25.07.2015

FilmDie Nacht der Rache

John Green begeistert mit seinen Büchern Millionen Jugendliche. Nach „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ kommt jetzt ein weiterer Green-Roman ins Kino: „Margos Spuren“.
Es geht los wie in einem dieser typischen Hollywoodfilme über die Schmerzen des Erwachsenwerdens und der ersten Liebe – mit einem Auftritt des Mädchens, das dem Herzen des Helden einen Sprung versetzt. Unwirklich laut dröhnt der Motor, als ein fremdes Auto in der Siedlung vorfährt, ein Familienkombi, dann öffnen sich dessen Türen, und der etwa zehnjährige Junge Quentin blickt gebannt auf seine neue Nachbarin. Von der Rückbank steigt ein ungefähr gleichaltriges Mädchen mit einer Fellmütze auf dem Kopf, Symbol seines Eigensinns und seiner Schönheit.
Es geht im Zeitraffer weiter. Das Mädchen Margo Roth Spiegelman ist plötzlich 17 oder 18 und wird nicht nur von Quentin angeschwärmt, sondern von der gesamten Highschool. Sie ist mit dem coolsten Sportlertypen der Schule zusammen, einem Kerl namens Jason. Sie nimmt den verträumten, klugen, braven Nachbarsjungen Quentin allenfalls mit einem gönnerhaften Zucken im Augenwinkel wahr. Die Geschichten ihrer wilden Abenteuer mit Popsängern, als Zirkusartistin und bei nächtlichen Ausreißtouren fegen durch die Schulflure wie ein Sommersturm. Immer Trubel um Margo.
Nach allen Gesetzen der romantischen Highschool-Komödie müsste Margo Roth Spiegelman nun in den nächsten 90 Filmminuten Quentin eine klobige Hornbrille von der Nase nehmen und endlich erkennen, wie liebenswert der Junge in Wahrheit ist – nur passiert das hier nicht. Weil der Film "Margos Spuren" nach einem Roman von John Green gedreht ist. Einem Mann, der sagt: "Wenn man ein Teenager ist, dann erlebt man Enttäuschungen. Das ist gut so. Man lernt, dass selbst bewunderte Menschen nur Menschen sind, komplexe und widersprüchliche Geschöpfe wie man selbst. Man kapiert, dass man mit den Leuten leichter zurechtkommt, wenn man sie nicht auf einen Sockel stellt."
John Green ist 37 Jahre alt und ein von Millionen Jugendlichen sowie erstaunlich vielen Erwachsenen in aller Welt gelesener Autor, seine Popularität gleicht der von Joanne K. Rowling ("Harry Potter") und Stephenie Meyer ("Twilight"). Sein berühmtestes Buch heißt "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" und erzählt von der Liebe zwischen zwei krebskranken jungen Amerikanern namens Hazel und Augustus, ihrer Reise zu einem schlecht gelaunten, alten Schriftsteller nach Amsterdam und ihrem kurzen Glück; es ist 2012 erschienen und war auch als Film ein großer Hit.
Der Autor Green wurde in Indianapolis geboren und wuchs in Alabama und Florida auf, inzwischen lebt er mit seiner Frau, einer Kunstkuratorin, und zwei kleinen Kindern wieder in Indianapolis. Er hat Theologie studiert und wollte ursprünglich Pastor werden, was er nach eigenem Eingeständnis aber lieber bleiben ließ, weil er mit dem Leiden und Sterben in einem Kinderkrankenhaus nur schlecht klarkam. Und er betreibt gemeinsam mit seinem Bruder Hank ein Videoblog, mit dem er bereits großen Erfolg bei einem jungen Publikum hatte, bevor er als Autor bekannt wurde.
"Angefangen haben wir mit wöchentlichen Videobotschaften, in denen wir darüber redeten, was uns gerade interessierte", berichtet Green. Als "Vlogbrothers" haben sie auf YouTube 2,6 Millionen Abonnenten. Auf verschiedenen Kanälen präsentieren die Greens Erklärfilme zu Themen wie "Was macht uns menschlich?". John Green tritt in den Filmen als sonniger, stets ein bisschen aufgeregt lossprudelnder Hauptredner auf. Die besten Videos sind Crashkurse, die heiter und ausgeruht ziemlich komplizierte Dinge behandeln: die Homo-Ehe, den Mindestlohn oder das Werk der Schriftstellerin Sylvia Plath. Green nennt die Filme "Educational Videos", und doch geht es weniger um Antworten als um Fragen.
"Vermutlich kann niemand präzise definieren, was uns menschlich macht – wir jedenfalls nicht", sagt der Autor. "Aber wir würden es gern wissen. In vielen unserer Videos ist die Hoffnung versteckt, dass die richtige Antwort auf eine Frage eines Tages in unseren Leserkommentaren zu finden ist."
Mit dem gleichen aufgekratzten Ernst, mit dem er zu seinem jungen Publikum spricht, pflegt Green auch im Interview die Kunst des lauten Nachdenkens. Er zitiert gern Mark Twain. Als man Twain fragte, was ihn so viel erfolgreicher mache als alle anderen Schriftsteller, soll er sinngemäß gesagt haben: "Die anderen machen Witze. Ich predige."
John Green mag Bücher, in denen es um philosophische Dinge geht. Um die Bedeutung des Leidens; um die Ungleichheit der Chancen; und natürlich um den Sinn des Lebens. "Teenager fragen genau danach, und sie tun es cool, ohne Ironie. Das ist der Grund, warum ich Teenager so mag", sagt Green. "Sie fürchten sich nicht davor, dass ihre Fragen peinlich klingen könnten oder irgendeinen verdrängten Horror heraufbeschwören."
In "Margos Spuren" steht Quentin, dargestellt von Nat Wolff, eines Tages vor der Frage, weshalb die von ihm so verklärte Margo eines Nachts in sein Fenster steigt. Das Mädchen, so erfährt er, sucht einen Komplizen. Margo hat herausgefunden, dass ihr strammer Sportsfreund Jason sie mit ihrer besten Freundin betrogen hat und alle Mitschüler davon wussten. Sie will Rache. Für die braucht sie unter anderem ein paar tote Fische, eine Dose blaue Sprühfarbe, Vaseline, Enthaarungscreme, einen Fluchtwagen – und Quentin, der nach all den Jahren der Anhimmelei nun eine Nacht mit Margo Roth Spiegelman losziehen darf.
Der Film "Margos Spuren" ist voll von großartig versponnenen Songs und beschwört halb ausgelassen, halb melancholisch das Lebensgefühl der Teenager von 2015. In der Titelrolle der Margo tritt Cara Delevingne auf, die es dank ihrer tollen Augenbrauen, ihrer Arbeit als Model und ihrer Abenteuer im Sichtfeld der Klatschpresse zu großer Bekanntheit gebracht hat. Im Film allerdings spielt sie nun eine Heldin, die ihrem Kampfgefährten Quentin mit Gedichtzeilen von Walt Whitman Rätsel aufgibt.
Margo ist, kaum ist die Nacht des lustigen Rachefeldzugs an Quentins Seite vorbei, plötzlich verschwunden aus dem Kaff, in dem sie zur Schule ging. Das passt wunderbar zu ihrem melodramatischen Charakter. Den Zurückgebliebenen hinterlässt sie nichts außer ein paar Indizien für eine knifflige Schnitzeljagd: ein Poster mit einem Musiker drauf, einen Zettel mit einem Hinweis auf eine Geisterstadt, die nur auf Landkarten, aber nicht in der realen Welt existiert – und ein paar Gedichtzeilen von Walt Whitman. "Verfehlst du mich an einem Ort, suche woanders, irgendwo bleibe ich stehen und warte auf dich."
Natürlich gehört der amerikanische Nationaldichter Whitman (1819 bis 1892), dessen Hymne "Gesang von mir selbst" und der Gedichtzyklus "Leaves of Grass" (zu deutsch "Grashalme") zu den Obsessionen des Schriftstellers Green. Wie viele junge Amerikaner hat Green Whitmans Verse in der Schule gelesen. Damals habe er begriffen, dass zwei Personen nie dasselbe fühlen könnten, dass die menschliche Wahrnehmung ein Gefängnis sei. "In den besten Momenten des Schreibens entkommt man diesem Gefängnis. Man überzeugt sich selbst davon, dass andere Menschen wirklich existieren. Für mich grenzt dieses Gefühl an Euphorie."
Green bewundert große amerikanische Schriftsteller neuerer Zeit wie David Foster Wallace, Philip Roth und Toni Morrison. Er halte sich keineswegs für genialisch begabt, sagt er. Vielmehr nutze er das, was an Gedanken, Bildern und Techniken in der Welt sei. Er verstehe nicht, warum so viele Buchmenschen das Internet stets als Gefahr beschrieben. "Ich glaube, dass man das Internet als ein tolles Werkzeug ansehen sollte. Man kann sich damit ablenken und jeder Gemeinschaft entziehen – aber man kann im Internet auch sensationelle Räume schaffen, die unser Wissen vermehren, Hilfsprojekte ermöglichen und jeden Einzelnen voranbringen."
Den Drang junger Schriftsteller, ihren Lesern und der Welt möglichst viele Kunststücke vorzuführen, habe David Foster Wallace einmal in einer schönen Fahrradfahrer-Metapher als "Look Ma, No Hands"-Literatur bezeichnet, als "Schau mal, Mama, freihändig!"-Geschreibe. John Green hält sich gern mit einer Hand am Lenker fest. "Ich bin glücklich darüber, wie gut ich es beherrsche."
In "Margos Spuren", im Buch wie in der charmant verspielten Filmversion des Regisseurs Jake Schreier, lernt der junge Held Quentin irgendwann, dass es womöglich gar nicht darauf ankommt, die verschwundene schöne Margo wiederzufinden. Er muss selbst den Lenker seines Lebens packen. Dabei hilft ihm kein noch so strahlendes Idealbild. Nicht mal, wenn es der Margo-Darstellerin Delevingne gehört.
Delevingne hat derzeit 15,8 Millionen Follower auf Instagram, diesem Fotoalbum der Idealisierungen – könnte man da nicht glatt mal kurz vergessen, wie komplex und widersprüchlich jeder Mensch ist? Nein, sagt John Green, dessen Kurztexte über vier Millionen Menschen auf Twitter lesen. "Jeder Einzelne, der sich in unserem Universum interessiert für das, was ein anderer tut, ist ein absolut außergewöhnlicher, eigensinniger, wertvoller Mensch."
Kinostart: 30. Juli.
Von Wolfgang Höbel und Maren Keller

DER SPIEGEL 31/2015
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