01.08.2015

Sommerspiele 2024Olympische Diplomaten

IOC-Mitglieder genießen viele Privilegien. Soll der Zoll in Hamburg sie unkontrolliert ein- und ausreisen lassen, um ihnen gefällig zu sein?
Im Hamburger Rathaus kam am vorigen Dienstag Euphorie auf. Kaum hatte Boston seine Kandidatur für die Olympischen Sommerspiele 2024 zurückgezogen, sagte Sport-Staatsrat Christoph Holstein, mit diesem Rückzug sei "wohl der härteste Konkurrent Hamburgs aus dem Rennen".
Als Mitbewerber stehen Paris, Rom und Budapest fest, womöglich kommen noch Toronto, Baku und Los Angeles hinzu. Das Nationale Olympische Komitee der USA hatte auf die Anti-Olympia-Stimmung in der Universitätsstadt reagiert. Viele Bürger hatten protestiert, dass Steuergelder für das Großereignis ausgegeben werden sollen.
Boston ist nicht die erste Stadt, die vor den hohen Ansprüchen kapituliert, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) an die Bewerber stellt. Für Austragungsländer gibt es ganze Kataloge von Sicherheiten und Garantien, die ihre Souveränität für die Zeit der Spiele antasten.
Wie sehr Olympia in staatliche Hoheitsbereiche eindringt, wird auch in Detailfragen deutlich. Mitte Juli traf sich in Hamburg eine kleine Runde von Experten, die Fragen des Zollverkehrs während Olympischer Spiele erörterte. Am Tisch saßen eine Vertreterin der Stadt aus dem Luftfahrtreferat, ein Zollamtsrat, und zugeschaltet war ein Wissenschaftler, der die Hamburger bei ihrer Olympiabewerbung berät.
Es ging auch darum, ob IOC-Mitgliedern am Hamburger Flughafen im Jahr 2024 ein besonderes Privileg zuteilwerden sollte: Ein- und Ausreise ohne Zollkontrollen. Ein Diplomatenstatus.
Die Vertreterin Hamburgs erklärte, so steht es in einer Aktennotiz der Sitzung, dass das IOC womöglich "an die Bewerber den Anspruch stellen könnte, dass seine Mitglieder während der Veranstaltung von Zollkontrollen weitgehend ausgenommen werden". Über diesen Punkt, so fuhr sie fort, müsse schon "bei Abgabe der Bewerbung bis zu einem gewissen Grad Klarheit herrschen".
Der anwesende Zollamtsrat erwiderte laut dem Vermerk, dies könne nur das Bundesfinanzministerium entscheiden. Chefsache. Um die IOC-Granden bevorzugt zu behandeln, müsse die Behörde in Berlin eine "Grenzempfehlung" erteilen.
In Wahrheit ist dafür das Auswärtige Amt zuständig. Bislang ist auf dieser Liste zuvorkommender Behandlung durch deutsche Zöllner kein IOC-Mitglied registriert, dort stehen nur Namen von Diplomaten und einigen VIPs.
Dass die Athleten 2024 bei einer Einreise in Hamburg mit solchen Privilegien kaum rechnen könnten, machte der Zollbeamte der Runde recht deutlich. In der Aktennotiz der Besprechung heißt es: "Wegen bekannt gewordener Dopingmissbrauchsfälle im Bereich des Rad- und Pferdesports und auch des Gewichthebens sei eher nicht davon auszugehen, dass von verantwortlicher Seite eine die Kontrollen der Athleten einschränkende Anordnung an die Kontrollkräfte ergehen würde."
Bislang ist die Stimmung in der hamburgischen Bevölkerung eher olympiafreundlich, das belegen Umfragen. Ob dieses gute Klima aber anhält, ist längst nicht sicher. Es hängt auch davon ab, auf welche Zusagen und Bedingungen sich die Bundesrepublik und die Hansestadt einlassen – und wie tief sie dabei buckeln. Am ersten Advent müssen die Bewerber um Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) noch ein Bürgerreferendum überstehen.
Unter der Präsidentschaft von Thomas Bach, der im September 2013 das Amt von dem Belgier Jacques Rogge übernahm, geben sich die IOC-Funktionäre gerade transparent und reformwillig. Es wird auch höchste Zeit. Weil die Vergabe der Olympischen Spiele bis zuletzt noch immer feudale Züge trug, waren München, Oslo und St. Moritz aus dem Kandidatenrennen um Olympia im Winter 2022 ausgestiegen.
Am Freitag wählte das IOC Peking als Gastgeber für die Spiele 2022. Erstmals nach über 100 Jahren wird nun auch der Vertrag mit der Olympiastadt veröffentlicht. Auch dies ist Teil des Reformkurses von Präsident Bach. Gut möglich, dass das IOC die über 40 Garantien, die es bisher von den Bewerberstädten verlangt, etwas verschlankt.
Emmanuelle Moreau, die Sprecherin des IOC, teilte auf Anfrage mit, von den Bewerberstädten werde erwartet, dass "die Athleten ihr Sportequipment problemlos ein- und ausführen können, ohne hierfür Zölle erbringen zu müssen. Vorrechte beziehen sich keinesfalls auf persönliche Gegenstände oder Personen".
Das klingt vernünftig. Aber kann man ohne großzügiges Entgegenkommen auch die Stimmen der IOC-Mitglieder bekommen, die im Sommer 2017 über den Olympiagastgeber 2024 entscheiden werden?
Jahrzehntelang führten sich die IOC-Granden, von denen einige aus alten Königs- und Adelsgeschlechtern stammen, als Herrscher des Weltsports auf. Schwer vorstellbar, dass sie sich freiwillig am Hamburger Flughafen in die Schlange bei der Gepäckkontrolle einreihen würden.
Von Udo Ludwig und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 32/2015
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