01.08.2015

Griechenland„Varoufakis hat alles gegeben“

Der US-Ökonom James Galbraith, 63, war einer der vier, zeitweise auch fünf Berater von Yanis Varoufakis, die in seinem Auftrag einen "Plan B" für die Rückkehr zur Drachme erarbeiteten. Einige Bürger haben den Exfinanzminister wegen Hochverrats und der Bildung einer kriminellen Vereinigung angezeigt.

SPIEGEL: Wann haben Sie mit den geheimen Planungen für den Grexit begonnen?
Galbraith: Unsere Diskussionen begannen Ende März und dauerten ungefähr bis zur ersten Maiwoche. Unsere Aufgabe war aber nicht, einen Geheimplan zu entwickeln, sondern Probleme zu identifizieren, die drohten, falls die europäischen Partner Griechenland aus dem Euro werfen würden.
SPIEGEL: Gab es einen Punkt, wo das Szenario Realität hätte werden können?
Galbraith: Nein.
SPIEGEL: Warum liefen die Vorbereitungen denn unter größter Geheimhaltung ab?
Galbraith: Die Kenntnis über unsere Arbeit wäre falsch gedeutet worden.
SPIEGEL: Der klandestine Charakter hat zu Gerüchten über einen Putschversuch geführt.
Galbraith: Wir waren weder in politische Diskussionen noch in Entscheidungen der Regierung eingebunden. Nein, es gab nichts dergleichen.
SPIEGEL: Angeblich sollte durch einen Hackerangriff der Zugang zu den Daten der Steuerverwaltung ermöglicht werden. War das Teil Ihrer Diskussionen?
Galbraith: Nein. Aber die Idee, diese Daten auch für den Zahlungsverkehr des griechischen Staates zu nutzen, hat Varoufakis am Tag seines Rücktritts offen angesprochen. Damals hat es keine Aufmerksamkeit erregt. Zudem lag die Idee vollständig in der Kompetenz des Finanzministeriums.
SPIEGEL: War Varoufakis' Mission unmöglich?
Galbraith: Er hat als Finanzminister fünf Monate lang alles gegeben, um einen Kompromiss zu erzielen, der der Wirtschaft Stabilisierung und Erholung nach dem Debakel der letzten fünf Jahre verschafft hätte. Es ist enttäuschend, dass es keine Flexibilität bei den Gläubigern gab.
SPIEGEL: Varoufakis' Gegenspieler war Wolfgang Schäuble. Wie sehen Sie seine Rolle?
Galbraith: Ich respektiere den deutschen Finanzminister sehr. Aber seine politischen Vorgaben und ökonomischen Verpflichtungen sind inkompatibel mit den Bedürfnissen der griechischen Wirtschaft. Für Europa könnte es sich als Tragödie herausstellen, dass kein Weg gefunden wurde, die Differenzen zu überbrücken.
SPIEGEL: Die jüngste Vereinbarung ist also keine gute Lösung für Griechenland und Europa?
Galbraith: Ich glaube, nicht einmal Schäuble findet, dass das eine gute Lösung ist. Es gibt große Differenzen zwischen dem IWF und den europäischen Gläubigern im Hinblick auf einen Schuldenerlass. Deshalb ist die Vereinbarung noch nicht in Kraft getreten – und es ist offen, ob sie das jemals wird.

Interview: Holger Stark
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 32/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Griechenland:
„Varoufakis hat alles gegeben“

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit