25.07.2015

StrafjustizWenn aus Liebe Hass wird

Ein Mann vergiftet seine Frau mit Blei und Quecksilber, er will sie töten. Davor war es das perfekte Glück.
Als Marion K. ihrem Ehemann eröffnet, dass sie die Scheidung will, geht er auf den Dachboden und kramt eine 1,5 Liter große Weinflasche hervor. Sie haben sie zur Hochzeit geschenkt bekommen. "Für einen besonderen Moment", steht auf dem Etikett. "Komischer besonderer Moment", sagt Christian K. zu seiner Frau, sie stoßen an. Es ist nicht der einzige komische besondere Moment in der Ehe der K.s. Und es wird nach diesem Abend noch sehr viele besondere Momente geben, die sind allerdings weniger komisch.
Die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Göttingen hat Christian K. am Donnerstag wegen versuchten Mordes an seiner Ehefrau Marion aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hat versucht, sie mit Bleiacetat, einer Bleiverbindung, und Quecksilber zu vergiften. Die Staatsanwaltschaft war davon überzeugt, dass er sie auch aus Habgier umbringen wollte. Weil er sich den Unterhaltungszahlungen entziehen und das gemeinsame Vermögen nicht aufteilen wollte.
Vor Gericht saß ein großer smarter Mann in dunklem Anzug, schlanke Finger, 44 Jahre alt, Immobilienkaufmann, Jahreseinkommen 200 000 Euro, Besitzer mehrerer Grundstücke und Mietshäuser. Dem Vorsitzenden Richter Ralf Günther gegenüber war er betont höflich, fast unterwürfig. Christian K. hatte sich für den einzigen Weg entschieden, der ihm geblieben war: Er gestand, packte aus, machte "Tabula rasa" und ließ "die Hosen runter", wie er sagte. "Ich werde voll einstehen für das, was ich getan habe, die vollen Konsequenzen übernehmen." Er schluckte hörbar. "Wenn man so eine Tat begeht, dann hat man erst einmal die Achtung vor sich selbst verloren." Christian K. sprach frei, vor ihm auf dem Tisch lagen keine Notizen, keine Gedächtnisstützen, nur seine gefalteten, gepflegten Hände.
Marion und er begegneten sich 1999 während des Studiums in Bochum. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Diese große, extrem schlanke Blondine verdrehte ihm den Kopf. Sie begannen eine heftige Affäre, betrogen heimlich ihre Partner. Bis sie aufflogen: Es war auch das Ende der Amour fou zwischen Marion und Christian, sie verloren sich aus den Augen.
Christian K. versöhnte sich mit der Frau, die er betrogen hatte, sie wurde schwanger. 2006 meldete sich Marion wieder bei Christian, alte Gefühle kochten hoch. Christian K. entschied sich für seine Traumfrau, wie er sagt. Er verließ seine Freundin und die neugeborene Tochter, zog mit Marion nach Göttingen, in der nahe gelegenen Gemeinde Bovenden kauften sie ein Haus.
Das Glück sei perfekt gewesen, wird Christian K. später auf der Anklagebank sagen. Nur ein gemeinsames Kind habe gefehlt. Dieses Glück blieb ihnen verwehrt, Marion K. litt lange darunter. Im Nachhinein sei sie so froh darüber, mit diesem Mann kein Kind zu haben, wird sie später als Zeugin vor Gericht sagen.
Wie so oft, wenn sich Paare trennen, ist einer die treibende Kraft, der Entschlossenere. Dann kommt die Entscheidung für den anderen oft aus heiterem Himmel, er hat die Warnsignale überhört oder nicht ernst genommen. Verzweifelt bittet er um eine weitere Chance, auch wenn er schon viele gehabt und vertan hat.
Zu dieser Gruppe gehört Christian K. Im April 2014 schrieb Marion K. ihrem Ehemann einen Brief, sie sei es leid, seine ewige Eifersucht, der Umgang mit seiner Tochter, an dem er sie nicht teilhaben lasse. Es änderte sich nichts. Am 11. Mai sprach sie erstmals von Trennung, Christian K. sagt, er sei aus allen Wolken gefallen. Die Nachbarin und ein enger Freund bestätigten vor Gericht, er habe damals auf sie sehr betroffen gewirkt. Christian K. gelobte Besserung, schlug eine Paartherapie vor, eine Auszeit zum Nachdenken, bloß keine Scheidung. Einmal stellte er sich mit der Gitarre in die Garageneinfahrt, sang für sie.
Das Paar reiste noch einmal zusammen nach Fuerteventura, wohin einst die Hochzeitsreise gegangen war. Christian K. schöpfte Hoffnung. Doch Marion K. hatte ihre Ehe satt. "Wenn ich mich trenne, trenne ich mich, ich mache kein Wischiwaschi", sagte sie vor Gericht. Trotz Trennung kam es in den aufgewärmten Flitterwochen zu Intimitäten, nach dem Urlaub dennoch Post vom Scheidungsanwalt. Ihre Entscheidung hatte Marion K. allein gefällt, sie stand fest, unumkehrbar. Eine Frau wie Marion K. macht keine halben Sachen.
Sie blieb so unerbittlich, wie es Menschen tun, die sich emotional längst von ihrem Partner entfernt haben, eine Versöhnung kategorisch ausschlagen, nur noch nach vorn blicken, nie zurück. In solchen Fällen schmieden verlassene Partner auch perfide Pläne, selten aber setzen sie sie in die Tat um. Anders Christian K.
Als der Sportschütze und Jäger mal wieder auf Zielscheiben schoss, blickte er auf das Blei an seinen Händen, setzte sich vor den Computer, recherchierte im Internet. Was kann Blei im Körper anrichten? "Das war der Augenblick, als ich das Verhältnis zu Unrecht und Recht verloren habe", sagt er vor Gericht. Er habe seine Frau an sich binden wollen, um jeden Preis. Er wollte, dass sie krank wurde, ihn brauchte, er sie umsorgen konnte. Er schmolz Bleigeschosse seiner Munition über einem Bunsenbrenner, verarbeitete sie zu Bleiacetat und stieß sie in einem Mörser zu Pulver, das er ihr in ihre Lieblingsweine mischte. Bei ihren Gesprächen über die getrennte Zukunft servierte er seiner Frau die Bleiweine. Er mischte Bleiacetat auch in Nahrungsergänzungsmittel, in Fertigsuppen, Salz, Speiseöl, Essig und Brühe.
Sein Plan ging auf: Marion K. fühlte sich zunehmend elend, sie nahm rapide ab. Die Ärzte untersuchten sie auf Hepatitis, HIV, machten eine Bauchspiegelung. Einige vermuteten, sie verkrafte die Trennung psychisch nicht. Eine Diagnose, die sie noch heute wütend macht.
Ihr Ehemann versorgte sie, kochte für sie und ging ihr damit auf die Nerven. Einer Freundin schrieb sie: "Immer, wenn Christian da ist, geht es mir schlecht." Sie kam ins Krankenhaus, Christian K. besuchte sie täglich und blieb in dem gemeinsamen Haus wohnen. Im August forderte ihr Anwalt Christian K. auf, endlich auszuziehen; aus dem Zuhause, an dem er so hing, von dem er meinte, dort mit Marion alt zu werden. Erst jetzt will sich Christian K. entschlossen haben, seine Ehefrau zu töten. "Ich entschied mich: Jetzt bringst du sie um. Ich hatte alle Skrupel verloren."
Nun griff er zu Quecksilber, füllte es in Spritzen ab, spritzte es in Backofen, Toaster und auf Heizkörper. Bei höheren Temperaturen verdampft mehr Quecksilber. Auch auf die Fußmatten und in die Lüftungsschächte beider Autos des Paares spritzte er das Schwermetall. Marion K. ahnte nichts. Sie sah das Gift nicht, schmeckte es nicht, roch es nicht. Erst als sie für ihren Exfreund Brötchen aufbacken wollte, entdeckte sie die silbrigen Kügelchen im Ofen, sie wurde misstrauisch, ging zum Arzt, der entdeckte einen hohen Bleiwert in ihrem Körper. Sie ging zur Polizei, am 13. Dezember wurde ihr Ehemann verhaftet. Bei seiner Festnahme trug er eine scharf gemachte Schreckschusspistole mit fünf Patronen in seiner rechten Jackentasche.
Vor Gericht erschien Marion K. im schwarzen Trenchcoat über dem seidenglänzenden Sommerkleidchen, die spitzen Schuhe mit großen Strasssteinchen verziert, ihre Fingernägel lang, rot lackiert und aus Plastik. Marion K. ist 39 Jahre alt, selbstständige Immobilienmaklerin, eine Frau, die schon mit ihrem Auftreten signalisiert, was sie will: einen Mann, keinen großen Jungen wie Christian K. So zumindest habe es sich am Ende ihrer Ehe angefühlt, sagte sie. Seit der Scheidung trägt sie wieder ihren Mädchennamen.
Sie erzählte von den besonderen Momenten in ihrem Eheleben, vom letzten Urlaub auf der Zugspitze mit Übernachtung im Iglu, einem Geschenk ihres Mannes. Sie erzählte von Streitigkeiten wegen seiner Tochter, die er konsequent allein besuchte, von Misstrauen und Eifersucht, seinen Fluchten ins Gartenhaus, wenn sie sich gestritten hatten. Davon, wie sie sich später heimlich die Spirale einsetzen ließ, von wegen Kinderwunsch.
Sie schilderte die Tage vor seiner Verhaftung, wie sie sich in einem Hotel verstecken und den Verdacht gegen ihren Ehemann verschleiern musste, darum hatten die Ermittler sie gebeten. Immer wieder schaute sie zur Anklagebank, sprach ihren Exmann direkt an. "Ständig diese Angst, dass du eine neue Scheiße baust, du Idiot!" Der Vorsitzende Richter ermahnte sie. Christian K. blickte sie ruhig an.
Marion K. hat ihre eigene Art, ihr Elend in den Wochen der Vergiftung zu schildern. Beim Aquajogging zum Beispiel habe sie sich so schwach gefühlt, dass "die ganzen Dicken und Alten das besser konnten als ich". Vor dem Mordanschlag wog sich Marion K. jeden Tag, trainierte mit einem Personal Trainer, verwendete eine Fettwaage, vermutlich tut sie es noch immer.
Ob sie in ihrer Ehe sexuelle Kontakte zu anderen Männern gehabt habe, wollte Richter Günther von Marion K. wissen. Einmal habe sie mit dem Tennislehrer geknutscht, sagte sie. Aber das sei in Ordnung gewesen, denn es habe ja diesen Vertrag gegeben zwischen ihr und ihrem Mann, entworfen in einer Weinlaune, wonach "jeder einmal links und rechts schauen" dürfe. Dass sie zusammen im Swingerklub gewesen waren, erwähnte sie nicht. Sie ist um ihren Ruf bemüht. Auch in finanziellen Dingen. Sie habe sich nie abhängig gemacht von ihrem Mann, betonte sie.
Auch ihm sei es nie ums Geld gegangen, sagte Christian K. Er wehrte sich gegen das Mordmotiv Habgier. Sie werde keine Forderungen stellen, habe Marion K. auf dem Weg in den Abschiedsurlaub nach Fuerteventura angekündigt. Ihr Anwalt schrieb das Gegenteil, das Paar hat keinen Ehevertrag.
Es kam wie in den meisten Scheidungsfällen auch zwischen den Eheleuten K. zu besonderen, ganz und gar nicht komischen Momenten. So änderte Christian K., zwei Tage bevor ihm seine Frau die Trennung verkündete, sein Testament, machte seine Tochter zur Alleinerbin. "Die Weiber nehmen einen ja ohnehin aus", soll er später zu Marion K. gesagt haben und dass aus Liebe Hass werde, er die Mutter seiner Tochter inzwischen mehr möge als sie. Die Hochzeitskerze verbrannte er im Garten, seine Frau fragte er brüllend, was in ihrem "abgemagerten Hirn" vor sich gehe.
Es herrschte eine angenehme Verhandlungsatmosphäre im Sitzungssaal B 25 des Landgerichts Göttingen. Nur einmal versuchte die Staatsanwältin den Angeklagten zu diskreditieren. Sein Verteidiger Holger Nitz wies sie höflich in die Schranken. Die Strategie, die er mit seinem Anwaltskollegen Karl-Heinz Mügge ausgetüftelt hatte, ging auf: Das Gericht honorierte Christian K.s Offenheit mit Respekt.
Kurz vor Ende der Beweisaufnahme räumte Christian K. auch ein, seiner schwer kranken Ehefrau von einer ihr unbekannten Handynummer eine SMS in die Reha geschickt zu haben, in der nur die Zahl 50 stand. Sie tippte zurück, was das solle. Antwort: "51".
Was hatte es mit der verschlüsselten Botschaft auf sich? Er habe nur sehen wollen, wie sie reagiere, sagte K. Vielleicht aber hat die Zahl auch mit einer Liste zu tun, die die Ermittler auf seinem Laptop sicherstellten: 77 Vornamen von Frauen stehen darauf. Eine Trophäenliste, wie Marion K. behauptete? Ihr Name steht auf Platz 43. Eine "Erinnerungsliste", sagte Christian K. Von Frauen, die eine Bedeutung in seinem Leben hatten, nicht mit allen will er Sex gehabt haben. Mit einer von ihnen ist Christian K. inzwischen verlobt, jeden Mittwoch besucht sie ihn im Gefängnis. Auch der Name der Frau, die er für Marion einst sitzen ließ, steht auf der Liste. Die Mutter seiner Tochter. Sie saß beim Prozessauftakt im Zuschauerraum, um ihm beizustehen.
Von Julia Jüttner

DER SPIEGEL 31/2015
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