25.07.2015

KommentarSchneller als Bulgarien!

Deutschland tut zu wenig, um Kinder vor Nikotinsucht zu bewahren.
Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) nun doch ein Werbeverbot für Tabakprodukte durchsetzen. Wie fortschrittlich! Selbstverständlich sollte Tabakwerbung auf Plakaten und in Kinos verboten sein, denn sie ist, mehr noch als Pornografie, nachweislich jugendgefährdend. Die Zigarettenmafia kann nur überleben, wenn sie Jugendliche zu Süchtigen macht. Deshalb investieren Konzerne wie Philip Morris in psychologisch gerissene Imagekampagnen, an denen niemand vorbeikommt, etwa dem "Don't be a Maybe"-Feldzug für Marlboro. Warum nur hat Deutschland diesem Treiben so lange zugeschaut? Alle EU-Staaten haben schon vor Jahren die Plakatwerbung verboten – nur zwei Länder nicht: Bulgarien und Deutschland. Auf Berlin ist aus Sicht der Konzerne eben Verlass. Zwar hat sich Deutschland bereits 2004 vertraglich zum Kampf gegen die Zigarettenwerbung verpflichtet, aber keine deutsche Regierung ist dieser Pflicht je nachgekommen. Im Gegenteil: Deutschland hat sogar vor dem Europäischen Gerichtshof gegen das Verbot der Tabakwerbung geklagt. Wenn es Nachzügler Schmidt ernst wäre mit dem Wunsch, Jugendliche zu schützen, dann würde er den Konzernen endlich auch die letzte Werbeplattform nehmen: die Schachtel selbst. Australien hat im Dezember 2012 die tristbraune Einheitsschachtel eingeführt – keine Kamele mehr, kein Markenzauber, dafür riesige Schockbilder. Auf Anhieb ist daraufhin die Zahl der Kinder stark gesunken, die Tabakschachteln als interessant empfinden. Ab Mai 2016 kommt eine solche Einheitspackung nach Irland und England, auch Frankreich hat ein entsprechendes Gesetz auf den Weg gebracht. Finnland, Schweden und Norwegen denken darüber nach. Und Deutschland? Hier passiert nichts. Auf Berlin ist eben Verlass.

Von Marco Evers

DER SPIEGEL 31/2015
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