01.08.2015

KommentarTot schweigen

Weil Pharmafirmen Daten vertuschen, müssen Patienten leiden.
Wer nur die halbe Wahrheit kennt, muss mit Risiken und Nebenwirkungen rechnen. So wie all jene gutgläubigen Menschen, die die Substanz Reboxetin nahmen, um ihre Depressionen zu lindern. Doch als die Herstellerfirma Pfizer – zuvor unter Verschluss gehaltene – klinische Daten zu Reboxetin-Studien herausrückte, wurde klar: Die Substanz schadet mehr, als sie nutzt. Überhaupt mutet die klinische Forschung zu Antidepressiva an wie Geheimniskrämerei. So legten 94 Prozent der veröffentlichten Studien zu zwölf verschiedenen Medikamenten eine positive Wirkung gegen Depressionen nahe. Später rechnete man die Ergebnisse aus nichtveröffentlichten Studien hinzu – und siehe da, nur noch 51 Prozent der Tests wiesen auf eine heilsame Wirkung hin. Herzpatienten wiederum bekamen nach einem Infarkt bestimmte Mittel gegen Rhythmusstörungen, um ihr Leben zu verlängern – tatsächlich rafften die Medikamente Zehntausende von ihnen dahin. Dabei hatte eine Studie genau diese Gefahr offenbart – doch diese war 13 Jahre lang nicht zugänglich gewesen. All dies kam nur heraus, weil Forscher ihre Daten freiwillig herausrückten oder sich durch kritische Nachfragen zur Freigabe genötigt sahen. Bis heute ist keine Pharmafirma dazu verpflichtet, Studienergebnisse zu veröffentlichen – höchste Zeit, dass sich das ändert. Kommendes Jahr könnte es so weit sein; da soll eine EU-Verordnung mehr Transparenz bringen. Klinische Studien sollen registriert und sämtliche Studiendaten veröffentlicht werden. Der Schönheitsfehler: Die Verordnung gilt nur für künftige Studien, nicht rückwirkend. Jene Daten also, die heutige Medikamente als Scharlatanerie entlarven könnten, würden weiter verborgen bleiben. Deren überfällige Aufarbeitung dürfte etliche Skandale offenbaren. Denn die Hälfte aller klinischen Studien wurde nie veröffentlicht.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 32/2015
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