14.06.1999

Der „Habicht“ und sein Adjutant

Ein alter Haudegen kommandiert die deutschen Kosovo-Truppen. Die Aktion wird zum letzten Einsatz für Brigadegeneral Helmut Harff.
So fürchten die Untergebenen ihn: Harff bebt innerlich vor Zorn, als er aus dem Zimmer des britischen Drei-Sterne-Generals John Reith im albanischen Nato-Hauptquartier Durrës eilt. "Zirkelbach, sofort los!" zischt der Brigadegeneral seinen Adjutanten an und schreitet im Geschwindschritt vorbei an den blühenden Oleanderbüschen Richtung Strand, wo sein Helikopter wartet.
Helmut Harff, 60, nationaler Befehlshaber der Deutschen, regelt mit Verbündeten und Politikern vor Ort letzte Details des Einmarschs ins Kosovo - nicht immer reibungslos: Die Zeit ist knapp, und es geht um Einfluß, Geld und Politik.
Der Engländer Reith, der über die Nato-Gelder in Albanien herrscht, will die nördliche Zufahrtsstraße von Durrës ins Kosovo für Briten und Amerikaner besser ausbauen als die ohnehin längere Strecke von Durrës über das mazedonische Ohrid, die von den Deutschen und Franzosen benutzt werden soll. Und dafür möchte er zudem noch deutsche Pioniere abziehen.
Kurz zuvor hat sich Harff vergangenen Mittwoch morgen bereits im 180 Kilometer Luftlinie entfernten mazedonischen Verteidigungsministerium in Skopje die Erlaubnis für den Durchmarsch seiner Truppen über die Grenzstraßen ins Kosovo geholt. Dem Elitesoldaten aus dem Rheinland ist die Irritation anzusehen, wenn mit dem Generalstabschef der mazedonischen Streitkräfte, einem älteren Herrn mit buschigen Augenbrauen und weißem Haarkranz, zunächst ausführlich dessen Rheuma erörtert wird.
Fallschirmjäger Harff, den sie hier wegen seiner asketischen, hochgewachsenen Erscheinung den "Habicht" nennen, gilt als absolut zuverlässiger Erfüller des politischen Auftrags. Als ein Offizier, der Undiszipliniertheit und Schwäche bei seinen Soldaten unbarmherzig verfolgt - auch vor Publikum. "Wenn du rumeierst, hängst du festgenagelt an der Wand", sagt einer, der ihn lange kennt. Dabei geht es dem uneitlen Harff ohne Zweifel um die Sache. Er tut meist das Richtige, dies jedoch zuweilen mit dem Temperament eines Schnappmessers.
Der gelernte Betriebswirt hat Erfahrung in Krisengebieten wie kaum ein anderer Offizier der Bundeswehr. Als erster Befehlshaber der deutschen Truppen beim Somalia-Einsatz im Sommer 1993 robbte er den Kameraden voran durch den Wüstensand - nach der Devise: "Wir werden nicht mehr von Ihnen erwarten, als wir von uns erwarten." 1997 war er Stabschef der multinationalen Division in Mostar. Seit drei Monaten bereitet er die Soldaten für den schwierigsten und gefährlichsten Einsatz seit Bestehen der Bundesrepublik vor.
Fast eine Woche liegen die Operationspläne für die Truppenverlegung nach Prizren in den von den Deutschen zu kontrollierenden Südwestteil des Kosovo vor. Leicht bewegliche Gefechtsfahrzeuge wie der Mannschaftstransportpanzer "Fuchs" und der Spähpanzer "Luchs" waren Ende vergangener Woche bereits nahe Albanien am Standort Ohrid. Sie sollen schnellstmöglich über Kukës die Grenze nach Jugoslawien passieren, schwere Waffensysteme, "Leopard"-Panzer und "Marder", sollen von Mazedonien aus nördlich von Skopje über den Grenzübergang Djeneral Jankovic vorstoßen.
Geführt werden die ersten 2600 deutschen Soldaten, die auf 800 Fahrzeugen ins Kosovo rollen, von Brigadegeneral Fritz von Korff, 56, aus dem oberpfälzischen Amberg. Korffs Verbindungsoffiziere halten Kontakt mit dem für Prizren zuständigen Brigadekommandeur der jugoslawischen Armee. So soll verhindert werden, daß Freischärler sich in den durch serbischen Rückzug frei werdenden Gebieten festsetzen können. "Stoßstange an Stoßstange, die Serben raus, wir rein, das wäre ideal", sagt ein Bundeswehrsprecher.
Von ihrem Auftrag, die Rückkehr der Flüchtlinge zu sichern, sind die Soldaten zutiefst überzeugt. Viele haben beim Bau des riesigen Flüchtlingslagers Cegrane geholfen und gesehen, wie dort in einer Nacht bis zu 7000 erschöpfte Kosovo-Albaner Schutz suchten. "Das war ein Lernprozeß", sagt Hauptfeldwebel Stefan Ebneth, 33, aus dem bayerischen Mittenwald, der mit seinem Sicherungszug ganz vorn dabei ist. "Die sollen wieder nach Hause können."
Die Angst fährt dennoch bei vielen mit. "Fanatiker, die ihren Privatkrieg führen", fürchtet Scharfschütze Sven Gerber, 23, vom Schneeberger Gebirgsjägerbataillon; seinen Kollegen Norman Müller, 21, beschäftigt, daß "von uns bislang noch niemand in der Situation war, wirklich abzudrücken". Die größte Gefahr sind die massenhaft verlegten Minen und sogenannte versteckte Ladungen, Sprengsätze in harmlos aussehenden Gegenständen wie Zigarettenschachteln oder Spielzeug.
Abends trinken Kommandeur Harff und sein Adjutant ein Glas roten mazedonischen Sauvignon "auf den Frieden". Kosovo ist das letzte Gefecht des Generals, im November geht er nach 40 Jahren in Ruhestand, stolz und unbescheiden: "Ich warte auf einen Besseren als mich." SUSANNE KOELBL
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 24/1999
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