14.08.2015

SPIEGEL-GesprächBotschafter der Schwäche

Er wollte einmal der beste Behinderte der Welt werden. Heute rät Philippe Pozzo di Borgo, dessen Leben in „Ziemlich beste Freunde“ verfilmt wurde, zu weniger Gier.
Die Autobiografie des querschnittgelähmten ehemaligen Managers Pozzo di Borgo war weltweit ein Erfolg – allein in den deutschen Kinos sahen mehr als neun Millionen Zuschauer die Verfilmung. Philippe Pozzo di Borgo, Sohn einer alten französischen Adelsfamilie, aufgewachsen in Herrenhäusern und Absolvent von Eliteschulen, stürzt 1993 im Alter von 42 Jahren beim Paragliding ab und bricht sich das Rückgrat. Als er aus dem Koma erwacht, kann er weder Beine noch Arme bewegen und braucht 24 Stunden am Tag Hilfe. Er engagiert Abdel Sellou, einen ehemaligen Straffälligen aus den Pariser Vororten, und erlebt den schwierigen Alltag dank seines unkonventionellen Pflegers als ein Feuerwerk tragikomischer bis heiterer Momente. Mittlerweile ist Sellou ein verheirateter Vater und besitzt eine Hühnerfarm in Algerien. Der 64-jährige Pozzo di Borgo bewohnt mit seiner zweiten Frau Khadija und zwei Töchtern ein Haus am Meer in Marokko. Das dortige Klima lindert seine – bei Querschnittgelähmten typischen – starken Schmerzen in den reglosen Körperteilen. Bleibt er nachts schlaflos, ein ebenfalls typisches Symptom, formuliert er in Gedanken Texte, die er morgens diktiert. In diesen Tagen erscheint "Ich und Du", ein Buch, das sich als Streitschrift gegen die Selbstbezogenheit und Gehetztheit der modernen Gesellschaft lesen lässt(*) . Zum Interview bittet Pozzo di Borgo in ein Krankenzimmer der Universitätsklinik im westfranzösischen Nantes. Er musste sich unerwartet einer Operation unterziehen und wird voraussichtlich mindestens drei Monate in der Klinik verbringen müssen.
SPIEGEL: Herr Pozzo di Borgo, Sie wurden erst vor einer Woche operiert. Sind Sie sicher, dass es nicht zu beschwerlich für Sie wird, jetzt dieses Gespräch zu führen?
Pozzo di Borgo: Nein, nein, es ist mir wichtig. Ich habe ja einen Traum, einen großen, ich träume vom Wandel unserer Gesellschaft. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, auf uns selbst zu blicken und unser eigenes Leben zu optimieren. Aber diese Art von Individualismus führt in eine Sackgasse.
SPIEGEL: Warum empfinden Sie das so?
Pozzo di Borgo: Wir sind vom "Ich" beherrscht, und diese Herrschaft ist in hohem Maß von Gier und Maßlosigkeit begleitet. Ich gebe da selbst ein gutes Beispiel ab. Ich war 42 Jahre lang gierig, sogar noch nach meinem Unfall. "Philippe aussi!" lau-
tete mein Spitzname schon im Kindesalter, weil ich immer alles sofort bekommen wollte, was andere hatten. Und das trompetete ich auch lautstark heraus. Mein Vater rügte dieses Verhalten, aber es setzte sich fort. Im Beruf, unter Freunden, bei den Frauen: Philippe aussi! Meine Idee von einem erfüllten Leben bestand darin, es ständig zu optimieren. Auch meine Lust am Paragliding war so ein Beispiel, ich flog immer gewagter, als gäbe es keine Grenzen. Ich bin ein typischer Fall, diese fast krankhafte Gier ist zur beherrschenden Norm geworden: Man will alles, sofort, perfekt soll es sein und einen möglichst weit nach vorn bringen. Wir bauen Armbanduhren, die den Kalorienverbrauch anzeigen. Wir legen uns ins Krankenhaus, um unser Gesäß straffen zu lassen. Wir lassen uns coachen, um zu performen – und nennen das auch so. Und über all unserer erfolgsgetriebenen Geschäftigkeit verlieren wir das Wichtigste aus den Augen.
SPIEGEL: Was ist denn das Wichtigste?
Pozzo di Borgo: Das sind die Beziehungen zu anderen Menschen. Das mag jetzt etwas feierlich klingen, doch ich meine es pragmatisch. Seit dem Erfolg von "Ziemlich beste Freunde" erreichen mich Tausende E-Mails aus unterschiedlichen Ecken der Welt. Sie alle erzählen von Verlorenheit. Menschen aber brauchen Gemeinschaft, um zu überleben. Ich spreche nicht von Geschäftsbeziehungen oder Facebook-Kontakten. Ich kenne eine Frau, die stolz darauf ist, im Monat 5700 SMS-Nachrichten zu bekommen, sie ist trotzdem entsetzlich einsam. Nein, wir brauchen Beziehungen, die frei sind vom Joch des allgegenwärtigen Wettbewerbs. Alle Erzählungen der Menschheit weisen darauf hin, dass Glück nicht bedeutet, Dinge anzuhäufen und in ständiger Konkurrenz zu leben. Wir räumen unseren Schwächen und Unvollkommenheiten viel zu wenig Platz ein. Dabei ist Fragilität ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur. Doch statt uns und anderen das einzugestehen, sind wir dauernd mit irgendeiner Spielart des Erfolgs beschäftigt, als könnten wir über unsere Zerbrechlichkeit hinwegtäuschen.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?
Pozzo di Borgo: Da spielt selbstverständlich Angst eine Rolle. Wer schwach ist, geht im Wettbewerb in der Regel unter, also wird Schwäche überwiegend als Scheitern interpretiert. Steigt dann noch die Leistungserwartung, zum Beispiel weil die Wirtschaft in eine Krise gerät, wächst der Druck, sich zu behaupten. Aber dieses dauernde Erfolgsstreben wird der menschlichen Natur nicht gerecht. Natürlich, wir brauchen Wettbewerb, um uns weiterzuentwickeln. Und selbstverständlich können sich Erfolge höchst beglückend anfühlen. Aber wenn reife Menschen immer nur nach mehr streben, ist das ein kindisches Verhalten. Wir meinen es meist gar nicht böse, wir ziehen nur einfach unseren Stil durch. Doch im Ergebnis benehmen wir uns rücksichtslos, weil wir auf die Bedürfnisse anderer erst gar nicht achten. Auch das kenne ich nur zu gut von mir selbst.
SPIEGEL: Erzählen Sie.
Pozzo di Borgo: Ich habe vor meinem Unfall ja in einem Konzern für Luxuskonsumgüter gearbeitet, zum Schluss als Geschäftsführer der Champagnermarke Pommery. Ich fühlte mich wunderbar erfolgreich und effizient in diesem weltweit führenden Unternehmen; ich flog rund um die Erde, managte Hunderte Mitarbeiter, traf die Bauern auf den Weinbergen und die Dandys in den Verkaufsabteilungen, alles war so interessant und geschäftig, dass ich darüber vergaß, mein Verhalten und die Maßstäbe meines Verhaltens infrage zu stellen. Rückblickend muss ich sagen, dass ich das Leben für ein großes Spiel hielt. Als die ökonomische Krise Anfang der Neunzigerjahre dann die Branche ereilte, ging es in diesem Spiel aber plötzlich darum, Hunderte zu entlassen. Ich konnte es nicht verhindern, ich war nicht der Eigentümer. Aber ich sollte unschuldigen Angestellten, deren Existenz mit einem Mal gefährdet war, die Nachricht überbringen. Erst dieser Moment stellte mein Bekenntnis zu einem Wettbewerb um jeden Preis infrage. Es war ein Schock.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?
Pozzo di Borgo: Dumm und kindisch – aber nach einem mir vertrauten Muster. Ich ging zum Paragliding. Dabei war ich erschöpft und unkonzentriert, ich sollte in den Tagen darauf schon die ersten Mitarbeiter entlassen. Vielleicht wollte ich mir beim Fliegen beweisen, dass ich schon alles unter Kontrolle bekommen würde. Aber ich stürzte dann eben ab. Es war sicherlich auch eine Flucht von mir, gerade in dieser Situation fliegen zu wollen. Ich hatte mich schon mehrfach ins Gleitschirmfliegen gerettet, wenn es schwierig wurde. Damals war die Leidtragende allerdings meine Frau.
SPIEGEL: Was wollen Sie damit sagen?
Pozzo di Borgo: Meine erste Frau Béatrice, die ich sehr geliebt habe, litt an einer seltenen Krebsart. Doch statt sie in jeder freien Minute zu begleiten, verbrachte ich Zeit beim Paragliding. Ich suchte den Geschmack des Lebens, als ließe sich so meine Angst vor ihrem Tod therapieren. Ich verhielt mich ebenso verrückt wie diese Springer, die sich an elastischen Seilen von hohen Brücken fallen lassen, um ihre Grenzen zu überwinden. Es war lächerlich. Aber Männer sind oft lächerlich, wenn sie mit Schwäche konfrontiert werden. Ich meinte bis zum Schluss, Béatrice müsse ihre Vitalität wiederfinden. Ich saß schon im Rollstuhl, und ihr stand eine schwere Operation bevor, trotzdem bestand ich in ihrem letzten Lebensjahr noch darauf, in die Sonne Martiniques zu reisen: ein Querschnittgelähmter, der nach seinem Unfall gerade zum ersten Mal aus dem Krankenhaus entlassen worden war, und seine sterbenskranke Frau. Ich dachte, es würde uns guttun. Ein Wahnsinn, Béatrice wollte nur ihre Ruhe haben. Aber ich war einmal mehr so damit beschäftigt, die Dinge nach meinen Vorstellungen voranzutreiben, dass ich ihre tatsächlichen Bedürfnisse nicht beachtete.
SPIEGEL: Ihr Unfall hatte also nicht zu einem Sinneswandel geführt?
Pozzo di Borgo: Der kam erst später. Zunächst einmal fiel ich in die alten Muster zurück. Als ich nach drei Monaten aus dem Koma aufgewacht war, hatte ich mir vorgenommen, der beste Behinderte aller Zeiten zu werden. Ich trainierte dauernd und brauchte tatsächlich erstaunlich wenig Zeit, um im Rollstuhl sitzen zu können. Ich ließ mir Akten aus dem Büro ins Krankenhaus kommen und arbeitete. Zumindest meinte ich das. In Wahrheit war ich längst abgemeldet. Ich habe meine Situation anfangs wirklich nicht überblickt.
SPIEGEL: Wann war es so weit?
Pozzo di Borgo: Als meine Frau starb, widerlegte ihr Tod all meine Fantasien von Allmacht und Unsterblichkeit. Meine Anstrengungen, Béatrice an das Leben zu binden, waren vergebens geblieben. Zwei Jahre lang litt ich an einer schweren Depression. Ich wollte ebenfalls sterben, fand aber niemanden, der mir dabei half; für einen Tetraplegiker ist ein Suizid ja kompliziert zu bewerkstelligen. Heute würde ich mein Leben niemals aufgeben wollen. Im Gegenteil: Die wiederkehrenden Debatten um eine Vereinfachung der Sterbehilfe ängstigen mich. Ich fürchte manchmal, unsere Gesellschaft könnte in ihrem Optimierungswahn einen Automatismus dieser Methode akzeptieren. Aber damals war das Gefühl von Einsamkeit kaum erträglich. Dabei waren meine beiden älteren Kinder um mich, außerdem besuchte mich regelmäßig eine ältere Dame, die schon Béatrice begleitet hatte. Und es gab Abdel, der den Clown mimte, weil er mir helfen wollte. Tatsächlich waren es Menschen, die mir nach und nach den Geschmack am Leben zurückgaben. Erst später habe ich dann gelernt, auch die Ruhe und Zurückgenommenheit wertzuschätzen, die das Dasein im Rollstuhl zwangsläufig mit sich bringt.
SPIEGEL: Dieses Dasein bedeutet das Gegenmodell zu Ihrem früheren, umtriebigen Leben.
Pozzo di Borgo: Es gab ja keine Alternative. Wie heilsam ein Zustand jenseits aller Getriebenheit sein kann, habe ich in vollem Umfang allerdings erst im vergangenen Jahr gemerkt. Es war genau hier in diesem Zimmer, in dem wir uns gerade unterhalten. Ich war als Notfall eingeliefert worden, der Rummel rund um den Erfolg von "Ziemlich beste Freunde" hatte mir am Ende doch sehr zugesetzt. Ich mag den Film; er hat, das hoffe ich wenigstens, den Blick auf Menschen mit Behinderungen ein bisschen erleichtert. Aber dem geregelten Leben, das ein Tetraplegiker führen sollte, entsprach der Trubel nicht. Man musste mich dann operieren, ein schweres Druckgeschwür, und anschließend musste ich viele Monate lang flach auf dem Bett liegen und konnte den Blick nur auf die Zimmerdecke richten. Sie ist nun wahrlich nicht schön mit ihren Löchern und Flecken. Aber ich starrte und starrte – und ließ los. Keine weiteren Pläne, kein Programm, kein Kalender. Nur dieser Blick. Irgendwann war ich wie berauscht davon, mich der Gegenwart hinzugeben. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich mit alldem versöhnt, was Menschsein bedeutet: Wir kommen und gehen, wir sind fragil, wir sind stark, es ist der Gang der Dinge. Deshalb müssen wir auch nicht versuchen, mehr zu sein, als wir sind. Ich hätte diese Einsicht natürlich gern auf einem etwas sanfteren Lebensweg gewonnen. Aber nun war es so.
SPIEGEL: Sie klingen sehr abgeklärt. Hadern Sie nicht manchmal mit Ihrem Zustand?
Pozzo di Borgo: Ich bin Pragmatiker. Zu wüten oder nach Gerechtigkeit zu rufen führt weder zu einem guten Leben, noch lindert es den Schmerz. Das weiß ich, und deshalb unterlasse ich es. Außerdem habe ich natürlich viele Vorteile, echte Privilegien: eine Familie, die mich liebt, zugewandte Freunde, Geld. Der Zugang zu der Welt der Gesunden ist mir nie versperrt worden.
SPIEGEL: Sie sind 24 Stunden am Tag auf andere angewiesen.
Pozzo di Borgo: Es stimmt schon, ich bin darauf angewiesen, dass alle Menschen sorgsam mit mir umgehen, ich kann mich ja nur mit Worten wehren. Grundsätzlich aber mag ich die Gegenwart von jemandem, der mir hilft. Ich benutze deshalb zum Beispiel auch kein Spracherkennungsprogramm, sondern diktiere alles meiner Sekretärin; noch so ein Privileg. Sie packt die abgeschriebenen Seiten dann in Plastikhüllen und stellt sie auf ein schräg gestelltes Brett, damit ich Korrektur lesen kann.
SPIEGEL: Wie blättern Sie um?
Pozzo di Borgo: Mit einem Stab, den ich mit dem Mund halte. Meine Änderungen diktiere ich dann wieder und warte anschließend auf das verbesserte Manuskript. Man darf als Hilfsbedürftiger allerdings nicht ständig etwas verlangen. Überfrachtet man seine Helfer, werden sie sich niemals auf jene Art von Beziehung einlassen, die ich für überlebensnotwendig halte. Solche Beziehungen verlangen Respekt, Rücksichtnahme, Liebenswürdigkeit, Wertschätzung und Achtung.
SPIEGEL: Das ist eine imposante Aufzählung. In Ihrem Buch schreiben Sie sogar, die Lösung vieler Probleme unserer Ge-
sellschaft beruhe auf genau diesen Eigenschaften. Wie kommen Sie darauf?
Pozzo di Borgo: Vor allem geht es mir um Achtung, die zieht wohl alles andere nach sich. Unsere Gesellschaft ist davon gezeichnet, dass wir zu wenig aufeinander achten. Weil wir uns ständig getrieben fühlen, blicken wir nur flüchtig auf die anderen und nehmen deren Bedürfnisse nur oberflächlich wahr. Und den Anblick der vermeintlich Schwachen vermeiden wir regelrecht. Ihr Bild irritiert uns, es passt nicht in das beherrschende Konzept von Wettbewerb. Gleichzeitig neigen wir dazu, unsere eigenen Vorstellungen von vornherein für richtig zu halten. Entscheidungsträger scheinen dafür besonders anfällig zu sein, Politiker, Führungskräfte; ich selbst habe Leuten früher oft nur aus formalen Gründen zugehört. Eine Gesellschaft lässt sich aber nur angemessen gestalten, wenn man die Bedürfnisse ihrer Mitglieder erkannt hat. Wir brauchen dringend einen Perspektivwechsel. Statt uns ständig als Zentrum des Geschehens zu begreifen, müssen wir uns an den Rand stellen, fragen und beobachten. Gerade die vermeintlich Schwachen besitzen das Potenzial, in diesem Punkt einen Bewusstseinswandel einzuläuten.
SPIEGEL: Das müssen Sie erläutern.
Pozzo di Borgo: Die Schwachen können die Schwäche aller Menschen sichtbar werden lassen, sie sind gewissermaßen Botschafter der Unvollkommenheit. Das mag sich blumig anhören, aber ich betrachte das als eine pädagogische Aufgabe. Wäre die Zerbrechlichkeit der menschlichen Natur im Alltag überall sichtbar, würden die übersteigerten Ansprüche sinken. Wenn einem gehetzten Leistungsträger die potenzielle Fragilität des eigenen Daseins gespiegelt wird, muss er innehalten, weil er erkennt, dass er im Zweifel nicht so stark ist, wie er vorgibt. Dem entsetzlichen Stress, weiterhin so zu leben, braucht er sich dann nicht mehr auszusetzen.
SPIEGEL: Ist das nicht sehr idealistisch gedacht?
Pozzo di Borgo: Es ist ein pragmatischer Weg, der für die Schwachen ebenfalls lohnend wäre, denn er würde sie an die Gemeinschaft binden. Ich rate behinderten Menschen immer, ihre Umwelt zu verführen: Auch wenn sie einen erschreckenden Anblick bieten und sich am liebsten verstecken würden, müssen sie lächeln und um Aufmerksamkeit werben. Das mag unfair erscheinen, weil sie ohnehin in der schlechteren Position sind. Aber die Gesunden sind eben meist derart eilig unterwegs, dass sie einfach weiterlaufen, wenn sie nicht verlockt werden. Umgekehrt müssen die Leistungsfähigen dafür sorgen, dass man die Kranken, Schwachen, Alten und Behinderten ins Zentrum der Gesellschaft rückt. Sie brauchen einen Platz im Stadtbild. Sonst werden sie nie in ausreichendem Maße sichtbar. Das ist dann allerdings eine Frage des politischen Willens.
SPIEGEL: Sie haben sich mehrfach mit Politikern getroffen und ihnen Ihre Ideen unterbreitet. Auch deshalb sehen viele Menschen Sie als ein Vorbild an. An wem orientieren Sie sich?
Pozzo di Borgo: An meinem Großvater. Er war sehr lustig und geistreich, er wirkte bis in die Fünfzigerjahre als Chef von Moët & Chandon. Bis heute beeindruckt mich seine politische Haltung. Er beteiligte die Angestellten und Arbeiter am Gewinn des Unternehmens und garantierte den Weinbauern in der Champagne feste Preise. Während des Vichy-Regimes war er gemeinsam mit einem Anführer der kommunistischen Gewerkschaft zum Tod verurteilt worden. Entgegen aller Erwartung haben beide dann zusammen den Nationalsozialismus in einem Lager überlebt. Das hat ihn geprägt. Er hatte bis zum Schluss einen respektvollen Blick auf Menschen. Und er war überzeugt davon, dass Menschen mit Privilegien Schwächeren gegenüber eine Verantwortung wahrzunehmen haben. Er starb mit 80 Jahren, furchtlos, das hat mich sehr beeindruckt.
SPIEGEL: Mit welchen Gefühlen denken Sie an den Tod?
Pozzo di Borgo: Es ist ein Fakt, dass ich eines Tages sterben werde. Ich werde sicherlich alles tun, um möglichst lange zu leben. Es wird zunehmend schwieriger, in meinem Körper ist vieles morsch und infektiös nach 22 Jahren tetraplegischer Lähmung. Angst verspüre ich nicht. Vielleicht bin ich der Endlichkeit gegenüber toleranter, weil ich so lange schon im Rollstuhl sitze. Wäre ich so geschäftig unterwegs wie früher, würde mir der Gedanke an das Ende sicherlich mehr Sorge bereiten.
SPIEGEL: Herr Pozzo di Borgo, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Philippe Pozzo di Borgo: "Ich und Du. Mein Traum von Gemeinschaft jenseits des Egoismus". Hanser Berlin; 152 Seiten; 17,90 Euro.
Von Katja Thimm

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