25.07.2015

Claudia Voigt Mein Leben als FrauTrouble, Liebe, Zweifel

Was ist eigentlich das Gute am Kinderhaben? Das habe ich Mütter und Väter, Eltern großer und kleiner Kinder gefragt. Mit ihren Antworten hätte ich drei Kolumnen füllen können, so zahlreich und überschwänglich fielen sie aus. Der Anlass für meine Frage war eine Langzeitstudie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, die ergab, dass nirgendwo auf der Welt weniger Kinder geboren werden als in Deutschland. Vielleicht ist es an der Zeit, dachte ich, nach den vielen Debatten über Doppelbelastung und übers Betreuungsgeld, nach dem Klagen und Kämpfen ein paar gute Gründe für Kinder zu nennen. Hier sind sie:
Es gibt kein größeres Glück zu erleben, als bei der Geburt deiner Kinder dabei zu sein. Keine Droge reicht daran, kein beruflicher Erfolg, kein Sex, keine Heirat, gar nichts. Wenn du wissen willst, zu welchen Emotionen du fähig bist, musst du in den Kreißsaal. / Die Rührung, die eine hingekritzelte Buntstiftzeichnung hervorruft, und die Erkenntnis, dass es auf Makellosigkeit kaum je ankommt. / Zeit wird wertvoll durch sie. Und Schlaf wird eine Kostbarkeit. / Egal ob dein Kind zum ersten Mal einen Bauklotzturm aufstellt, ob es in der Weihnachtsaufführung mit Engelsflügeln über die Krippe stolpert oder sein Abizeugnis entgegennimmt: Das ist auch dein Werk. Jedenfalls fühlt es sich so an. / Endlich darf man die ganzen Lieblingsbücher aus der eigenen Kindheit noch einmal lesen: "Die kleine Hexe" und "Jim Knopf", "Krabat", "Pippi Langstrumpf" und "Ronja Räubertochter". / Jeden Tag lernt man sie etwas besser kennen, und nebenbei auch sich. Schweißgebadet an einer Supermarktkasse zu stehen mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm ist eine neue Erfahrung. / Kinder lehren einen, sich selber nicht so ernst zu nehmen. / Mehr Trouble. Mehr Liebe. Mehr Selbstzweifel. Mehr Leben. / Niemand würde sonst Mama zu einem sagen – kitschig, aber wahr! / Das Leben hört mit Kindern ja nicht auf – man kann trotzdem weiter berufstätig sein, Karriere machen, Affären haben, Frau und nicht nur Mutter sein. Man muss es nur machen. / Weil man mit ihnen für hundert Meter manchmal eine halbe Stunde braucht. / Kinder bringen einen dazu, sich mit einer neuen Generation auseinanderzusetzen – täglich und auf Lebenszeit. / Sie gehen verschwenderisch mit ihrer Liebe um. / Kinder lassen dich deine eigenen Eltern besser verstehen. Deine Eltern haben sich früher Sorgen gemacht, wenn du nicht pünktlich zu Hause warst, und du fandest das übertrieben? Du hieltest sie für Kontrollfreaks? Warte, bis dein Teenager nicht zur verabredeten Zeit wieder da ist. / Weil nichts anderes, was das eigene Leben ausmacht, gleichzeitig so sehr über das eigene Leben hinausweist. / Der ziemlich tröstliche Gedanke, dass 50 Jahre nach deinem Tod irgendjemand ein Foto von dir zeigt und zu seinem Kind sagt: "Das war übrigens mein Großvater. Er sieht dir ähnlich." / Aus dem Schlusspunkt des Lebens machen Kinder ein Komma.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Nils Minkmar an der Reihe, danach Elke Schmitter.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 31/2015
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