01.08.2015

BotanikKiller Xylella

Ein eingeschlepptes Bakterium vernichtet in Italien Hunderttausende Olivenbäume. Nun haben Experten die Mikrobe auch auf Korsika entdeckt.
In Fabienne Maestraccis Albträumen sterben Bäume. Sträucher erkranken, Laub verdorrt – und keiner kann etwas dagegen tun. "Ich habe Angst, dass wir alles verlieren", sagt die 56-jährige Olivenbäuerin aus dem Süden Korsikas. "Seit vergangener Woche mehr denn je."
Wissenschaftler hatten vor einem Einkaufszentrum im korsischen Propriano einen verdächtigen Busch entdeckt. Das Gewächs, eine Myrten-Kreuzblume, sah welk aus, zu trocken, um gesund zu sein, und so schickten die Experten eine Probe ins Labor. Das Ergebnis: Die Kübelpflanze mit ihren lilafarbenen Blüten hatte sich Xylella fastidiosa eingefangen – ein weltweit gefürchtetes Pflanzenbakterium.
"Für die Insel kann das zur Katastrophe werden", sagt Maestracci. Seitdem die Nachricht vom infizierten Strauch durch die Lokalnachrichten ging, sind nicht nur die Olivenbauern nervös. Sollte sich das Bakterium verbreiten, könnten zahlreiche andere Pflanzen zugrunde gehen. Und welcher Tourist träumt von toten Bäumen und gerodeten Landstrichen?
Seit zwei Jahren lässt sich beobachten, was Xylella in der italienischen Region Apulien anrichtet. Dort hat das sogenannte Feuerbakterium mittlerweile Olivenbäume auf Zehntausenden Hektar Land befallen. Für ein Gebiet von 570 000 Hektar wurden Notfallmaßnahmen getroffen (siehe Grafik). Xylella ist ein Killer.
Und Xylella ist unbesiegbar. Bisher ist es keinem Wissenschaftler gelungen, ein Gegenmittel zu finden. Ungehindert können sich die Bakterien ihren Weg durch die Pflanzen bahnen. Dort blockieren sie die Wasser- und Nährstoffzufuhr. Der Baum hat keine Chance mehr. Erst färben sich Blattspitzen und -ränder braun, dann verdorren Zweige und Äste. Innerhalb weniger Jahre ist das Opfer tot.
Eine unerträgliche Situation, da viele der knorrigen Olivenbäume, die das Landschaftsbild Apuliens prägen, Jahrhunderte alt sind. Sie wachsen nicht so schnell nach wie Aprikosenbäume oder Zitruspflanzen.
Verbreitet wird das Feuerbakterium mit seinen vier Unterarten durch Zikaden, die zwischen den Pflanzen hin und her springen, fliegen oder krabbeln. Mit ihrem Rüssel saugen sie Flüssigkeit aus den Blättern und stecken so einen Baum nach dem anderen an.
Zwischen Ländern und Kontinenten wandert die Krankheit mithilfe von Wirtspflanzen, zu denen nicht nur Olivenbäume gehören, sondern auch unzählige andere Arten: Weinreben, Zitronenbäume, Kaffeepflanzen, Eichen und verschiedene Zierpflanzen wie jene auf Korsika. Dutzende weitere Spezies können das Bakterium tragen, ohne Symptome zu zeigen.
Gelangt eine infizierte Pflanze über den weltweiten Handel in eine bisher Xylella-freie Region, muss die Seuche sich nicht zwingend ausbreiten. Nur wenn die klimatischen Bedingungen stimmen und dort auch Zikaden leben, kann sich das Bakterium durchsetzen. Nachgewiesen wurde es in den USA, in südamerikanischen Ländern wie Argentinien oder Brasilien, in Taiwan und Costa Rica. Von dort soll es nach Italien eingeschleppt worden sein.
Auch die Franzosen schlugen schon Alarm, als Experten 2012 nahe der Stadt Tours befallene Kaffeepflanzen entdeckten. Allerdings gelang es dem Bakterium damals wohl nicht, dem Treibhaus zu entweichen. Einen ähnlichen Fall gab es diesen April.
Dennoch hält es die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit "für sehr wahrscheinlich", dass sich der Erreger weiter ausbreitet. Mittlerweile hat die EU deshalb ein Importverbot bestimmter Kaffeesträucher aus Honduras und Costa Rica verhängt. Außerdem sollen europäische Staaten die Regionen mit Xylella-Befall abgrenzen und gegebenenfalls ganze Landstriche roden. In Italien sind bereits unzählige Bäume gefallen – unter heftigem Protest der Bauern. Denn häufig traf es auch gesunde Exemplare. Gerade Landwirte, die um ihre Existenz kämpfen müssen, verteidigten jeden einzelnen Baum – zumal gar nicht klar ist, ob der Kahlschlag Xylella tatsächlich stoppen kann.
Die italienische Regierung hat den Notstand für die Region ausgerufen, längst ist der Katastrophenschutz am Werk. Apulien produziert rund 40 Prozent des italienischen Olivenöls. Die Verluste gehen allein in diesem Jahr in die Millionen.
Übertriebene Ängstlichkeit lässt sich den Korsen mit ihrer infizierten Kreuzblume also nicht unterstellen. Die dortigen Behörden haben nun eine Sicherheitszone von 100 Metern um die betroffene Stelle eingerichtet; verdächtige Sträucher werden verbrannt. Im Umkreis von zehn Kilometern suchen Spezialisten außerdem nach Insekten, die das Bakterium übertragen könnten, und analysieren Proben anfälliger Pflanzen.
Olivenbäuerin Fabienne Maestracci überzeugt das nicht. Es ist nicht nur Sorge, die sie treibt, auch Wut. "Wie sollen denn jetzt ein paar Behördenmitarbeiter sicherstellen können, dass sich Xylella nicht verbreitet?", fragt sie. "Man hätte verhindern müssen, dass die Bakterien überhaupt erst hierherkommen – auf eine Insel!"
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 32/2015
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