25.07.2015

BuchkritikSuperwoman Susan

Mit seinem neuen Roman will der Däne Peter Høeg an den Welterfolg von „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ anknüpfen.
Der Schriftsteller Peter Høeg ist ein Mann mit besonderem Talent. Vor mehr als 20 Jahren veröffentlichte er seinen Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" – ein Buch, das sich nicht an Genregrenzen hielt, ein gelehrter Thriller, ein unterhaltsamer Philosophieroman mit einer Heldin, die über Intelligenz und Kombinationsgabe verfügte, die eine Expertin für Schnee war und die Mode der Inuit trug. Das Buch wurde ein Welterfolg.
Bevor Høeg die Geschichte von Smilla, Tochter einer Grönländerin, aufschrieb, hatte er als Balletttänzer und als Matrose auf Jachten vermögender Menschen gearbeitet. Der Eigensinn, der aus dieser Biografie spricht, die Weigerung, sich auf einen einzigen Beruf festlegen zu lassen, auf einen linearen Lebensweg, findet sich auch in seinen Romanen.
Spielerisch fügt Høeg, 58, in ihnen all das zusammen, was ihm interessant erscheint, Einfälle überlagern sich, dem Leser bietet sich ein Panoptikum ungewöhnlicher Figuren, die Handlung springt und schlingert, doch sie wird glänzend erzählt. Høegs Talent hat etwas Ungestümes. Im Zentrum seines neuen Romans "Der Susan-Effekt" steht nun die Frage, welche Bürde es bedeutet, über ein besonderes Talent zu verfügen.
Susan Svendsen ist die Hauptfigur des Romans. Mit ihrer Familie war sie auf dem Cover des Magazins "Time" abgebildet, "The Great Danish Family" stand unter dem Foto – die große dänische Familie. Susan lehrt als Experimentalphysikerin an der Universität in Kopenhagen, ihr Ehemann Laban ist ein bedeutender zeitgenössischer Komponist. Die beiden haben Zwillinge, 16 Jahre alt, hochintelligent, denen Susan so oft wie möglich eine warme Mahlzeit kocht, sie ist davon überzeugt, dass warmes Essen eine Familie zusammenhalten kann.
Susans besonderes Talent liegt darin, dass sie bei anderen Menschen einen Zwang zur Aufrichtigkeit hervorruft. Wer sich in ihrer Nähe befindet, spricht ohne Kalkül und Scham genau das aus, was ihm durch den Kopf geht. "Allen Menschen wohnt ein tiefer instinktiver Trieb zur Aufrichtigkeit inne", lässt Høeg seine Heldin Susan einmal erklären.
Als der Roman einsetzt, sind alle vier Familienmitglieder durch die Hilfe eines dänischen Regierungsbeamten in Indien aus einer sehr misslichen Situationen befreit worden: Susan saß wegen versuchten Totschlags im Gefängnis, nachdem sie mit einem fast 1,90 Meter großen Mann in Streit geraten war; ihr Mann war mit einer Minderjährigen nach Goa durchgebrannt, die Tochter hatte sich einem Guru angeschlossen, der Sohn war ebenfalls im Gefängnis.
Nun sind alle vier auf wundersame Weise in Dänemark wieder vereint. Der Leser erfährt nichts weiter über die indischen Abenteuer; sie bilden nur den Ausgangspunkt für eine Handlung, die sich noch ungeheuerlich verzweigen wird. Denn als Gegenleistung für die Freilassung ihrer Familie muss Susan eine Kleinigkeit erledigen: Sie soll herausfinden, was es mit einer ominösen Gruppe von Menschen auf sich hat, die als Zukunftskommission bezeichnet wird.
"Der Susan-Effekt" ist über 20 Jahre nach "Smilla" wieder ein literarischer Thriller, der die Zusammenhänge von Macht, Geld und Ruhmesgier ausleuchten will. Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt, die einerseits eine Kunstfigur ist und andererseits mit dem alltäglichen Dies und Das zu tun hat: wie man aus Resten ein Abendessen für vier Personen kocht beispielsweise oder unter Zeitdruck ein Weihnachtsfest organisiert.
Anders als Smilla hat Susan eine Familie, die sie erdet. Zugleich ist sie Superwoman, sie trickst professionelle Killer aus und rettet Dänemark vor einer finsteren Verschwörung, denn eine Gruppe brillanter Köpfe hat sich in einer elitären Utopie verloren. "Könnte man sagen, dass die Kommission, in Verbindung mit der Geldmacherei, auf eine Frage stieß? Nämlich wo die Grenze zwischen dem Gebrauch und dem Missbrauch eines besonderen Talents verläuft?", fragt Susans schlaue Tochter.
Høegs Romane waren immer eine Mischung aus sorgfältiger Recherche und esoterischen Weisheiten, aus Witz, Tempo, romantischer Vorstellungskraft und einer recht eindeutigen Moral.
Doch diesmal hat Høeg zu sehr am Schwungrad seines Talents gedreht, die Handlung entwickelt sich zusehends krude, handwerkliche Nachlässigkeiten schleichen sich ein, zugunsten neuer, faszinierender Charaktere laufen einzelne Handlungsstränge ins Leere, zum Ende hin muss Høeg tief in die erzählerische Trickkiste greifen, um die Story noch irgendwie zusammenzubinden: Susan hat im entscheidenden Moment zufällig eine digitale Kamera dabei, ein Mikro, zwei winzige Lithiumbatterien und eine Antenne, und kann dies alles auch noch unbemerkt installieren, um die Bösewichte im James-Bond-Zuschnitt zu entlarven.
Der Roman liest sich, als ob Høeg sich an seinem eigenen Schreiben berauscht hätte und sich längst jener elitären Welt zugehörig fühlt, deren Abgehobenheit er in diesem Roman eigentlich kritisieren will. "Der Susan-Effekt" ist einfach zu viel des Guten.
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Hanser Verlag, München; 400 Seiten; 21,90 Euro.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 31/2015
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