25.07.2015

HomestoryBesuch von Sasha

Was passiert, wenn der Nachbar Obamas Tochter als Babysitterin engagiert
Auf dem Parkplatz vor unserem Haus in Washington, D. C., auf dem normalerweise unser Familienauto steht, hielten neulich drei schwarze Limousinen des Secret Service mit abgedunkelten Scheiben. Männer mit schwarzer Sonnenbrille und in Cargohosen stiegen aus und postierten sich an den Ecken unserer Straße, Nachbarn lugten durch ihr Küchenfenster. Über unsere Siedlung legte sich eine beklemmende Stille, die nur unterbrochen wurde vom Knistern der Funkgeräte. Es sah so aus, als könnte es eine Schießerei geben oder als würde gleich eine Drohne landen.
Eine halbe Stunde später fuhr eine weitere Limousine vor, ein Secret-Service-Mann öffnete die Tür, und ein junges schwarzes Mädchen stieg aus: Natasha Obama, genannt Sasha, die jüngere Tochter des US-Präsidenten Barack Obama. Ich hätte sie nicht erkannt, wäre nicht am Nachmittag das Gerücht durch unsere Nachbarschaft gegangen, dass sie kommt. Sasha, 13 Jahre alt, wollte sich an diesem Abend offenbar ein Stück ihres Kinderlebens zurückholen und so tun, als wäre sie ein ganz normales Mädchen. Sie hatte, zusammen mit einer Freundin, als Babysitterin bei unseren Nachbarn zugesagt, die zwei kleine Kinder haben. Es hieß, sie würden die Obamas über zwei Ecken kennen.
Sasha Obama lief keine zehn Meter von uns entfernt, sie trug ein grau-schwarz gestreiftes T-Shirt und Jeans, die schwarzen Haare waren zu einem Dutt hochgesteckt, sie lächelte schüchtern. Sie sah aus, wie eine 13-Jährige eben aussieht, nicht wie die Tochter des mächtigsten Mannes der Welt. Sie ging die Treppe hinauf in den ersten Stock und verschwand in einem der Kinderzimmer. Die Lage entspannte sich, auch für uns und unsere Nachbarn, die wir das alles verfolgt hatten wie Gaffer auf der Autobahn.
Man hatte danach jedenfalls einen ungefähren Eindruck davon bekommen, wie das Leben einer Präsidententochter im Alltag so verläuft. Eine Präsidententochter kann nicht einfach ein Eis essen gehen oder ins Schwimmbad, wenn es draußen warm ist. Wenn sich eine Präsidententochter zum Taschengeld etwas dazuverdienen will, müssen ganze Viertel abgesperrt werden. Im Februar wollte Michelle Obama mit ihren beiden Töchtern Sasha und Malia übers Wochenende in Aspen Ski fahren, ihr Mann hatte keine Zeit.
Die Obamas wollten den Kurzurlaub geheim halten, aber als die Straße durch die Folgen eines Autounfalls blockiert wurde und der Wagen mit Amerikas First Lady feststeckte, begann der Secret Service nervös zu werden. Die Männer in den dunklen Limousinen klemmten ihre Blaulichter auf die Autodächer und fuhren mit hoher Geschwindigkeit davon. Die Kolonne machte natürlich Schlagzeilen. Mit dem Skifahren ging es dann nicht mehr so gut, jede Abfahrt der Obamas war ein kleines Spektakel.
An dem Abend, als Sasha Obama bei unseren Nachbarn die Kinder hütete, ging ich nach einer Weile mit meinem Sohn und unserem Hund raus. Das Schöne an meinem Beruf ist unter anderem, dass man Neugierde mit beruflichen Erfordernissen begründen kann. Wir wollten natürlich vor allem wissen, wie es aus der Nähe aussieht, wenn man eine Präsidententochter zu schützen hat.
Die Kollegen vom Secret Service fanden unseren Ausflug nicht so gut. Als sie uns kommen sahen, schoben sie hastig die Türen ihrer Minivans zu. Wir konnten noch erkennen, dass das Innere des Wagens an das Kontrollzentrum eines Atomkraftwerks erinnerte, mit Funkanlage, Computerbildschirmen und jeder Menge Überwachungstechnik. Wahrscheinlich wussten die Männer in den Autos längst, welche Tablets und Smartphones die Nachbarschaft in Betrieb hatte.
Wir hatten Verständnis dafür, dass die Agenten uns ihr Auto nicht zeigen wollten, der Secret Service hat zurzeit keinen guten Lauf. Im vergangenen September war ein Kriegsveteran mit einem Messer über den Zaun des Weißen Hauses gesprungen. Im März waren zwei Agenten des Secret Service zu einer Feier in Georgetown gegangen, hatten Alkohol getrunken und waren anschließend mit ihrem Wagen in die Barrieren am Weißen Haus gebrettert. Und im April landete ein Mann aus Florida in einem hubschrauberähnlichen Gerät auf dem Rasen vor dem Kapitol. Im Gepäck hatte er Protestschreiben an die Kongressmitglieder, er dachte wahrscheinlich, es würde seinem Anliegen Nachdruck verleihen, wenn er seine Briefe persönlich vorbeibringt.
Wegen solcher Zwischenfälle wird derzeit viel gespottet über den Secret Service. Neulich scherzte ein bekannter Comedian, die Beamten des Secret Service seien die einzigen weißen Polizisten in Amerika, die richtig Ärger bekämen, wenn ein Schwarzer erschossen würde.
Es ist deshalb vollkommen klar, dass der Secret Service angespannt ist, wenn die Tochter des Präsidenten auf fremde Kinder aufpasst. Der Sicherheitsbeamte, der vor dem Haus unserer Nachbarn stand, fragte mich: "Wie geht es Ihnen an diesem Abend, Sir?" Wenn ich seinen Tonfall richtig gedeutet habe, hat er allerdings eher gesagt: "Machen Sie sich vom Acker, aber dalli." Wir sind dann schnell weitergegangen.
Das Babysitting an sich muss, nach allem, was wir beobachten konnten, wenig spektakulär verlaufen sei. Sasha Obama und ihre Freundin saßen eine Weile mit den beiden Kleinkindern zusammen, dann brachten sie die beiden ins Bett. Nach zwei Stunden, kurz vor 22 Uhr, wurde die Präsidententochter wieder abgeholt.
Unsere Nachbarn überlegten lange, wie viel Geld man einer 13-jährigen Präsidententochter für zwei Stunden Babysitten zahlen sollte. Gibt es überhaupt einen angemessenen Tarif für die Dienste der First Family? Unsere Nachbarn entschieden sich für einen Betrag, der groß genug war, dass sich Sasha Obama davon eine Kinokarte kaufen konnte.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 31/2015
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