25.07.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteBombenidee

Ein Tätowierer aus Südfrankreich legt im Suff und aus Liebe den Flughafen von Bordeaux lahm.
Es gibt von Créon, irgendwo zwischen Garonne und Dordogne gelegen, nur einen vernünftigen Weg zum Flughafen von Bordeaux. Man nimmt die Landstraße Richtung Westen, fährt durch viel Weinanbau links und rechts, erreicht die Rocade, die Ringautobahn um Bordeaux, und biegt ein Richtung Mérignac, wo der Flughafen liegt, helle Gebäude entlang einer breiten Rampe, von der man weit in die Landschaft schauen kann. Bei normalem Verkehr dauert das gut eine halbe Stunde, aber was heißt schon normal. Morgens staut sich der Verkehr um Bordeaux fast immer, dann ist BOD, der Flughafen, von Créon aus in einer halben Stunde nicht mehr zu erreichen. Es sei denn, es passiert etwas.
Nicolas G. lebt noch nicht lange in Créon, er ist aus Paris zugezogen mit seiner Freundin, wegen der Kinder, dann folgte eine hässliche Trennung. Seit Kurzem ist er neu verliebt. Es ist Ende Mai, ein früher Morgen, als sich seine neue Freundin auf den Weg zum Flughafen macht. Sie muss geschäftlich nach Paris. Sie ist spät dran, die Straßen sind dicht. Am Abend zuvor haben sie Nicolas' 33. Geburtstag gefeiert, Calvados getrunken, es wurde spät. Aus dem Auto ruft die Geliebte an, um zu jammern, sie fürchtet, das Flugzeug nicht rechtzeitig zu erreichen.
An jenem Morgen will Nicolas, frisch verliebt, romantisch, noch betrunken, unbedingt helfen. Der neuen Frau zeigen, dass er Wunder für sie wirken kann. Er überlegt fieberhaft, wie er seiner Freundin mehr Zeit verschaffen könnte, koste es, was es wolle. Sie warnt ihn. Es hilft nichts.
Flughäfen, auch der kleine, regionale von Bordeaux, zwei Terminals, A und B, sind Orte, an denen Sicherheit über alles geht. Herrenlose Koffer sorgen für Großalarm, handelsübliche Marmeladengläser sind vor dem Einstieg ins Flugzeug wegzuwerfen, weil sie Sprengstoff enthalten könnten. Frankreich ist seit dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" noch nervöser als zuvor. Und seine Sicherheitskräfte waren nie zimperlich. Sie packen zu, wenn Gefahr im Verzug ist.
Das tun sie auch, kurz nachdem Nicolas G., verliebt, betrunken, bescheuert, die Nummer des Flughafens von Bordeaux wählt. Er wird später sagen: "Frauen sind vernünftiger. Das ist einfach so."
Aber er verhält sich an diesem Morgen alles andere als vernünftig. Um halb acht morgens erreicht er die Telefonzentrale des Airports. Er sagt, als wäre es nur ein Telefonstreich des kleinen Nicolas: "Es gibt eine Bombe, es gibt eine Bombe. Glauben Sie mir, glauben Sie mir!"
Es gibt keine Bombe, nur Nicolas G.s Bombenidee, die in BOD, Bordeaux-Mérignac, ordentlich Wirbel macht. Nach dem Drohanruf wird der Flughafen abgeriegelt, Grenzschutzpolizei und Gendarmerie rücken an, es wird alles auf links gedreht auf der Suche nach der Bombe. Ein paar Stunden später stehen Polizisten bei Nicolas G. vor der Tür. Er öffnet und sagt: "Ich weiß, warum Sie hier sind." Als er und seine Freundin zum zweiten Mal an diesem Tag miteinander telefonieren, ist sie schon in Paris, sie hat es tatsächlich geschafft, und er, Nicolas G., ist schon in Polizeigewahrsam.
Im Juni steht er vor der Strafkammer des Landgerichts Bordeaux, ein feingliedriger Mensch mit präzisen Gesichtszügen, Piercings in Kinn und Nasenrücken und Tattoos von der Schädeldecke bis zu den Fingerspitzen. Die Verhandlung fällt genau auf den Tag, an dem ein neuer, verstörender Anschlag das Land erschüttert. Nahe Lyon gelangt ein Mann mit einem Transporter auf das Gelände einer Firma für Industriegase, hinten im Wagen liegt die Leiche seines enthaupteten Chefs.
Nicolas G. hat Glück. Er ist nicht angeklagt wegen einer Terrordrohung. Sein Vergehen wurde – Frankreichs Justiz kann sehr milde sein bei kleinen und großen Verbrechen aus Leidenschaft – nachsichtig bewertet. Es fällt unter "die Verbreitung falscher Informationen". Darauf stehen sechs Monate Gefängnis, nur.
Nicolas G., Tätowierer, will nicht ins Gefängnis. Nicht jetzt, wo er viel weniger Dummheiten macht als früher. Sachen wie Auto fahren mit zu viel Alkohol im Blut, Cannabis rauchen, sich Kokain reinziehen.
Der Staatsanwalt fragt Nicolas, warum er sich als rettender Ritter aufgespielt habe, statt seine Freundin einfach rechtzeitig zum Flughafen zu fahren. Warum er einen ganzen Flughafen durcheinandergebracht und das Leben Hunderter Mitbürger gestört habe, nur für sein "kleines Privatvergnügen". "Er ist egoistisch, ein unreifer Junge, ein unfähiger Bürger", sagt der Staatsanwalt. Nicolas G.s Anwalt entgegnet: Ja, sein Mandant habe Probleme gehabt, Drogen, Trennung, aber das sei Vergangenheit. Der Flughafen Bordeaux tritt als Nebenkläger auf, dessen Juristin beziffert den Schaden auf 3000 Euro. Die Richterin hat offenkundig keine Lust, an diesem tätowierten, gepiercten, verliebten Kindskopf ein Exempel zu statuieren. Zu eigen ist dieser Fall, es braucht kein abschreckendes Beispiel für andere, nicht auf ähnlich dumme Ideen zu kommen. Nicolas G. bekommt drei Monate auf Bewährung. An den Flughafen muss er 500 Euro zahlen, und einen Lehrgang für staatsbürgerliches Verhalten muss er besuchen.
Mit dummen Fehlern verhält es sich wie mit Tattoos. Rückgängig machen kann man sie nicht, und wenn man es versucht, bleiben Narben. Man hat danach keine Wahl mehr, sie sind eingeprägt bis zum Schluss. Man kann nur lernen, damit zu leben. Nicolas hat seiner Freundin ein Tattoo gestochen. Es zeigt eine Bombe mit brennender Zündschnur, kurz vor der Explosion, um sie herum schwirrt ein Flieger aus Papier.
Von Alexandra Duong

DER SPIEGEL 31/2015
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