverdacht erfuhr. Der Russe wurde mit den Vorwürfen konfrontiert und verlor seine Zulassung. Er werde als "Gefahr für die nationale Sicherheit des Landes" betrachtet, schrieb das niederländische Justizministerium, das ihm das Schengenvisum entzog, mit dem er in Europa reisen konnte. Er sei eine Persona non grata, eine unerwünschte Person.
Ivan A. ist nach Moskau zurückgekehrt, wo ihn der SPIEGEL mit den Vorwürfen konfrontierte. "Ich bin kein Spion", sagte der Wissenschaftler. Bei den monatlichen Treffen in Aachen sei es um ein Apartment in Moskau gegangen, "das ich an Freunde des russischen Diplomaten vermietet hatte". Dass er bei den Treffen Geld bekam, räumt A. ein. 800 Euro habe ihm der Diplomat jeden Monat beim Kaffee überreicht, angeblich für die Miete der Moskauer Wohnung.
Abgeschlossen ist der Fall noch nicht. Der Verfassungsschutz versucht das deutsche Umfeld des Wissenschaftlers und des inzwischen ausgewiesenen Diplomaten abzuklären. Deshalb bat er die Bundesanwaltschaft, bei den Ermittlungen "vorübergehend innezuhalten".
Das Schreiben vom 29. Juni landete allerdings nicht nur in Karlsruhe, sondern auch im privaten Mail-Account eines Wuppertalers. Der Mann hatte sich als "Mechaniker" und "Observant" beim BfV beworben. Im Anhang seiner Absage-Mail fand er als Irrläufer das brisante Schreiben an die Bundesanwaltschaft.
Die Ermittlungen gegen Ivan A. und seinen mutmaßlichen Agentenführer dauern an.
Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 31/2015
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