25.07.2015

KinoHut ab

Die Komödie „Gefühlt Mitte Zwanzig“ spielt mit der Angst vor dem Älterwerden. Gutes Timing: Hauptdarsteller Ben Stiller wird im Herbst 50.
Eigentlich sei es doch großartig, dass sie keine Kinder hätten, sagt Cornelia zu ihrem Mann Josh, "wenn wir Lust haben, können wir zum Beispiel morgen mal eben nach Paris fliegen". Genau, meint er, man sei wirklich total flexibel, allerdings: Vier Wochen Vorlauf brauche er schon für eine Reise. Na gut, vier Wochen, sagt sie, "das geht noch als spontan durch".
Cornelia (Naomi Watts) und Josh (Ben Stiller) sind ein Paar in den sogenannten besten Jahren. Sie leben in Brooklyn, zumindest auf den ersten Blick geht es ihnen gut. Und bald soll alles noch besser werden, nämlich dann, wenn Josh, von Beruf Regisseur, endlich den sechsstündigen Dokumentarfilm fertig geschnitten hat, an dem er seit acht Jahren arbeitet. Danach geht es also nach Paris, bestimmt! Oder sollten sie doch noch einmal versuchen, ein Kind zu kriegen?
Mit solchen Debatten beginnt "Gefühlt Mitte Zwanzig", der neue Spielfilm von Noah Baumbach. Der Regisseur und Drehbuchautor aus New York gilt als Chronist neurotischer Großstädter in der Nachfolge von Woody Allen. In seinem letzten Film, "Frances Ha" von 2012, hatte Baumbach von einer leicht verpeilten jungen Frau erzählt, die mitansehen muss, wie ihre gleichaltrigen Freunde Karriere machen und Fa-
milien gründen, während sie selbst kaum vom Fleck kommt. Sogar eine Parisreise wird zur Enttäuschung.
In "Gefühlt Mitte Zwanzig" zeigt Baumbach nun eine ähnliche Situation, nur diesmal aus der Perspektive von Menschen, die fast 20 Jahre älter sind als Frances. Ihre latente Unzufriedenheit speist sich aus der wachsenden Erkenntnis, dass ihre Träume womöglich immer nur Träume bleiben werden.
Das könnte der Stoff für eine Tragödie sein, Szenen einer Ehe mit Schlechte-Laune-Garantie für die Zuschauer. Doch "Gefühlt Mitte Zwanzig" ist, bei aller Melancholie, zunächst einmal eine großartige Komödie. Diskussionen dürfte der Film trotzdem auslösen, über die Liebe, über Konflikte zwischen den Generationen und die Frage, ob ein Mann eigentlich in Würde altern kann, wenn er einen Hut trägt.
Im Original heißt der Film "While We're Young", was als trotzig-selbstironische Kampfansage verstanden werden darf. Regisseur Baumbach ist 45, seine beiden Hauptdarsteller sind noch ein bisschen älter. Ben Stiller wird im November 50. Seit Rollen wie in "Verrückt nach Mary" schien er in der Vorhölle der ewigen Pubertät gefangen zu sein; erst seit einigen Jahren darf Stiller auch echte Erwachsene verkörpern. Eine Nebenrolle besetzte Baumbach mit dem Musiker Adam Horovitz, ein schöner Insidergag über jugendliche Rebellion und was davon übrig bleibt. Unter seinem Spitznamen Ad-Rock gehörte Horovitz zu den Beastie Boys, der legendären Band. Im Film spielt er einen braven Ehemann und Vater, der kaum noch vor die Tür kommt. Horovitz ist 48.
Ab einem bestimmten Alter wollen Männer in der Regel wissen, was sie vom Leben noch zu erwarten haben. Manche glauben, jetzt sei die letzte Gelegenheit zur radikalen Selbstoptimierung gekommen. Der eine kündigt seinen Job, der andere kauft sich ein Motorrad. Oder, ganz klassisch: Man lässt sich scheiden – so wie Regisseur Baumbach und seine Ehefrau, die Schauspielerin Jennifer Jason Leigh, die sich kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes trennten. Der Junge heißt übrigens mit Vornamen Rohmer, eine Hommage an Eric Rohmer, den französischen Regisseur. Mittlerweile ist Baumbach mit Greta Gerwig, 31, liiert, der Hauptdarstellerin und Koautorin von "Frances Ha".
In "Gefühlt Mitte Zwanzig" entdecken Josh und Cornelia einen anderen, vermeintlich risikolosen Weg zurück zu den Anfängen ihrer Beziehung. Sie freunden sich mit einem 20 Jahre jüngeren Paar an, Darby und Jamie, gespielt von Amanda Seyfried und Adam Driver ("Girls"). Die jungen Leute, bereits verheiratet, strahlen jene Selbstsicherheit aus, die das ältere Paar längst verloren hat.
Zu viert sitzen sie in der Wohnung der Jüngeren zwischen alten Schallplatten, VHS-Kassetten und einer Schreibmaschine. "Wie das Zeug, das wir aussortiert haben", sagt Cornelia zu Josh, "aber bei ihnen sieht es gut aus." Die beiden Frauen gehen gemeinsam zum Tanzen; die Männer fachsimpeln über Dokumentarfilme.
Jamie will Regisseur werden, wie Josh; geschmeichelt gibt der Ältere sein Wissen weiter. Im Gegenzug erteilt der Jüngere Lehrstunden in Sachen Stilbewusstsein und Coolness: Sie kaufen für Josh einen Hut. Später radeln die Männer gemeinsam auf alten Rennrädern durch Brooklyn. Josh muss danach zum Arzt. Der Rücken schmerzt, das Knie; später, als es fast zu spät ist, wird ihm klar, dass er sich zum Deppen gemacht hat.
Regisseur Baumbach beobachtet seine Figuren präzise, ohne sie zu verachten; sein Blick ist meist voller Zuneigung, nicht zynisch. Man kann das für einen Fortschritt halten: Vor zehn Jahren hatte Baumbach in "Der Tintenfisch und der Wal" die Scheidung seiner Eltern verarbeitet. Ursprünglich glaubte er damals, eine Komödie gedreht zu haben. Doch als er das Werk seiner Mutter zeigte, einer Filmkritikerin, musste er selbst weinen. Auch andere Zuschauer reagierten verstört: So genau wollte man es dann doch nicht wissen.
"Gefühlt Mitte Zwanzig" wirkt dagegen geradezu versöhnlich. Baumbachs milder Spott trifft alle Generationen. In einer Szene sagt Darby, die junge Frau, zu Josh, dem alten Mann mit dem komischen Hut: "Wir haben uns gefragt, wie wir sein werden, wenn wir alt sind. Die Antwort lautet: wie alle anderen."
Filmstart: 30. Juli.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 31/2015
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