25.07.2015

KunstmarktWie deutsch ist Nofretete?

Die Bundesregierung will den Verkauf national wichtiger Kulturgüter ins Ausland stoppen. Ihr Gesetzentwurf empört die Branche. Sammler und Händler fürchten einen Preisverfall. Doch welche Kunst soll eigentlich geschützt werden?
Sie will doch nur das Beste. Sie will die Kunst schützen. Doch Monika Grütters, 53, Kulturstaatsministerin im Kanzleramt, bislang dank weitgehend störungsfreier Amtsführung unauffällig geblieben, hat sich mit der geplanten Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes über Nacht erbitterte Feinde gemacht.
Allerdings nicht bei den Zeitgenossen, die sich einfach nur für Kunst begeistern, sondern bei denen, die auch einmaterielles Interesse an ihr haben, bei Händlern, Sammlern und Auktionatoren. Grütters will Kunst von nationaler Bedeutung im Lande halten. Privatpersonen und Händler, aber auch Museen, die hochwertige Werke im Ausland verkaufen wollen, müssen sich eine Erlaubnis dazu von der zuständigen Landesregierung holen. Am Ende sollen Sachverständige entscheiden.
Fatalerweise gelangte zunächst ein früher, noch nicht abgestimmter Entwurf aus dem Haus der Ministerin an die Öffentlichkeit und löste dort sofort Empörung aus. Von geplanter Enteignung war die Rede, von Methoden, die in der jüngeren deutschen Geschichte allzu gut bekannt seien. Die Szenarien, die vom drohenden Untergang des deutschen Kunstmarkts gemalt wurden, ähnelten schon bald den apokalyptischen Höllenbildern von Hieronymus Bosch.
Die spektakulärste Protestaktion leistete sich der Künstler Georg Baselitz. In verschiedenen deutschen Museen ließ er Leihgaben abhängen, offenbar aus der Angst, dass diese Bilder durch das neue Gesetz für den internationalen Markt verloren sein könnten.
Doch die CDU-Politikerin Grütters will lediglich bestehende Gesetze und Regelungen modernisieren – so stellt sie es jedenfalls dar.
Seit 1955 gibt es in der Bundesrepublik ein Gesetz zum Schutz deutschen Kulturguts gegen Abwanderung. Die erste Regelung entstand sogar schon 1919, in einer für Deutschland desolaten Situation. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich so gut wie pleite. In den Jahrzehnten zuvor, in der Gründerzeit, waren Museumsdirektoren und Privatsammler mit prall gefüllten Portemonnaies in Europa und den USA auf Shoppingtour gegangen. Natürlich kauften sie nicht nur deutsche Ware, sie waren international ausgerichtet.
Dann, nach dem politischen und ökonomischen Crash mitten in der Nachkriegsdepression, wollten die Politiker der Weimarer Republik verhindern, dass diese Schätze, so wenig deutsch sie in den meisten Fällen auch sein mochten, der Nation verloren gingen. Es erging die "Verordnung über die Ausfuhr von Kunstwerken". Schon damals allerdings fehlte es an einer stimmigen Definition dessen, was denn nationales Kulturgut eigentlich sei.
Eine Liste musste her. Das "Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke" hielt fest, welche Werke das Land nicht verlassen sollten. Altdeutsche Stücke von Dürer und Matthias Grünewald waren dabei, aber auch Werke des französischen Impressionisten Monet oder italienischer Renaissancemaler.
In dieser Verordnungstradition steht auch die Gesetzesnovelle von Grütters, die Künstler, Händler und Auktionshäuser so aufbringt. Alle Kunstwerke, die älter als 50 Jahre und 150 000 Euro und mehr wert sind, bedürfen – so die erste Variante – bei einer geplanten Ausfuhr (also Standortwechsel, Verkauf oder geplanter Versteigerung im Ausland) einer behördlichen Genehmigung. Bei den aktuellen Preisen auf dem internationalen Kunstmarkt ist die Untergrenze ein Klacks. Aber ein Fest für Formularfetischisten.
Dann wurde auch noch bekannt, dass staatliche Organe in Zukunft Einlass in die Wohnungen von Sammlern bekommen sollten, wenn es an deren Kooperation mangelt. Staatliche Willkür war einer der milderen Vorwürfe.
In der vergangenen Woche ruderte Grütters im SPIEGEL zurück und nannte nun neue Richtwerte: "300 000 oder sogar 400 000 Euro" und eine möglicherweise auf 70 Jahre festgelegte Altersgrenze. Auch von den Hausdurchsuchungen ist keine Rede mehr.
Von den unbestrittenen Vorteilen des Gesetzes war allerdings kaum etwas zu hören. Denn es will auch die Einfuhr von Kunst regeln, vor allem die von archäologischen Objekten. Grütters verlangt nun den zwingenden Nachweis der legalen Herkunft – eine überfällige Regelung.
Die Diskussion um das Gesetz wird stattdessen von den Exportbestimmungen beherrscht. Bisher gilt, dass eine Erlaubnis des Staates (also der Landeskulturminister) nur für den Export in Länder außerhalb des europäischen Binnenmarkts erforderlich ist – wenn zum Beispiel ein deutscher Sammler ein bedeutendes Gemälde von Franz Marc in New York versteigern lassen wollte oder wenn er es für eine Ausstellung nach Tokio auslieh. Doch konnte jeder Eigentümer seine Bilder ohne Probleme nach London oder Paris verkaufen oder verleihen, innerhalb des EU-Binnenmarkts war keine Zustimmung notwendig. An diese komfortable Freiheit hat sich die Branche gewöhnt.
Die Händler haben sich allerdings wenig um das Bürokratische geschert und oft genug nicht einmal dann die Genehmigung beantragt, wenn sie es gemusst hätten, wenn sie etwa alte und teure Kunstwerke direkt nach Übersee schickten. Und es spielte in Wahrheit auch keine Rolle, denn: Verbieten konnte man die Ausfuhr ohnehin kaum.
Wirklich eindeutig war die Sache bislang nämlich nur, wenn ein Werk bereits auf der Liste der national wichtigen Kulturgüter steht – dann darf es das Land nicht dauerhaft verlassen. Für alle anderen Bilder gibt es bisher keine Handhabe, kein Argument, um die Reise abzulehnen.
Auf der Liste aber sind tatsächlich nur erstaunlich wenige Werke aufgeführt, nicht einmal 3000, darunter vieles, was nicht besonders bedeutend erscheint, Steinzeitspeere etwa. Wirklich herausragende Kunstwerke tauchen dagegen kaum auf, das gilt für etliche Werke von Cranach, von Caspar David Friedrich und anderen Größen. Man hat es offenkundig versäumt, diese Liste sorgfältig zu führen.
Aber die entscheidende Frage kann auch das neue Gesetz nicht endgültig klären. Was ist im 21. Jahrhundert eigentlich national bedeutende Kunst? Deutsche Kunst? In Deutschland von Deutschen hergestellte? Dann doch wohl eher auch Kunst mit Migrationshintergrund, also Kunst, mit der sich die Deutschen identifizieren. Die Büste der altägyptischen Königin Nofretete etwa, die sich seit 1913 in deutschem Besitz befindet und heute eines der Glanzstücke des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel ist. Die Ägypter wollen sie zurückhaben. Doch die Deutschen weigern sich, die Schönheit herauszurücken, auch wenn sie einst unter dubiosen Umständen in die Reichshauptstadt geholt wurde. Menschen auf aller Welt verbinden die Büste seit mehr als hundert Jahren mit Berlin. So wie sie die "Mona Lisa" des Italieners Leonardo da Vinci mit dem Pariser Louvre verbinden, wo das Damenporträt seit Ende des 18. Jahrhunderts hängt.
Gehört alle große Kunst in die Länder, in denen sie entstand? Wohl kaum. Die großen Museen der Welt böten eine mickrige nationale Leistungsschau ohne Bezüge zu internationalen Strömungen der Kunstgeschichte. Kunst war immer international, mal mehr, mal weniger, sie lebt davon, Grenzen aller Art zu durchbrechen, und sie ist weitgehend frei von Chauvinismus und Nationalismus. Sie wurde freilich von Chauvinisten und Nationalisten immer wieder ge- und missbraucht.
Seit 2002 wollte das Adelshaus Hessen – genauer: die Hessische Hausstiftung – die berühmte Schutzmantelmadonna des Renaissancemalers Hans Holbein dem Jüngeren auf den Markt bringen. Dieser Maler war einer der besten seiner Epoche, lebte lange in Basel, wo auch das Madonnenbild 1526 entstand, er machte dann im englischen Königreich Karriere. Das Bild mit der Madonna hat seine eigene Geschichte, es kam im 19. Jahrhundert in den Besitz der Familie von Hessen, im 20. Jahrhundert war es lange in einem Museum in Darmstadt zu sehen, wohin es das Adelshaus verliehen hatte. 2003 ging es, ebenfalls als Leihgabe, ins Kunstmuseum Städel in Frankfurt am Main. 2010 kündigte das Adelshaus Hessen den Leihvertrag. Das Städel Museum hätte das Bild gern behalten und war in der Lage, mithilfe von Sponsoren 40 Millionen Euro aufzubringen. Doch der Unternehmer Reinhold Würth bot 50 Millionen Euro und erhielt 2011 den Zuschlag. Die Madonna ist jetzt in Würths Sammlung zu sehen.
Weil das Gemälde auf der Liste national bedeutenden Kulturguts stand, hätte es ohnehin nicht ins Ausland verkauft werden dürfen – wäre es aber nicht gelistet gewesen, hätte es die adlige Familie in London oder New York in eine Auktion geben können und gut und gerne 100 Millionen Euro bekommen. Das in etwa sind die Unterschiede, um die es geht. 50, 60 Millionen Euro oder mehr. Das ist die Differenz, an die jetzt viele aus der Branche denken.
Martin Roth, deutscher Direktor des renommierten Victoria and Albert Museum in London, kritisiert im Interview (siehe Seite 119) nun jene Sammler, "die verkappte Händler sind" und auf "irrwitzige Wertsteigerungen" hoffen, statt sich ihrer Kunstwerke zu erfreuen.
Auch auf diesen Typus des Kunstspekulanten zielt das neue Gesetz: In Zukunft soll sehr viel strenger kontrolliert werden, welche Werke das Land verlassen. Und es wird leichter sein, sie auch noch dann als nationales Kulturgut zu deklarieren, wenn sie schon fast auf dem Weg ins Ausland sind.
Das heißt für alle, die einigermaßen wertvolle und wichtige Bilder besitzen: Sie wissen nicht, ob sie ihre Stücke, womöglich für einen verlockend hohen Preis, an einen russischen Oligarchen oder an einen Scheich verkaufen können. Wird ihr Kunsteigentum – nach welchen Kriterien auch immer – als national wertvoll eingestuft, gilt ab sofort, dass es das Land nicht dauerhaft verlassen darf. Damit aber schrumpft der Marktwert möglicherweise auf einen Bruchteil zusammen. Es klingt widersprüchlich: Durch den Stempel "national wichtig" reduziert sich der Wert ihrer Kunst.
Kann man es Eigentümern vorwerfen, dass sie auch den materiellen Wert ihrer Kunst zu schätzen wissen? Kann man es dem Handel vorwerfen, dass er sich um seine Geschäfte sorgt, dass er so viel Unsicherheit nicht mag?
Kann man es wiederum dem Staat vorwerfen, dass er das, was seiner Meinung nach für die nationale Identität wichtig ist, im Land erhalten will? Dass er die Werke nicht in die perfekt klimatisierten, aber für die Allgemeinheit unzugänglichen Tresore eines Zollfreilagers in der Schweiz ziehen lassen möchte – wo ein Spekulant ein paar Quadratmeter Depotraum angemietet hat?
Viele Werke wurden zudem nur deswegen so berühmt und wertvoll, weil der Staat sie in seinen Museen, in seinen Ausstellungen gezeigt hat. Auch der Künstler Georg Baselitz straft nun mit dem Abzug seiner Werke jene Häuser, die seinen Ruhm noch vergrößert haben.
Auch andere Länder haben Gesetze und Regelwerke, die das eigene Kulturgut schützen und dazu die Ausfuhr regeln. Als streng gelten Länder wie Spanien, als großzügiger Großbritannien. Dort darf ein als national wichtig eingestuftes Werk nur dann nicht ins Ausland veräußert werden, wenn ein Käufer im Inland, ein Museum zum Beispiel, den Marktwert aufbringt. Eine solche Regelung aber hält Staatsministerin Grütters für abwegig, sie will Werke sperren lassen, unabhängig davon, ob eine Institution oder ein privater Sammler in Deutschland internationale Bieter ausstechen kann.
Eine Menge Fragen sind noch ungeklärt. Was, zum Beispiel, geschieht, wenn jemand nur seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt und seine Kunst mitnehmen will? In Italien wurde das schon einer Sammlerin verboten, sie verzichtete dann auf den Umzug.
Von Ulrike Knöfel und Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 31/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kunstmarkt:
Wie deutsch ist Nofretete?

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit