25.07.2015

USAAnsichten eines Clowns

Der Milliardär Donald Trump will Präsident werden, und er ist beliebter als alle anderen Kandidaten der Republikaner. Das ist ein Albtraum für seine Partei – und ein Geschenk für die Demokraten.
Donald Trump ist jetzt ganz bei sich. Egal worüber er redet, seine Sätze enden immer mit einen Verweis auf sich selbst, vor allem, wenn er über seine Konkurrenten im Kampf um das Weiße Haus spricht. Jeb Bush? "Wem würden Sie als Chefverhandler gegen die Chinesen mehr vertrauen? Trump oder Jeb?" Rick Perry, der Exgouverneur von Texas, der Trump vor ein paar Tagen gerügt hatte? "Er hat sich jetzt eine Brille aufgesetzt, um klüger auszusehen." Lindsey Graham, Senator aus South Carolina? "Ein totales Leichtgewicht, das in der freien Wirtschaft nirgendwo einen Job finden würde. Da ist ja selbst Rick Perry klüger!" Johlen im Saal. "Was für Namen!", ruft Trump. "Nicht so wichtig wie Trump."
Es ist Dienstag dieser Woche, und Trump steht auf der Bühne eines Golfhotels in Sun City, South Carolina, und feiert sich selbst. Mehr als tausend Anhänger sind gekommen, CNN überträgt live. Trump breitet die Arme aus wie ein Prediger, er ballt die Faust, während die blonde Haarspray-Tolle keinen Millimeter verrutscht.
Bush, Perry und Graham seien "Aufziehmännchen, die man einmal auflädt, und dann laufen sie immer weiter, von Kandidatur zu Kandidatur!" Als Höhepunkt seiner Rede hält Trump einen Zettel mit Grahams Handynummer in die Kameras und liest sie vor, gleich zweimal.
Donald Trump, 69, ist Immobilienlöwe und Fernsehstar, er hat Hotels, Wolkenkratzer und Parfums nach sich benannt. Er ist reich und berühmt, aber seitdem er vor gut fünf Wochen seine Bewerbung für das Weiße Haus bekannt gab, wirkt es, als sei all das nur das Vorspiel gewesen. Mit einer Mischung aus erzkonservativem Populismus und "der Feinsinnigkeit einer Kettensäge" ("Politico") wirbelt Trump die USA durcheinander. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist diese Bewerbung absurd. Das Absurdeste aber ist, dass Trump derzeit tatsächlich Chancen hätte, Präsidentschaftskandidat zu werden. Er führt in Umfragen vor den 15 anderen republikanischen Bewerbern mit deutlichem Vorsprung. Bis zu ein Viertel der Anhänger der Republikaner würde ihn wählen.
Jeden Tag bestimmt Trump mit neuen Provokationen die Nachrichten. Seine Partei wirkt ratlos, sie weiß nicht, wie sie dem Rechtspopulismus, den Unverschämtheiten und diesem unfassbaren Ego begegnen soll. Trumps Bewerbung sei "ein Krebsgeschwür für den Konservatismus", klagte sein Konkurrent Rick Perry. "Wir haben das stärkste Feld an republikanischen Kandidaten der letzten 35 Jahre", sagte der konservative Kommentator Charles Krauthammer. "Aber wir verbringen all unsere Zeit damit, über diesen Rodeoclown zu diskutieren." Trump reagierte auf seine Art: "Von einem Typen, der sich nicht mal eine Hose kaufen kann, muss ich mich nicht beschimpfen lassen." Krauthammer sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl.
Eigentlich hatte der Wahlkampf um das Weiße Haus für die Republikaner zu einer Richtungsentscheidung zwischen einem bürgerlichen Kandidaten und Hillary Clinton werden sollen. Offen schien nur, ob es sich um einen Mann des Establishments wie Jeb Bush handeln würde oder einen jungen Aufsteiger wie Marco Rubio oder Scott Walker. Doch seit Trump angetreten ist, gleicht der Vorwahlkampf einer Castingshow. Amerika verfolgt seither staunend, wie der Multimilliardär mit allen Regeln des politischen Betriebs bricht.
Seine Bewerbungsrede enthielt außer der Provokation, wonach aus Mexiko vor allem Kriminelle und Vergewaltiger in die USA kämen, weitere ungewöhnliche Botschaften für einen künftigen Präsidenten: "Meine Golfplätze sind die besten der Welt", erklärte Trump. "Ich habe einen gleich neben dem Weißen Haus." Und: "Wir brauchen einen Anführer, der ,Die Kunst des Verhandelns' geschrieben hat." Der Autor von "Kunst des Verhandelns" ist natürlich: Donald Trump.
Er hielt diese Rede im Trump Tower, einem Hochhaus an der Fifth Avenue, das alles beinhaltet, was sich ein neureicher Baulöwe in den Achtzigerjahren unter elegant vorstellte: Marmorwände, überall Gold, jede Menge Raumpflanzen. Der Tower ist auch seine Wahlkampfzentrale, hier sitzt er fast täglich im ersten Stock vor vergoldeten Rolltreppen und Kaufhausgemurmel und gibt TV-Interviews wie am Fließband. Die Zähne perlweiß funkelnd und gefletscht, spricht er so überartikuliert, wie es Menschen tun, die nicht vorhandene Eloquenz beweisen wollen. Schon äußerlich wirkt Trump wie eine schlechte Satire auf einen Hochstapler. Und dann erst seine Sätze.
"Ich bin ein Vermögen wert", sagt Trump gern. "Ich habe die besten Schulen besucht, habe die besten Noten bekommen, ich habe ein Vermögen gemacht, ein großes Vermögen, ein unglaubliches Vermögen, ein größeres, als die Menschen begreifen können." Er sagt: "Ich bin ein wirklich kluger Mensch." Er sagt: "Ich hab's einfach sehr gut gemacht im Leben. Die Leute lieben mich. Jeder liebt mich." Er sagt: "Häufig, wenn ich mit den Topfrauen der Welt geschlafen habe, habe ich zu mir, einem Jungen aus Queens, gesagt: Kannst du glauben, was du hier bekommst?"
Der Junge aus Queens, das ist Trump irgendwie noch heute. In seinen Memoiren beschreibt er, wie er seinem Musiklehrer in der Grundschule ein blaues Auge verpasste, "weil ich der Meinung war, dass er nichts von Musik versteht". Er habe eben schon immer einen Hang dazu gehabt, "aufzustehen und meine Meinung in sehr kraftvoller Art vorzutragen".
Trumps Mutter stammt aus Schottland, sein Großvater väterlicherseits wanderte aus Schweden ein. Die Familie ließ sich im New Yorker Stadtteil Queens nieder, wo sein Vater Fred Trump Wohnhäuser baute und vermietete. Nach der Schule stieg Donald Trump erst ins Unternehmen seines Vaters ein, dann ging er nach Manhattan – weil er "etwas Größeres, Glamouröseres und Aufregenderes" erschaffen wollte. Er baute das Grand Hyatt an der 42nd Street und wurde reich.
Doch Ende der Achtzigerjahre sah es so aus, als ob sein Höhenflug beendet sei. Mit dem Bau eines Kasinos in Atlantic City hatte er sich überhoben, und als die Zinsen anstiegen, musste er 1991 Insolvenz anmelden. Doch Trump schuldete um – und wurde erfolgreicher denn je. Gerade hat er behauptet, sein Vermögen betrage gut zehn Milliarden Dollar, "Forbes" schätzt es auf vier Milliarden. Allein 214 Millionen Dollar soll ihm NBC für seine Auftritte in der Castingshow "The Apprentice" gezahlt haben, in der Trump den Dieter Bohlen gibt und Kandidaten schikaniert, die sich um einen Job in seinem Konzern bewerben.
Sein Reichtum ist sein größter Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern, Trump muss keine Rücksichten nehmen, weil er seinen Wahlkampf weitestgehend selbst bezahlt. Seine Milliarden erlauben es ihm, sich über seine Konkurrenten lustig zu machen, die auf die Gunst von Spendern und die Parteiführung angewiesen sind. "Jeb Bush hat gerade verkündet, dass er 100 Millionen Dollar eingesammelt hat", twitterte Trump. "All diese Leute bekommen davon etwas zurück – zum Schaden Amerikas!"
Als reicher Geschäftsmann habe er für Spenden an Politiker fast jede Gegenleistung bekommen können, behauptet er. Genau das sei das Problem. "Die anderen machen nicht das, was gut für das Land ist. Die machen, was gut für ihre Spender ist." Ausgerechnet Trump, der die Regierung als ein Unternehmen betrachtet, dessen Eigentümer er gern wäre, stilisiert sich als echter Demokrat. Und er trifft damit einen Nerv bei vielen Amerikanern, wenn er über die Verquickung von Geld und Politik spricht.
Seine Mitbewerber lässt er bei jeder Gelegenheit wissen, wie sehr er auf sie herabblickt. Anders als er seien diese finanziell abhängig von der Politik – bei ihm sei es umgekehrt. Er verliere Millionen, wenn er Politik mache, statt sich um seine Geschäfte zu kümmern. Diese Ihr-könnt-mich-alle-mal-Haltung verleiht Trump eine Aura von Unabhängigkeit. Es gibt auch niemanden, der seine Reden schreibt; er redet immer ohne Manuskript, ohne Teleprompter. Mittlerweile hat sein Name neue Wortschöpfungen hervorgebracht wie "getrumpt" oder "Trumperdämmerung".
"Ich gebe mir ja Mühe, nett zu sein", sagt er. "Aber dann kommt wieder irgendein Typ und versucht, mich zu attackieren." Zuletzt hatte das John McCain gewagt, der 1967 als Kriegsgefangener fünfeinhalb Jahre lang in Vietnam inhaftiert war und gefoltert wurde. McCain hatte Trump für dessen Ausfälle gegen Einwanderer kritisiert und Trumps Anhänger "Verrückte" genannt. McCain sei "kein Held", erwiderte Trump. "Er ist ein Kriegsheld, weil er gefangen genommen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen wurden."
Wenn ihn jemand kritisiert, schießt er mit größtmöglicher Wucht zurück, oft im Fernsehen, immer auf Twitter. Sein Prinzip ist die massive Bestrafung. Das bekamen auch die Unternehmen zu spüren, die nach Trumps rassistischen Äußerungen die Geschäftsbeziehungen zu seiner Firma abbrachen. Nachdem Macy's angekündigt hatte, seine Produkte zu boykottieren, twitterte er, dass die Kaufhauskette ein Drecksladen sei, in dem man nicht mehr einkaufen solle. "Die Läden von Macy's sind scheiße, und sie sind schlecht für die USA."
Den Matratzenhändler Serta beschimpfte er, weil der keine Trump-Matratzen mehr vertreiben will. Als der spanischsprachige Fernsehender Univision nach den Tiraden gegen mexikanische Einwanderer ankündigte, die Ausstrahlung von Trumps Modelshows "Miss USA" und "Miss Universe" abzusetzen, reagierte er mit einer Klage über 500 Millionen Dollar.
Auf atemberaubende Weise vermischt Trump seine Rolle als Unternehmer mit der des Anwärters auf das Weiße Haus. Der Kampf gegen Macy's und gegen illegale Einwanderer – das ist bei Trump irgendwie das Gleiche. Bei vielen Amerikanern scheint er mit dieser Vision von einer Gesellschaft ohne Mexikaner und ohne Macy's, angeführt vom "größten Jobpräsidenten, den Gott je erschaffen hat", dennoch etwas anzusprechen.
Als Trump den Saal in Sun City betritt, steht Shary Olinger, 77, eine frühere Grundschullehrerin in beigefarbener Bluse, auf, sie klatscht aufgeregt. Wie sie sind alle im Saal weiß, der Sheriff am Eingang ist der einzige Schwarze. "Trump ist ehrlich und spricht an, was wirklich los ist", sagt Olinger. "Er spricht uns Pensionären und Veteranen aus der Seele, die sich von der Politik abgewandt haben." Die Stelle in Trumps Rede, an der er die "schweigende Mehrheit, die seit Jahren herumgeschubst und missachtet wird", erwähnt, erhält den größten Applaus.
Trumps Amerikabild ist das der Fünfzigerjahre, als weiße Jugendliche in Straßenkreuzern mit chromverspiegelten Stoßstangen spazieren fuhren, die Frauen Petticoat trugen und die US-Armee die freie Welt beschützte. Es ist dieses heimelige, idealisierte Amerika, das Menschen wie Olinger begeistert. Die meisten Anhänger Trumps gehören zur Generation der Babyboomer, der weißen Mittelschicht, die den sozialen Abstieg und eine Verdrängung durch Asiaten und Hispanics fürchtet.
"Der amerikanische Traum ist tot", ruft Trump in den Saal. Aber er kenne jemanden, der die USA "stärker und reicher als je zuvor" machen werde: sich selbst. Seine Anhänger nicken begeistert. "Die Unterstützer von Trump zählen zu einer der aktivsten Wählergruppen", sagt Ross Baker, Professor für Politikwissenschaft an der Rutgers-Universität in New Jersey. "Es gibt ein Publikum für seine Themen, das weit über Trump selbst hinausreicht." Die Ansichten eines Clowns sind im Amerika des Jahres 2015 nicht mehrheitsfähig. Aber sie stehen für eine starke Minderheit.
Vermutlich wird Trump am Ende scheitern, an sich selbst und am Widerstand des vernünftigen Amerika. Aber seine Präsenz hat Folgen, seine Ausfälle vertiefen die Spaltung der Gesellschaft. Und das ausgerechnet in diesen Wochen, in denen immer wieder neue Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze das Land erschüttern. Zuletzt der angebliche oder tatsächliche Selbstmord der 28-jährigen Sandra Bland im Gefängnis, die verhaftet worden war, weil sie den Autoblinker nicht gesetzt hatte.
Trump hat den Ton dieses Wahlkampfs verändert, er zwingt die Republikaner, einer wütenden weißen Minderheit noch mehr Aufmerksamkeit einzuräumen, als diese ohnehin schon genießt. Auch bei der ersten großen Fernsehdebatte der republikanischen Bewerber, die am 6. August in Cleveland stattfinden soll, wird Trump die Diskussion sicherlich dominieren. Und für den Fall, dass er die Vorwahlen nicht gewinnen sollte, erwägt er, als Unabhängiger anzutreten, wie einst der Milliardär Ross Perot. Demoskopen sagen in diesem Fall für Clinton 46 Prozent, für Bush 30 Prozent und für Trump 20 Prozent der Stimmen voraus.
Trump würde damit nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. Aber er hätte den Republikanern entscheidende Stimmen weggenommen und sich an jenen gerächt, mit denen er sich derzeit im Tagesrhythmus überwirft. Die Demokraten hoffen deshalb, dass Trump möglichst lange durchhält. "Den Einstieg von 'The Donald' in das Rennen kann man nur damit erklären, dass der Herrgott ein Demokrat mit Sinn für Humor ist", sagt einer der Wahlstrategen der Demokraten, Paul Begala.
Trump zeigt jedenfalls keine Anzeichen von Milde oder Müdigkeit. Nach seiner Rede in South Carolina schreitet er über den Rasen des Golfhotels, vorbei an Fans und Gegendemonstranten. Er bleibt nicht stehen, Händeschütteln ist ihm grundsätzlich zuwider. Dann springt er in seinen schwarzen Geländewagen, den sein Bodyguard vorgefahren hat. Seine Anhänger umringen den Wagen und bitten um Autogramme. Warum er Grahams Handynummer veröffentlicht habe, fragt ihn eine Frau durch den Türspalt.
"Damit Sie alle ihn anrufen", antwortet Trump und grinst wie ein Wolf.
Von Markus Feldenkirchen und Holger Stark

DER SPIEGEL 31/2015
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