14.08.2015

GesellschaftÜberrollt

„Straight Outta Compton“ sollte von Gettoleben, Polizeigewalt und dem Gangsta-Rap der Band N.W.A erzählen. Dann hat die Wirklichkeit den Film eingeholt.
Am Ende hätten sie doch recht gehabt von Anfang an, sagt O'Shea Jackson. Gerade in diesen Tagen wird es besonders klar, in denen fast jede Woche ein neues Video auftaucht, das zeigt, wie ein weißer Polizist einen schwarzen Autofahrer misshandelt, grundlos verhaftet oder tötet.
"Fuck the police", sagt O'Shea Jackson. Davon rücke er auch heute nicht ab.
Die Verkehrskontrollen, die Misshandlungen, die Leibesvisitationen, das Stürmen der Häuser schwarzer Familien, die Schüsse aus den Dienstwaffen – das sei schon vor knapp 30 Jahren so gewesen. Doch die Menschen in Compton hatten damals keine Handykameras und keine Netzwerke im Internet, und deshalb hat die Welt davon nicht erfahren.
Außer von ihm.
O'Shea Jackson ist unter dem Namen Ice Cube berühmt geworden, erst als Rapper in der Hip-Hop-Formation N.W.A, danach als Solokünstler, der ein Nummer-eins-Album veröffentlichte, und schließlich als Hollywoodschauspieler und Produzent.
Im Jahr 1988, Jackson war keine zwanzig, schrieb er den Text "Fuck tha Police" für die Gruppe N.W.A, die er mit seinen Freunden Dr. Dre, Eazy-E, DJ Yella und MC Ren gegründet hatte. Der Bandname N.W.A stand für "Niggaz with Attitude".
Sie kamen aus Compton, damals wie heute eine schwierige Gegend in der Nähe von jenem Konglomerat von Vierteln, das früher als South Central berüchtigt war und wo gerade Ende Juli zwei rivalisierende Gangs unter dem gruseligen Hashtag #100Days100Nights einen Wettbewerb darüber ausgerufen haben, wer schneller 100 Morde begehen kann.
Compton in den Achtzigerjahren, erzählt Ice Cube an diesem Nachmittag Anfang August, das war die Hochphase der Straßengangs, das waren die Crips und die Bloods. Menschen wurden aus vorbeifahrenden Autos erschossen, man nannte das Drive-by-Shootings. Und es gab Aids und die massive Verbreitung von Crack.
"Du sahst Nachbarn", sagt Ice Cube, "die gestern noch respektierte Familienväter waren, wie sie sich über Nacht in Cracksüchtige verwandelten. Letzte Woche ging man am Nachbarn vorbei – ,Hey Mr. Johnson, wie geht es Ihnen?' –, und ein paar Monate später siehst du Mr. Johnson als Crackhead auf dem Bürgersteig herumliegen, wo er von einem Dealer herumgetreten wird. Noch merkwürdiger war allerdings: Den Dopeman kanntest du auch. Er wohnte nur ein paar Häuser die Straße herunter oder ging auf deine Schule."
Ebenfalls in den Achtzigerjahren begann das Los Angeles Police Department, mit gepanzerten Fahrzeugen in jene Häuser in Compton hineinzufahren, die sie für sogenannte Crackhouses hielten. Polizisten, die meisten von ihnen weiß, verstärkten ihre Praxis, die vorwiegend schwarzen Einwohner, vor allem die Jugendlichen, anzuhalten, zu kontrollieren, zu verhaften.
Ice Cube hat keine Drogen verkauft, er war auch in keiner Straßengang. Er wollte Bauzeichner werden und interessierte sich für Hip-Hop. Aber auch er erinnert sich, wie die Polizisten seinen Kopf auf Motorhauben schlugen. Am schlimmsten, sagt er, sei es gewesen, wenn ein schwarzer Cop mit dabei gewesen war. Der musste sich dann beweisen vor den weißen Kollegen.
Sein damaliger N.W.A-Kollege DJ Yella berichtet, Ice Cube habe damals immer einen Spiralblock dabeigehabt. Darin notierte er die Texte für N.W.A. Über die Dealer, die Gangs, Crackhuren, Polizisten. Aber er kritisierte das Beschriebene nicht. Das wäre ihm wie die Negation seiner eigenen Existenz vorgekommen. Stattdessen machte er saftige Geschichten daraus.
Schließlich schrieb er "Fuck tha Police". Das Lied handelte von einer rassistischen und überreizten Staatsmacht. Wenn man die rabiate Rapsemantik abzieht, kommt einem an dem Text nach den Erfahrungen von heute nicht vieles falsch vor. Vielleicht ist das Lied sogar einer der wichtigsten Protestsongs der US-Geschichte.
Doch 1989 schaltete sich das FBI ein und schrieb dem Label der Band eine eindringliche Warnung, und als N.W.A das Stück weiterhin auf ihren Konzerten spielten, stürmten in Detroit Beamte die Bühne und verhafteten noch in derselben Nacht die Bandmitglieder.
Aber hatten sie nicht recht?, fragt Ice Cube.
Warum sie recht hatten und wie das alles geschah, das lässt sich ab Ende August noch einmal im Kino nacherleben. Ice Cube, Dr. Dre und die Witwe des 1995 an Aids verstorbenen Eazy-E haben einen Spielfilm aus der Geschichte des "Aufstiegs der berüchtigtsten Gruppe der Welt" gemacht. Er heißt wie das erste Album von N.W.A: "Straight Outta Compton".
Der Film erzählt, wie sich die Band in Compton findet: das musikalische Genie Andre Young, genannt Dr. Dre, der für die Beats und Samples sorgt; Eric Wright, genannt Eazy-E, ein ehemaliger Kleinkrimineller mit großem Charisma und quäkender Stimme als Mastermind, Ice Cube als Texter.
Es gibt ein, zwei eindringliche Szenen über das, was in Amerika mit "police brutality" seinen eigenen Begriff hat, der Film zeigt den Spaß im Studio, die exzessive Tournee 1989, den ersten Zwist über das Finanzielle. Schließlich tritt der frühere Bodyguard des R & B-Stars Bobby Brown auf den Plan, ein ehemaliger Footballer, Marion Knight, den seine Eltern wegen seiner Statur und seines angeblich freundlichen Wesens "Sugar Bear" genannt hatten. Daraus wurde kurz Suge.
Suge Knight also, der stets mit einer Entourage aus Mitgliedern der Bloods auftauchte, überzeugte erst Dr. Dre (noch ohne Gewalt) davon, dass sein Freund Eazy-E ihn zusammen mit seinem Manager übers Ohr gehauen hat. Dann überzeugte er Eazy-E (diesmal mit Gewalt), Dre aus seinem Vertrag zu entlassen, so berichtete es zumindest später der ehemalige N.W.A-Manager Jerry Heller.
1991 gründen Suge Knight und Dr. Dre ihre eigene Plattenfirma. Sie sollte Knight zufolge das "Motown der Neunziger" werden, und tatsächlich ist Death Row Records eine der legendären Adressen des Hip-Hop. Was N.W.A begonnen hatten und was bald Gangsta-Rap oder G-Funk genannt wurde, entwickelte sich zu einem der dominierenden Musikstile der Neunzigerjahre sowie zu einem Millionengeschäft: Dr. Dre, Snoop Doggy Dogg und später 2Pac wurden alle zu Weltstars.
Gleichzeitig ging 1991 schließlich das erste Video um die Welt, auf dem zu sehen war, wie mehrere weiße Polizisten einen am Boden liegenden Schwarzen zusammenprügelten. Als die Polizisten, die Rodney King mit Tritten und Stockhieben zugerichtet hatten, zunächst freigesprochen wurden, folgten tagelange Ausschreitungen in Los Angeles.
Der Anlass war genau das, wovon N.W.A seit Jahren in ihren Texten gesprochen hatten. Die Geschichte hatte ihnen recht gegeben.
Wenn nun im Jahr 2015 der Polizist Ray Tensing, der im Juli den unbewaffneten Schwarzen Samuel DuBose bei einer Verkehrskontrolle in Cincinatti erschossen hat, wegen Mordes angeklagt wird, dann ist das auch ein Sieg für Ice Cube und N.W.A.
In dem Film "Straight Outta Compton" erzählen also die Sieger ihre Geschichte. Das lässt sich schon daran ablesen, dass man mit Ice Cube über all dies nicht mehr in Compton spricht, sondern 35 Kilometer weiter nordwestlich im Hotel Four Seasons in Beverly Hills. Dr. Dre wollte eigentlich auch zu dem Gespräch hinzukommen, doch dann hatte er zu viel zu tun. Er arbeitet jetzt ja für den Computerhersteller Apple, dem er die Anteile an seiner Kopfhörerfirma und Streaming-Plattform Beats vergangenes Jahr für etwa 450 Millionen verkauft hat. Außerdem musste er noch "Compton", das begleitende Album zu dem Film, das im August bitte auf Nummer eins der Billboard-Charts stehen soll, irgendwie fertig kriegen.
Dr. Dre und Ice Cube haben sich als Produzenten des Films Mühe gegeben, sich selbst nicht allzu sehr zu verherrlichen. Sie hatten sich vorgenommen, auch ihre kleinen Schwächen zu zeigen (Dre trank zwischenzeitlich zu viel und täuschte sich in Suge Knight; Ice Cube, der von seinem eigenen Sohn O'Shea Jackson Jr. sehr überzeugend gespielt wird, hätte N.W.A vielleicht nicht so früh verlassen sollen, außerdem hat er es später übertrieben mit den Disstracks gegen die anderen). Gleichzeitig wollten sie fair umgehen mit jenen Weggefährten, mit denen sie heute ein nicht mehr so gutes Verhältnis haben, Jerry Heller beispielsweise, dem Manager, der anfangs mit großem Einsatz für die Band kämpfte, den sie aber später im Verdacht hatten, sie übers Ohr zu hauen.
Nur eine Figur bleibt einseitig, trist und böse den ganzen Film über: Suge Knight, der die Gesetze der Straße, die die anderen versucht hatten, hinter sich zu lassen, wieder zurück in das Hip-Hop-Geschäft brachte; der nachdem Dr. Dre die Partnerschaft mit ihm 1996 aufgekündigt hatte, nach einer weiteren Phase des Erfolgs erst im Gefängnis und schließlich wieder auf den Straßen in Compton landete, während die anderen Villen in Malibu bezogen.
Und so ist die Geschichte von Suge Knight die Komplementärerzählung zu der Gewinnergeschichte von "Straight Outta Compton". Suge Knight repräsentiert die dunkle Seite. Wie nah beide Seiten beieinanderliegen, zeigt seine Geschichte. Auch sie wird in diesen Tagen erzählt, nicht im Kino, sondern vor Gericht und auf Überwachungskamera-Videos.
Es ist ein anderer Compton-Film, den der Anwalt Thomas Mesereau gerade von seiner Privatdetektivin zugeschickt bekommen hat. Ein Montagmittag in Beverly Hills, Mesereau schließt die Tür seines Büros und startet auf seinem Computer den Film: Körnig, stumm, von einer Überwachungskamera aufgenommen, beginnt er mit einem blutroten Pick-up-Truck, der in Compton an der Ecke West Rosencrans und South Central Avenue auf einen Parkplatz einbiegen will. Knight sitzt offenbar hinterm Steuer, die Datumsanzeige zeigt den 29. Januar 2015.
Man sieht, wie sich ein Mann auf der Fahrerseite nähert, noch bevor Knight auf den Parkplatz einbiegen kann. Faustschläge werden durch das Fahrerfenster ausgetauscht, zwei schwarze Gegenstände fliegen durch die Luft und landen auf dem Boden. Plötzlich setzt der Truck ruckartig zurück, der Mann am Fenster stürzt zu Boden. Dann ist zu sehen, wie der Wagen nach vorn jagt und zuerst die am Boden liegende Person überfährt und dann einen weiteren Mann niedermäht. Der Truck verschwindet. Eine Person hebt einen der bei der Schlägerei zu Boden gefallenen Gegenstände auf. Es sieht so aus, als steckte er sich den Gegenstand vorn in die Hose.
"Gesehen?", ruft Mesereau, "eine Waffe!"
Er schaltet das Video ab. Im Internet kursiert ein ähnlicher Film, auf dem die entscheidenden Szenen aber nicht richtig zu sehen sind. Mesereau sagt, das hier sei die erweiterte Version, mit ihr will er beweisen, dass Suge Knight in eine Todesfalle gelockt wurde und in Notwehr gehandelt habe. Einer der beiden Männer, die Knight überfahren hat, ist gestorben.
Seitdem sitzt Knight im L. A. County Jail, laut Mesereau das schlimmste Gefängnis der USA. Er wartet dort auf seinen Prozess. Es geht um Mord, versuchten Mord und Fahrerflucht. Mesereau ist vielleicht der Letzte, der Knight helfen kann. Immerhin ist es ihm gelungen, im Jahr 2005 eine Jury davon zu überzeugen, dass Michael Jackson doch keine Kinder missbraucht hat. Mesereau, Mitte sechzig, sieht mit seinen langen weißen Haaren und einem dicken Siegelring aus, als würde er in dem Film "Straight Outta Compton" einen Staranwalt spielen.
An jenem 29. Januar war Suge Knight zum Basislager der Dreharbeiten von "Straight Outta Compton" gefahren. Immerhin wurde da ein Film gedreht, in dem er eine ziemlich entscheidende Figur war. Immerhin war es auch sein Leben, das da gezeigt wurde. Aber anders als mit den anderen Protagonisten hatte niemand mit ihm gesprochen – und schlimmer noch: Niemand hatte ihm Geld angeboten. Und sollte er seinen Feinden die Deutungshoheit über sein Leben überlassen?
Nein. Lieber mal nachschauen gehen.
Die Stars Dr. Dre und Ice Cube waren an diesem Tag persönlich vor Ort in Compton, die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend hoch. Möglichst viele Einheimische sollten Jobs bei den Dreharbeiten bekommen, das war Dre und den anderen Produzenten wichtig, die erfolgreichen Söhne kamen zurück in ihre Heimat. Auch ehemalige Gangmitglieder übernahmen den Schutz der Dreharbeiten.
Das Verhältnis zwischen Dr. Dre und Suge Knight ist wohl als irreparabel zu bezeichnen. Knight glaubt, er habe Dre entscheidend geholfen, zu jener Ikone zu werden, die er heute ist. Dass Dr. Dre ihn 1996 verlassen hat, weil dieser, wie es der Film noch einmal zeigt, Knights kriminellen Gangfreunde mit ihren Hunden nicht mehr im Studio sehen wollte, hat Knight seinem ehemaligen Partner nie verziehen. Es half auch nicht, dass Knight später mit derselben Frau ein Kind bekam, die auch die Mutter von Dres Sohn ist. Außerdem hat Knight die interessante Idee, Dre oder Apple schulde ihm zehn Prozent von jenen drei Milliarden, die Apple für Beats bezahlt hat. Schließlich hatte Dre die Firma Beats seinerzeit mit dem Plattenmanager Jimmy Iovine gegründet, den Knight ihm doch überhaupt erst vorgestellt hatte.
Das alles schwebte über dem Filmset, als Suge Knight dort am 29. Januar um zwei Uhr mittags in seinem roten Monstertruck auftauchte. Er fuhr an den Film-Security-Leuten einfach vorbei und versetzte damit die Bodyguards von Dr. Dre sofort in Panik. Ein Mann namens Cle "Bone" Sloan, offenbar ein inaktives Mitglied der Bloods-Gang und vom Film als Berater angeheuert, versuchte Knight vom Filmort zu verjagen: Er würde die weißen Leute am Set verschrecken. Knight verließ den Drehort.
Terry Carter, eine Art Friedensrichter, wollte offenbar schlichten und traf Knight wenig später zusammen mit Sloan beim Burgerladen Tam's. Dort kam es zu der Szene, die auf Mesereaus Video zu sehen ist, und Knight überfuhr schließlich beide Männer. Sloan überlebte, Friedensrichter Carter starb.
Seitdem hängt dieser Vorfall wie eine düstere Wolke über dem schönen Film, der 29 Millionen Dollar und viele Jahre Arbeit gekostet hat. Ein Prozess wird nun klären, ob Leute, die für den Film oder sogar Dr. Dre arbeiteten, Knight wirklich in einen Hinterhalt gelockt haben, wie es Mesereau beweisen will. Das könnte auch bedeuten, dass Ice Cube, Dr. Dre und auch der Regisseur Gary Gray vor Gericht aussagen müssen.
Vielleicht sollte Mesereaus Überwachungsvideo zusammen mit "Straight Outta Compton" im Kino gezeigt werden, damit alle nicht allzu zufrieden werden. Es führen eben nicht alle Wege aus Compton heraus, sondern viele auch wieder hinein. Dr. Dres Album zum Film ist kein bloßer Soundtrack, sondern bietet neue Tracks, es ist sein erstes Album seit fast 16 Jahren. Es soll gleichzeitig das letzte sein, sein Vermächtnis. Beinahe alle seine Protegés der vergangenen 30 Jahre sind noch einmal dabei: von Ice Cube zu Snoop Dogg und Eminem, bis hin zu Kendrick Lamar und Candice Pillay, Dr. Dres neuester Entdeckung. Weil der Computerhersteller Apple ihm so viel Geld gezahlt hat, braucht Dr. Dre die Einnahmen aus der Musik nicht. Lieber will er damit ein Community-Center in Compton finanzieren.
"Compton", das Album, hat musikalisch übrigens nicht mehr viel mit G-Funk zu tun. Dr. Dres Sound ist heute schwerer, düsterer und schleppender als der durch flirrende Synthesizer-Melodien und kalifornische Leichtigkeit geprägte Dre-Sound der Neunzigerjahre.
In dem Text von "It's All on Me" spuken die Geister der Vergangenheit: sein Freund, der "Nigga Eazy", der ihm sein Auto leiht, die Polizei, die ihn auf den Boden wirft, "face down on the pavement", und er, der ins Studio geht und ein Lied daraus macht, "Fuck tha Police", das bald nicht nur in "CPT", also Compton, gespielt werde, sondern in den Klubs der Welt. Das Album soll die gleiche Siegergeschichte wie der Film transportieren. Doch auch hier: Die strahlende Aufstiegserzählung endet, und die Nacht bricht an, als Suge Knight auftritt, und zwar mit dem wunderbaren Vers:
"And then that night came in when that nigga Knight came in".
Das nun sei einer dieser Träume, rappt Dre weiter, aus denen man nicht mehr aufwache.
"Compton", der Film, wiederum ist in seiner ersten Hälfte ein fast gespenstischer, aber großartiger Kommentar zu den derzeitigen Spannungen in amerikanischen Städten zwischen schwarzen Jugendlichen und der Polizei, der auf deprimierende Weise verbildlicht, wie wenig dieses Land vorangekommen ist in den vergangenen 30 Jahren.
Die zweite Hälfte von "Compton" fällt ab. Der Film schien sich wohlzufühlen, als er vom Streben und Kampf der schwarzen Jugendlichen erzählte, die gegen alle Wahrscheinlichkeiten den Weg heraus fanden. Der Film verliert sich, als sie Superstars werden, Dre und Ice Cube scheinen als Etablierte keinen Zugang mehr zu sich selbst zu finden.
Und "Compton", die Wirklichkeit? Die bahnt sich an einem Julivormittag noch einmal den Weg an die Oberfläche.
Im Hochsicherheitsflügel des L. A. County Superior Court muss Suge Knight im orangefarbenen Häftlingsanzug auf der Anklagebank Platz nehmen. Neben ihm die weißen Haare von Tom Mesereau. Knight trägt einen gestutzten Vollbart sowie eine Brille mit breitem dunklem Rand. Das lässt ihn aussehen, als hätte er gerade einen klugen Essayband über Rassismus verfasst. Wahrscheinlich hat sich Mesereau dieses Outfit ausgedacht, schon für die Jury.
Der Zuschauerraum ist gefüllt mit tätowierten schwarzen Jugendlichen. Sie tragen nicht Orange, sondern vorwiegend Rot, offenbar Mitglieder der Bloods-Gang.
Tom Mesereau erzählt dem Richter ein paar Geschichten aus Compton. Was Knight dort alles Gutes tut, welche Institutionen er unterstützt und um wen er sich alles kümmert. Mesereau möchte, dass der Richter die Kaution senkt. Noch nicht einmal Michael Jacksons Kaution sei so hoch gewesen, sagt er. Knights alte Mutter, die auch gekommen ist, lächelt ihrem Sohn zu.
Eine Staatsanwältin berichtet hingegen, in welche kriminelle Unternehmungen Knight noch alles verwickelt sei, Schutzgeld, Erpressung, Körperverletzung. Diese beiden Versionen ein und derselben Person sind nicht in Deckung zu bringen. Der Richter belässt die Kaution bei zehn Millionen Dollar. Beim Raushumpeln in Fußfesseln nickt Suge Knight seiner Mutter aufmunternd zu.
Auch einer dieser Träume, aus denen man nicht mehr aufwacht. Andererseits, so geht die Zeile in dem Song von Dr. Dre weiter, schläft man da, wo er herkommt, besser gar nicht erst.
Twitter: @Oehmke
Von Philipp Oehmke

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