25.07.2015

Tourismus„Mulmiges Gefühl“

Der Reiseunternehmer Michael Karavás über das Fernbleiben deutscher Urlauber in Griechenland und die schwierige Situation der Branche
Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Touristen in Griechenland einen historischen Höchststand. 2015 hingegen steht das Geschäft unter Druck. Karavás, 76, ist Grieche, seine Münchner Firma Attika-Reisen gehört zu den größten Griechenland-Spezialanbietern in Deutschland. Er lebt auch auf der griechischen Insel Paros.

SPIEGEL: Herr Karavás, macht sich die politische und wirtschaftliche Krise Griechenlands auch in den Tourismusgebieten bemerkbar?
Karavás: Die Situation hat den griechischen Tourismus natürlich nicht unberührt gelassen. Bereits seit Januar hat sich der Rhythmus der Buchungen deutlich verlangsamt. Und man merkte, dass sich in den dramatischen Wochen, als die Banken geschlossen waren, viele Touristen Fragen gestellt haben: Gibt es ausreichend Essen? Bekommt man überhaupt Geld am Automaten, oder muss man ausreichend Bargeld mitnehmen? Kann man da überhaupt noch hinfahren? Das hat die Buchungen noch einmal zurückgehen lassen. Interessanterweise kommen die Gäste aus der Schweiz und Österreich unverändert, die scheint das weniger zu tangieren.
SPIEGEL: Waren Ihre Gäste denn von Problemen betroffen?
Karavás: Wir haben bisher keine Klagen gehört. Im Gegenteil: Es gibt sogar positive Rückmeldungen. Das mag daran liegen, dass viele mit einem mulmigen Gefühl nach Griechenland gefahren sind – und jetzt positiv überrascht sind.
SPIEGEL: Gibt es Engpässe, etwa in der Gesundheitsversorgung von Touristen?
Karavás: Bisher ist die Versorgung der Urlauber stabil. Es sind weniger Medikamente eingeführt worden, was vor allem an den Bankenschließungen lag. Allerdings hat Griechenland auch eine kleine eigene Pharmaindustrie.
SPIEGEL: Treten deutsche Touristen anders auf als vor der Zuspitzung der Krise?
Karavás: Gott sei Dank ist die Mehrheit sowohl in Deutschland als auch in Griechenland vernünftig. Deutsche kommen nicht als Vertreter ihrer Regierung. Die, die zu uns kommen, sind eher Griechenlandfreunde. Sorgen machen uns eher die, die wegbleiben.
SPIEGEL: Wie begegnen die Griechen den deutschen Touristen?
Karavás: Am Urlaubsort nach wie vor freundlich. Auch auf der Straße merkt man so gut wie nichts. Junge Leute haben vielleicht größere Probleme als Menschen in meinem Alter. Die Jungen haben nicht miterlebt, welche Fehler ihre Väter und Großväter gemacht haben, die das Land ja in die Misere geführt haben. Die merken jetzt nur, dass sie arbeitslos sind, und geben der von Deutschland vertretenen Sparpolitik die Schuld.
SPIEGEL: Kann nicht gerade der Tourismus jungen Menschen eine Perspektive bieten?
Karavás: In der akuten Situation eher nicht. Es werden gerade keine neuen Investitionen getätigt, und die vorhandene Hotellerie ist vorsichtig. Alle versuchen, ihre Kosten gering zu halten oder zu verringern. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist ein echtes Problem: Man kann die höheren Preise nicht an die Touristen weitergeben, sonst fahren die anderswohin. Deshalb muss man am Personal wie an allen Ecken und Enden sparen. Das erzählen mir fast alle Restaurant- und Hotelbesitzer. Die müssen das selbst schultern, was schwierig, aber auch nicht zu ändern ist. Hinzu kommt, dass die Kapitalkontrollen den Import von Konsumgütern erschweren – immerhin fast 70 Prozent der Waren kommen aus dem Ausland nach Griechenland.
SPIEGEL: Die Situation spielt also anderen Ferienzielen in die Hände?
Karavás: Ja. Bedenken Sie nur, dass im mediterranen Raum und in der Nachbarschaft die Löhne oft niedriger sind und dass der Mehrwertsteuersatz wesentlich geringer ist. Dagegen kann man mit 23 Prozent Mehrwertsteuer nur schwer ankämpfen.
SPIEGEL: Was müsste getan werden, um wieder mehr Touristen nach Griechenland zu locken?
Karavás: Die entgangenen Buchungen kann man nicht nachholen. Man muss die Preise trotz der Steuererhöhungen stabil halten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Trotzdem bin ich optimistisch: Die Griechen sind gute Gastgeber, und Ferien in Griechenland sind glücklicherweise noch nicht zu einem gesichtslosen Konsumgut geworden. Genau deshalb hat das Land besonders unter deutschen Besuchern so viele treue Freunde. Mit deren Hilfe rechnen die Leute.
SPIEGEL: Sollte man mit Griechen über die aktuelle Krise diskutieren oder es lieber lassen?
Karavás: Diskutieren kann man immer. Ob die Debatten zu einer Einigung führen? Vermutlich nicht in jedem Fall. Aber vergessen Sie nicht, dass nicht alle die Haltung der griechischen Politik teilen.
SPIEGEL: Wäre der Grexit für den Tourismus besser gewesen? Mit der Drachme könnten die Preise deutlich wettbewerbsfähiger sein.
Karavás: Als Reiseveranstalter würde ich vielleicht davon profitieren. Aber als Grieche würde mich ein Grexit ungleich schwerer treffen.

Interview: Martin U. Müller

Twitter: @MartinUMueller


Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 31/2015
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