25.07.2015

LinguistikJauchz!

Endlich bekommt die Micky-Maus-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs ein Museum. Wie nur wenige hat sie die deutsche Sprache geprägt.
Wer nach Entenhausen will, der muss an Schnarchenreuth vorbei und Oberkotzau hinter sich lassen. Dann die Felder von Bauer Brösel entlangfahren. Südlich davon liegt der Ochsenkopf, an dem Dagobert seinen Skilift hat. Und schließlich steht man vor der Sandler Fabrik, auf deren wunderweicher Watte Donald und Daisy landeten, als ihr Hubschrauber abstürzte.
Die Firma gibt es wirklich. Sie produziert Watte, und zwar schon seit 1879. Keiner dieser Schauplätze ist ausgedacht, sie alle liegen in und um Schwarzenbach in Oberfranken. Hier lebte einst Erika Fuchs und notierte in ihrer grünen Kladde Namen, die erfunden klangen, aber existierten: das Höllental, das Fichtelgebirge, das Wiesenfest.
Von 1951 bis 1988 übersetzte Fuchs das amerikanische Micky-Maus-Magazin für den Ehapa-Verlag ins Deutsche. Dabei erfand sie weniger, als sie fand: Bei Friedrich Schiller ("So wankelmütig ist die Gunst des Volkes") und der "Zauberflöte" ("Heißa Hopsassa!"). "Klickeradoms!", tönt es, wenn Donald Duck einen Waschzuber voller Glühbirnen auf den Boden wirft. Ein Wort, das so vorzüglich zu Comics zu passen scheint, und doch von Wilhelm Busch geborgt ist: "Ach! – Die Venus ist perdü – Klickeradoms! – von Medici!", dichtete dieser in "Die fromme Helene".
Als die Linguistin Ilaria Meloni die Sprache der Comicübersetzerin erforschte, entdeckte sie "eine Musikalität", die die Vorlage nicht besaß. Bei Fuchs wurde aus einem schlichten "No" ein "Mitnichten". Wer keine Ahnung hatte, war schimmerlos. Ihr Gehirn war wie ein Schwamm, den sie regelmäßig in ein Wortbad tauchte.
Am 1. August wird Fuchs, die 2005 verstarb, in Schwarzenbach an der Saale endlich ein Museum bekommen. Im ersten Stock wandelt der Besucher durch Entenhausen, vorbei am Geldspeicher und an der Satanszacke. Namen wie Kleinschloppen tauchen auf, "die so absurd klingen, man denkt, der muss ausgedacht sein", sagt Leiterin Alexandra Hentschel. "Ist er aber nicht." Der Ort liegt – natürlich – in Franken.
Das Museum zeigt die Geschichte einer Frau, deren Arbeit zuerst geschmäht und dann verehrt wurde. Die aus etwas, woran sie anfangs selbst nicht glaubte, das Beste machte, vielleicht das Allerbeste: Keine andere Comicübersetzung erlangte solche Berühmtheit. Fuchs vergnügte sich mit Sprache, mit dem deutschen Hang zu langen Nomen, gab Geräuschen Namen ("Puff! Sssss!") und prägte eine Stilform, die unter Kennern Erikativ heißt: grübel, grins, freu. "Man kann gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen", pflegte sie zu sagen.
Im Lesesaal des Museums stehen Kisten noch eingepackt in Ecken. Ein zerfleddertes Micky-Maus-Heft liegt obenauf. Auf Seite eins steht unter Chefredakteurin: Dr. Erika Fuchs. Der Doktortitel war wichtig. Verlieh er doch Druckerzeugnissen Glanz, die andere für Schund hielten: Bilderbücher, die den Kinderchen angeblich den Verstand raubten.
Im März 1951, ein halbes Jahr bevor Micky Maus nach Deutschland kam, schrieb der SPIEGEL über das "Opium der Kinderstube". Ein amerikanischer Mediziner warnte: "Meine klinischen Studien haben mich überzeugt, daß durch die Comics der Brunnen spontaner Kinderphantasie vergiftet wird." Comics waren das Internet der Fünfziger: vulgär, verroht, verzichtbar.
Fuchs hatte in Kunstgeschichte promoviert, in München, Lausanne und London studiert. Erst ihr Mann brachte sie nach Schwarzenbach, "eine der verlassensten Gegenden Deutschlands". Sie war anfangs selbst nicht überzeugt von diesen Heftchen. Aber, wie Dagobert Duck einmal Goethes Faust zitierte: "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles." Anders gesagt: Die Familie brauchte Geld.
Erika Fuchs begann, den Disney-Figuren Worte in die Sprechblasen zu legen: "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör." Oder auch: "Wir wollen sein ein einig Volk von Schwestern! In keiner Not uns trennen und Gefahr und uns nicht fürchten vor der Macht der Männer." Ein Schild im Museum verrät, wer Daisys Nichten inspirierte: Schiller, Wilhelm Tell.
Anglizismen waren Fuchs ein Gräuel. Aus Hamburgern machte sie Obsttörtchen. Cornflakes hießen Knusperflocken, Popcorn Puffmais.
Ihr Ruhm kam spät, er wurde überbracht von Fans, die sie – ganz Fuchs – "Söhne der Unvernunft" nannte. Bei dem Verein der Donaldisten weiß man nie genau, ob sie die Grenze zwischen Ironie und Wahn bereits überschritten haben. Mit großem Ernst diskutieren sie das Rechtssystem, die Rolle der Frau und das Klima in Entenhausen.
Einer der Donaldisten war es auch, der das Museum initiiert hat. Deren Einfluss ist unverkennbar: Micky Maus durfte nicht hinein. Die Disney-Maus ist für Donaldisten ein Spießbürger.
Und Fuchs? "Wahrscheinlich hätte sie dieses Haus absurd gefunden", glaubt Hentschel. Sie habe nur ihre Arbeit gemacht, sagte Fuchs immer. Und wer sie mit James Joyce verglich, dem widersprach sie: Er habe Joyce wohl noch nie gelesen.
Ach, Frau Fuchs. Seufz!
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 31/2015
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