25.07.2015

LandwirtschaftDer Traum vom Weltmarkt

Die Milchpreise sind wieder im freien Fall. Die großen Molkereien wollen deshalb noch größer werden – eine gefährliche Strategie.
Romuald Schaber steht vor dem Stall seines Hofs im Allgäu. Er hat 45 Milchkühe. Nach den Gesetzen des Deutschen Bauernverbands (DBV) gäbe es Bauern wie ihn eigentlich nicht mehr. Ihre Betriebe seien zu mickrig, um auf dem Weltmarkt zu bestehen, heißt es.
Das Überlebensrezept des Verbands lautet "Wachsen oder weichen".
Doch Schaber hat auf solche Sprüche nie viel gegeben. Sicher, auch er war mal im Bauernverband, damals, als die Landwirte für den Liter Diesel etwa 60 Pfennig bezahlten und 70 Pfennig für den Liter Milch bekamen. Dann folgten schlechte Jahre. Und sehr schlechte.
Den Wachstumsparolen der DBV-Funktionäre, die sich morgens für die Bauern ins Zeug legten und abends mit den Managern der Agrarindustrie zusammensaßen, trauten viele bald nicht mehr. Die Kritiker sammelten sich im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), den Schaber seit 17 Jahren führt. Über 30 000 Mitglieder waren sie zeitweise, und der Mann mit Dreiviertelglatze und Schnauzer wurde zum Gesicht des Milchstreiks im Jahr 2008.
In diesen Wochen häufen sich Schabers Termine wieder – nach ein paar ordentlichen Jahren fallen die Milchpreise gerade erneut ins Bodenlose. Ein Grund dafür ist das Ende der Quote: Seit die Mengenbeschränkung Ende März ausgelaufen ist, holen viele Bauern das Letzte aus ihren Tieren heraus – wobei die weltweite Nachfrage gerade zurückgeht. Es ist zu viel Milch auf dem Markt, und das bekommt auch Romuald Schaber zu spüren: 29 Cent pro Liter zahlte seine Molkerei zuletzt, 3 Cent weniger als zur Zeit des Streiks. Mindestens 35 Cent brauchte er, um nicht draufzulegen. Die größte deutsche Molkerei DMK (Deutsches Milchkontor) zahlt für Juli sogar nur 27 Cent aus. Die Lage, sagt Schaber, "wird eskalieren". Nach heftigen Protesten französischer Milchbauern kündigte die dortige Regierung diese Woche bereits ein Hilfsprogramm an.
Längst trifft die Krise auch größere Höfe, die stark investiert haben. Diese würden, warnte die auf solche Betriebe spezialisierte Göttinger Beratungsgesellschaft LBB kürzlich, "an die Grenze ihrer Kapitaldienstfähigkeit stoßen". Viele Landwirte fürchten inzwischen einen Aderlass wie im Jahr 2009. Damals sackten die Preise zeitweise unter 20 Cent, Tausende Bauern mussten ihren Betrieb aufgeben.
Um sich gegen solche Krisen besser zu wappnen, schlossen sich damals viele Milchbauern zu Liefergemeinschaften zusammen. Sie wollten nicht länger Almosenempfänger sein, sondern selbst in den Markt eingreifen. Schaber spricht von einem "Systemwechsel". Doch bisher brachten die Bauern eine kritische Masse Milch nicht zusammen.
Schabers BDM fordert deshalb von Brüssel ein "Marktverantwortungsprogramm": Aus der bisherigen Milchmarkt-Beobachtungsstelle der EU soll eine Interventionstruppe werden, die bei Überproduktion eingreift. Sacken die Milchpreise knapp unter die Produktionskosten, gibt es Strafen für die Erzeuger, die ihre Produktion steigern, und Boni für diejenigen, die drosseln. "Bei einer Alarmlage wie jetzt müssten alle drosseln", sagt Schaber. Sperre sich Brüssel gegen ein solches Programm, sagt Schaber, "kommt die Milch auf die Straße" – wie bei der letzten Krise 2009, als die Bauern ihre Milch in die Gullis laufen ließen.
Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat bereits Sympathie für die Interventionsidee signalisiert. Kritik kommt dagegen aus den Reihen der Junglandwirte des Bauernverbands: Sie sehen darin eine "Quote durch die Hintertür". Er könne die Marktgesetze nicht auf den Kopf stellen, halten Molkereimanager und DBV-Funktionäre Schaber gern vor. Für die neuerliche Krise hat der Bauernverband ein altes Rezept auf Lager: Wachstum. Molkereien sollten "ihre Strukturen anpassen" und "Fusionen entwickeln".
Josef Schwaiger hat das bereits umgesetzt und aus den beiden Unternehmen Nordmilch und Humana die Bremer DMK gebildet, mit fast sieben Milliarden Kilogramm Milchmenge der größte Milchverarbeiter hierzulande.
Auf Regionalversammlungen der DMK-Landwirte schwärmt Schwaiger gern von den Chancen des Weltmarkts und dem Druck, den große Einheiten gegenüber dem Handel aufbauen könnten. Viel Druckpotenzial scheinen seine Produkte jedoch nicht herzugeben: Bei den Preisverhandlungen im April mussten die Molkereivertreter pro Liter Milch Abschläge von vier bis fünf Cent schlucken. Die Fusionsstrategie, räumt Michael Lohse vom Bauernverband ein, habe "noch nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben".
Zudem scheint es schwer, die frühere Ausrichtung vieler Molkereien auf Massenware zu verändern. Statt starke Marken zu entwickeln, verließen sich etwa die Manager der Nordmilch auf die Stützungskäufe der EU. Auch Schwaiger bläute den Bauern ein, Schnittkäse und Milchpulver könne "niemand günstiger". Viel Geld wurde in das skandalträchtige Milram-Radteam gepumpt – alles bezahlt mit dem mageren Milchgeld der Bauern.
Der Milchpreis, sagte Schwaiger kürzlich auf die Frage nach den dürftigen Auszahlungspreisen von DMK, sei "nur ein Aspekt" der Leistungsfähigkeit einer Molkerei. DMK sei "sehr gut aufgestellt": Über 40 Millionen Euro Überschuss weist der Geschäftsbericht für 2014 aus, die Internationalisierung sei vorangetrieben und das Geschäft mit China ausgebaut worden.
China und der Weltmarkt – das ist seit Jahren die große Hoffnung der deutschen Milchwirtschaft. Bisher hat sie sich nicht erfüllt.
Tatsächlich werden nur etwa sieben Prozent der Weltproduktion international gehandelt. Der Milchmarkt ist nach wie vor ein regionaler Markt. Zieht man von der DMK-Exportquote den grenznahen europäischen Handel ab, bleiben rund zehn Prozent des Umsatzes übrig, der auf dem Weltmarkt erzielt wird, größtenteils wohl durch Milchpulververkäufe nach China.
Sicher, die chinesischen Bauern können den Bedarf der eigenen Bevölkerung an Milchprodukten noch nicht decken. Doch diese Lücke füllen längst andere: Der niederländische Milchriese Friesland Campina ("Landliebe") etwa ist in Asien seit Jahrzehnten aktiv, mit über 7000 Mitarbeitern. DMK beschäftigt in China gerade mal zwei Dutzend Leute.
Zudem, so DBV-Mann Lohse, sei der chinesische Markt "schwer abschätzbar". Der Import von Milchpulver, der nach den Skandalen um gepanschte Milchprodukte in den vergangenen Jahren gestiegen war, brach zuletzt ein. Offenbar sind die chinesischen Lager voll. "Die reduzieren die Importmengen aber auch, um eigene Strukturen aufzubauen", sagt Lohse. Helfend zur Seite steht dabei die deutsche Bundesregierung: Seit Ende 2010 unterstützt das Landwirtschaftsministerium dort riesige Musterfarmen mit deutschem Know-how. Zehn Betriebe sind in dem bisher knapp zwei Millionen Euro teuren Programm, der größte hält 2000 Kühe. Das scheint aber nicht zu reichen: An der chinesisch-russischen Grenze soll in der Nähe der Stadt Mudanjiang nun sogar ein Betrieb mit 100 000 Kühen entstehen.
Auf China zu setzen, sagt Milchbauer Schaber, sei "eine große Illusion". Wer angesichts solcher Megaställe noch auf China baue, so Eckard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, der fördere ein "Amok-Melken" für eine perspektivlose Überschussproduktion.
Interessant für die deutschen Milchbauern könnte eine neue Studie der größten Milcherzeugergemeinschaft MEG Milch Board aus Göttingen sein. Sie vergleicht die Umsatzerlöse und die Wertschöpfung der Molkereien. Das Ergebnis: Nicht die großen Unternehmen erzielen die höchste Wertschöpfung, sondern oft Mittelständler mit guten Markenprodukten. Ein hoher Exportanteil drückt in Krisenzeiten eher auf den Milchauszahlungspreis.
Der Exportanteil seiner Molkerei sei null, sagt Josef Jacobi. Der Biobauer aus Körbecke bei Warburg hat 1995 mit 18 Kollegen eine stillgelegte Molkerei in Usseln übernommen und daraus die Upländer Bauernmolkerei geformt. Das Projekt schien chancenlos. "Eine Woche nach der Gründung hatten wir die erste Krisensitzung", sagt Jacobi. Doch dann stellte Rewe die Upländer Milch in die Regale, bei Edeka gibt es sie inzwischen auch.
Die Kalkulation der Upländer geht von den Produktionskosten der Bauern aus. Wenn das nicht akzeptiert werde, müsse man sich trennen können, sagen sie – wie es vor einigen Jahren einvernehmlich etwa mit Lidl geschah.
Josef Jacobi hat 50 Kühe, seit Jahren. Er muss nicht wachsen, weil die Molkerei aus seiner Milch ein Produkt macht, für das die Kunden mehr bezahlen und das resistent scheint gegen Preisdrückerei des Handels. Seit einem Jahr bekommt Jacobi einen stabilen Milchpreis von etwa 46 Cent, mit Fett- und Eiweißzuschlägen sind es mitunter über 50 Cent. Der Preis für Biomilch, der jahrelang parallel zu dem konventioneller Milch verlief, hat sich inzwischen davon abgekoppelt. Er ist trotz Krise stabil.
Dass sich Nachhaltigkeit auszahlt, hat inzwischen auch DMK entdeckt, der Quasimonopolist im Norden. Man habe deswegen Ziele veröffentlicht, die man "intensiv vorantreiben" wolle, heißt es im Nachhaltigkeitsprogramm des Unternehmens. Wie groß der eigene ökologische Fußabdruck ist, weiß man im Unternehmen jedoch ebenso wenig wie das Ausmaß der Fläche, die weltweit für Futtermittel der eigenen Kühe gebraucht wird. Das Wassereffizienzprogramm steht nur auf dem Papier: 2014 ist der Verbrauch sogar gewachsen.
Stolz ist man indes auf den eigenen Rat für Zukunft und Nachhaltigkeit, einen "wichtigen Impulsgeber". In dem achtköpfigen Gremium sitzen auch Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und der Grüne Rezzo Schlauch. Bezahlen müssen dies die Milchbauern. Kosten pro Jahr: 80 000 Euro.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 31/2015
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