01.08.2015

Nils Minkmar Zur ZeitDer Fall Cosby

Wenn Bill Cosby zu Gast in der Late-Night-Show von David Letterman war, bestand er vor seinem Auftritt auf einem Ritual: Die Produktionsfirma musste all ihre jungen Frauen, vorwiegend Assistentinnen und Praktikantinnen, zusammenrufen und sie in Cosbys Aufenthaltsraum versammeln. Dann nahm er an einem Tisch Platz und aß zu Abend, während die Frauen zusahen. Das hatte schweigend zu geschehen. Wenn eine der Frauen sich beschwerte, bekam sie zu hören, Cosby wolle es eben so.
Das war Grund genug, mehr noch, ein Gebot! Im Showbusiness ist nicht der Dialog, sondern die Ansage des diensttuenden Genies das bevorzugte Mittel der Entscheidungsfindung – zufälligerweise sind das oft ältere Männer. Bill Cosby war nicht nur beliebt, sondern auch reich. Und noch viel mehr: promovierter Erziehungswissenschaftler, moralische Autorität und Wohltäter, der 20 Millionen Dollar für ein College spendete. Der amerikanische Präsident verlieh ihm 2002 die Medal of Freedom, eine der beiden höchsten Auszeichnungen für einen Zivilisten. Cosby stieg auf in eine Sphäre, in der er kollegialer Kritik und sozialer Kontrolle enthoben war.
In der vergangenen Woche haben im "New York Magazine" 35 Frauen gegen Bill Cosby ausgesagt, Frauen, die er unter Drogen setzte, mutmaßlich um sie zu vergewaltigen. Das waren keine Affären am Arbeitsplatz, es ging um – augenscheinlich kriminelle – Dominanz. Cosby ist nun öffentlich beschuldigt. Strafrechtlich angeklagt oder verurteilt ist er nicht. Er selbst behauptet, es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt.
Die Berichte der Frauen zeichnen das Bild eines Sadisten, der Frauen narkotisierte, um ihre Bewusstlosigkeit auszunutzen. Manchmal gab er sich mit der Inszenierung durchaus Mühe. Er fragte nach privaten Problemen, Krankheitsfällen in der Familie, immer um zu helfen. Doch diese Hilfe war offenbar nur ein Mittel.
Der Fall Cosby ähnelt dem des britischen Entertainers Jimmy Savile, der seine Aufgabe als Spendensammler für Krankenhäuser missbrauchte, um sich an kranken Kindern und Jugendlichen zu vergehen. Savile blieb straffrei, ein Leben lang. Wie bei pädophilen Priestern mag auch bei philanthropischen Stars das "moral self-licensing" eine Rolle spielen: Anerkanntermaßen bin ich ein so guter Mensch, dass nichts, was ich tue, böse sein kann.
Cosby und Savile konnten ihre mutmaßlichen Verbrechen ungehindert begehen, weil ihr Umfeld, weil eine ganze Kultur ihr Frühwarnsensorium ausgeschaltet hatte. Wie bei Michael Jackson und Dominique Strauss-Kahn machte die grenzenlose Bewunderung für den großen Mann blind für dessen Gebaren. Dabei hätte dieses Begehren nach ebenjenen Essensinszenierungen schon alarmieren müssen. Immer wenn tyrannisches Verhalten gepflegt, Abhängigkeiten kultiviert und Frauen herabgewürdigt werden, sind das Warnzeichen, die unabhängig von Ruhm und Talent ernst zu nehmen sind.
Es ist an der Zeit, auch im Reich des Starkults wieder Kritik und Gegenrede zu üben und sogar im beliebten und verehrten Showbusiness, in Wissenschaft, Kunst und Kultur mehr Demokratie zu wagen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 32/2015
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