14.06.1999

MARKETINGKassenknüller Königshaus

Mit der Trauung von Prinz Edward und Sophie Rhys-Jones treibt die Seifenoper der Windsors einem neuen Höhepunkt entgegen. Fernsehen und Society-Magazine wollen ganz groß einsteigen. Die Prominentenjäger haben die Fährte längst aufgenommen.
Königstreue Briten hatten in der Vergangenheit wenig zu lachen. Bei den Windsors wurde gefetzt und gebeichtet, geschieden (Anne, Charles, Andrew) und Dianas Beerdigung so herzzerreißend begangen, bis "Time" schrieb: "Wenn die Familie im vergangenen Horrorjahrzehnt überhaupt etwas gelernt hat, dann, daß Image alles ist."
Da ist es kein Wunder, daß der letzte, noch nicht verehelichte Prinz, Edward, ausgerechnet Sophie Rhys-Jones verfiel, die eine PR-Agentur ihr eigen nennt. Die Bürgerstochter (Vati ist Reifen-Verkäufer) glaubt an Reinkarnation und redet hauptberuflich so viel, daß die Gefahr besteht, sie eines fernen Tages als Gebetsmühle wiedergeboren zu finden.
Mit ihr rollt der Fortsetzungswahn der royalistischen Seifenoper nun einem neuen Höhepunkt entgegen. Am Samstag heiratet Edward, 35, endlich seine Sophie, 34 - zur Erleichterung der Weltmedien, die mit Diana den größten Umsatzbringer der Familie zu Grabe getragen haben. Damals hockten rund 16 Millionen Deutsche matt vor den Scheiben.
Die Hochzeit soll zur neuen Hoch-Zeit der Quotenjäger werden. "Ein Großereignis", jubelt RTL-Prominentenjägerin Frauke Ludowig, deren Kölner Kanal rund 30 Reporter und Techniker samt fünf Kameras gen London schickt. Mit im RTL-Boot: Eduard Prinz von Anhalt, der seit längerem auf der Gehaltsliste des Senders steht, weil er ein echter Cousin der Königskinder ist. Solchen Aufwand sei man schon "denen schuldig, die noch nicht alle Käseblätter gelesen haben", sagt RTL-Sprecherin Heike Schultz.
Alf Schmidt, Hochadelsexperte in den Niederungen der einschlägigen Gazetten, bastelt bereits an einem 20seitigen Special. Der Chefreporter von "Frau im Spiegel" erträumt sich ein Auflagenplus von 50 000 Stück - "mindestens". "Bunte"-Chefdompteuse Patricia Riekel beordert fünf Leute nach London. Zehn Doppelseiten müßten drinsein für "die letzte große Königshochzeit des Jahrtausends", Titel inklusive.
* Links: bei einem RTL-Interview in Monaco 1996; rechts: bei einer Benefiz-Gala in der Münchner Residenz am 15. April.
Das ZDF droht mit dem Duo Nina Ruge und Peter Frey sowie einer dreistündigen Live-Schaltung. N-tv will nach anfänglichen Bedenken doch "ganz groß einsteigen". Und der "Ereigniskanal" Phoenix, sonst eher abonniert auf dröge Bundestagsdebatten, übernimmt die Berichte des ARD-Königshausexperten Rolf Seelmann-Eggebert (siehe Seite 120).
Die Hochzeit sei, versucht Phoenix-Sprecher Jürgen Bremer der Feier Tiefe zu verleihen, "auch ein Stück Selbstinszenierung der politischen Klasse Englands". Mit seismographischer Devotheit wird Seelmann-Eggebert das königliche Treiben begleiten.
Strafverschärfend kommt hinzu, daß sein Einsatz einer Veranstaltung gilt, die mit vielen jener schönen Traditionen bricht, an denen sich das Fernsehvolk bei royalen Eheschließungen bislang delektieren konnte. Entgehen wird den Zuschauern diesmal zum Beispiel die einzigartige Festtags-Couture der Upper-Class, die landesfremde Menschen unwillkürlich dazu verführt, nach Vorhangringen zu suchen - bei dem vorherrschenden Gardinen-Design. Entbehren muß das Publikum auch den sonst obligaten Kopfschmuck: keine Hüte mit Beerenobst und Feldblumen, die bei den Hochzeiten von Edwards älteren Geschwistern Anne, Charles und Andrew so zahlreich und farbenfroh über den Bildschirm wippten.
Daß es beim jüngsten Windsor-Sproß vergleichsweise trist zugehen soll, haben allein die Brautleute zu verantworten: Gegen alles Zureden des Buckingham-Palastes, der es gern opulenter gehabt hätte, beharrten Edward und seine private PR-Beraterin Miss Sophie auf einer "intimen Feier im kleinen Kreis". Die 500 Gäste wurden in der Einladung um gehobene Nachmittagskleidung und Hutverzicht gebeten.
Neuland betrat das Brautpaar auch bei der Wahl von Ort (Schloß Windsor) und Zeit (17 Uhr) der Eheschließung. Im Süddeutschen wird so eine Spät-Show schmallippig als "Kaffeehochzeit" disqualifiziert, was soviel heißt wie: Die haben nicht mal genug Geld für ein anständiges Mittagessen.
Seit Edward am 6. Januar seine Verlobung mit Rhys-Jones bekanntgab, geht es drunter und drüber. "Ich bin sehr glücklich", ließ Sophie verlauten, "und freue mich auf ein aufregendes Jahr."
Zwischen dem stillen Prinzen und dem plietschen Plappermaul hatte sich im Laufe von fünf Jahren eine Beziehung entsponnen, die Edward bei der Präsentation des Verlobungsrings samt dranhängender Braut so beschrieb: "Wir sind die besten Freunde."
Seit Jahren muß sich der Bräutigam unterstellen lassen, er schätze am Theater vor allem dessen Darsteller - nur weil ihn manche Männer der Bühne gern mal mißverständlich "Buckingham Barbara" oder "Babs Windsor" nannten. Als die Pressebengels immer unverschämter bohrten ("Edward schwul?"), dementierte er in einem Zeitungsinterview: "Ich bin nicht schwul." Dazu lancierten Freunde, Edward habe den Erstverkehr mit einer willigen Palastzofe vollzogen. In der Folge sei es durchaus zu weiteren Begegnungen mit Vertreterinnen des anderen Geschlechts gekommen.
Was die Medien noch heftiger erregte, war der Plan, sie sollten Edwards Trauung gar nicht beiwohnen dürfen. Wenige Tage später begann der Prinz laut darüber nachzudenken, das Zeremoniell zwar filmen zu lassen - jedoch von seiner eigenen, bislang völlig erfolglosen TV-Produktionsfirma Ardent.
"Niemand hat jemals ein derartiges Programm rund um die Welt verkauft", jubelte Ardent-Geschäftsführer Malcolm Cockren. Er träumte von Lagerhallen voller Souvenirvideos, Hochzeitstassen und Wandtellern.
Der stets klamme Prinz, der mit einer jährlichen Apanage von 96 000 Pfund haushalten muß, träumte vom Ende finanzieller Not. Doch Elizabeth II. tobte, die BBC warnte: "Wir werden das ganze Ding einfach boykottieren."
Es bedurfte langen Redens, bis die Queen ihrem Lieblingssohn beigebogen hatte, daß man eine royale Hochzeit nicht wie ein Fußballspiel verhökern kann. Edward, bei dem sich Raffgier mit geschäftlicher Inkompetenz paart, einigte sich mit der BBC, die nun exklusiv für alle filmen wird.
Etwa 80 000 Mark sollen die Übertragungsrechte pro Sender kosten. Rund 300 Millionen Mark könnte das Ereignis mit all seinen Lizenzen, Exklusivverträgen und Zweitverwertungen bringen - natürlich nicht für die arg strapazierte Prinzen-Börse, sondern einen noch einzurichtenden Fonds zugunsten allerlei guter Zwecke. Edward mimt bei etlichen karitativen Einrichtungen den Freizeit-Schirmherrn.
Protokollarisch sei die Feier "eine Katastrophe", murrt ARD-Reporter Seelmann-Eggebert. Jeden Tag kämpft der Journalist nun mit geänderten Terminplänen, während die Braut mit ihrem Versprechen ringt, bis zur Trauung einige Kilo runterzuhungern, um in ihr Designerkleid zu passen.
Von einem gewissen vorlauten Mut zum Risiko war auch die Geschenkliste der Hochzeiter geprägt, auf der das Paar um allerlei Gegenstände des häuslichen Bedarfs nachsuchte. Ganz gern hätten sie etwa ein silbernes Teeservice für umgerechnet rund 126 000 Mark, ein praktisches Eß-Set (40 000 Mark) oder den Superbreitwand-Fernseher (15 000 Mark) mit 14 Lautsprechern, ganz so, als wollten sie den Rest ihres Ehedaseins teeschlürfend vor der heimischen Glotze verbringen.
Zurückhaltung hat sich das Paar zumindest bei der Wahl der ehelichen Behausung auferlegt. Man entschied sich für eine 28-Raum-Wohnung, die immerhin 572 Zimmer weniger hat als ihr bisheriges Habitat, der Buckingham-Palast, in dem beide in den vergangenen Jahren auf Probe zusammenlebten.
Im Vorfeld des Großereignisses kam es dennoch zu brisanten Enthüllungen, vor allem in der Presse des Teilzeit-Briten Rupert Murdoch. Dessen auflagenstärkstes Blatt, die "Sun", hatte der Welt kurz vor der Hochzeit einen Blick auf Sophies blanke rechte Brust ermöglicht, unscharfes Dokument einer Jugendsünde der damals 23jährigen.
Die sittliche Empörung der düpierten Konkurrenz wurde nur durch das Gerücht gemildert, es gebe ein weiteres Foto, auf dem der mit Südseesand panierte Hintern der künftigen Herzogin zu sehen sein soll. So wird Sophie wohl heißen, nachdem Edward in der St.-Georg-Kapelle von Schloß Windsor selbstschuldnerisch jene Absichtserklärung gesprochen haben wird, die die schottischen Untertanen seiner Mutter "the hard word" nennen, das schwere Wort: "Ja, ich will."
Sophie kommt ihm insofern entgegen, als sie die altväterische Antwort-Version mit dem Gehorsamsgelöbnis an den Gatten wählen wird. Right Reverend Peter Nott, der das Ehesakrament spendet, zeigte sich begeistert. Britanniens Frauenbewegung erlitt einen feminileptischen Anfall.
Nach Trauakt und Abgesang von jeweils drei Hymnen und Chorälen besteigen die frisch Vermählten um 17.45 Uhr eine offene Kutsche, in der sie 15 Minuten durch Windsor fahren, einmal um den Pudding sozusagen. Danach warten Erfrischungen und zwei Büffets, die - wie seit 40 Jahren Usus - das Tanzorchester Joe Loss umrahmt.
All das klingt nicht gerade nach einem gesellschaftlichen Überknaller. Der Unterhaltungswert dürfte sich zwischen Fronleichnamsprozession und Krippenspiel bewegen, wenn man "Bild am Sonntag"-Chefredakteur Michael Spreng glauben darf.
Edward sei eben ein "unendlicher Langweiler", Sophie leider keine charismatische Diana. Im Duett gehörten sie allenfalls zur "zweiten oder dritten Garnitur". Spreng hat als Sonntagsblatt-Macher das Recht der ersten Nacht. Aber "wahrscheinlich taugt die Trauung nicht mal zur Schlagzeile". HENRY GLASS,
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, THOMAS TUMA
* Links: bei einem RTL-Interview in Monaco 1996; rechts: bei einer Benefiz-Gala in der Münchner Residenz am 15. April.
Von Henry Glass, Konstantin von Hammerstein und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 24/1999
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