22.08.2015

SchmuckFairness im Ring

Gold wird oft unter schlimmen Bedingungen gewonnen. Käufer, die das stört, können das Edelmetall bald aus fairem Handel kaufen.
Es gibt Kunden, die sind so klar, so kompromisslos, dass Thomas Becker das Herz aufgeht. Weil er nicht viel erklären und keine Überzeugungsarbeit leisten muss. Weil sie sofort verstehen, worum es dem Goldschmied geht.
So wie die junge Frau, die vor Kurzem mit ihrem Verlobten in Beckers kleinem Geschäft im Hamburger Grindelviertel stand und einfach nur sagte: "Ich möchte keinen Ring, für dessen Herstellung Menschen, Tiere und Umwelt leiden mussten. Damit kann ich doch nicht mein Glück besiegeln."
So wie sie sehen das mittlerweile immer mehr Kunden, die sich deshalb auf den Weg zu Becker machen. Der Goldschmied bietet seit Jahren hauptsächlich Schmuckstücke an, die entweder aus recyceltem Material, aus grünem oder sogar aus sogenanntem eco-fairem Gold gefertigt sind.
Kaum ein Rohstoff ist so begehrt und so sagenumwoben wie Gold. Das Edelmetall gilt von jeher als Symbol für Reichtum und Wohlstand, als ebenso wertvoll wie wertbeständig. Und es ist ein Rohstoff mit emotionaler Komponente: Rund um die Welt beschenken sich Liebende mit goldenem Schmuck, besiegeln Paare ihr Eheversprechen mit Ringen aus Gold. "Gerade deshalb machen sich immer mehr Kunden auch Gedanken darüber, wo der Rohstoff herkommt", beobachtet Hans-Ulrich Jagemann, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere.
Denn die Goldgewinnung ist "ohne Zweifel eine der schmutzigsten Industrien der Welt", wie das internationale Netzwerk "No dirty gold" konstatiert. Um den begehrten Rohstoff zu finden, dringen Goldsucher bis in die entlegensten Gebiete vor, die häufig von indigenen Völkern bewohnt werden. Enteignung und Vertreibung, aber auch Kinderarbeit sind an der Tagesordnung. Allein in Peru sollen mehr als 50 000 Kinder in Minen arbeiten.
Dazu kommen massive Eingriffe in die Umwelt. "Eine Goldmine ist eine Chemiefabrik unter offenem Himmel", heißt es in einem Bericht der Organisation "Rettet den Regenwald". Um den wertvollen Rohstoff aus dem Gestein zu lösen, wird dieses mit hochgiftigem Zyanid beträufelt, eine andere Methode ist der Einsatz von nicht minder giftigem Quecksilber.
Um den Kunden zu zeigen, dass es auch anders geht, hat Fairtrade Deutschland jetzt auch für Gold ein Siegel entwickelt. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft soll es möglich sein, etwa Ringe zu kaufen, in die das Symbol der weltweit agierenden Organisation gestempelt ist. Der Schmuck muss dadurch gar nicht viel teurer werden – denn der Rohstoff macht nur einen eher geringen Teil des Schmuckpreises aus.
"Wir wollen mit der Einführung des Siegels bessere Bedingungen für die Minenarbeiter und ihre Familien erreichen", sagt Claudia Brück von Fairtrade. Denn nur wer Gold aus Minen bezieht, die bestimmte Standards in puncto Sicherheit und Umwelt einhalten, wer einen Mindestpreis sowie einen Fairtrade-Aufschlag zahlt, darf sich das Siegel in den Schmuck stempeln. "Das heißt momentan, dass Fairtrade 95 Prozent des Londoner Goldpreises sowie einen Aufschlag von 2000 Dollar pro Kilogramm Gold garantiert", sagt Brück.
In anderen Ländern ist der Trend schon deutlich ausgeprägter: Pünktlich zur Hochzeit des britischen Kronprinzen William mit Kate Middleton startete etwa in Großbritannien der Verkauf von fairem Gold, inzwischen gibt es auch Anbieter in den Niederlanden, der Schweiz und in Kanada.
Eigentlich wollte Fairtrade das saubere Gold schon vor zwei Jahren auf den Markt bringen, aber das scheiterte an praktischen Problemen. Zwar war es vergleichsweise einfach, sich international auf bestimmte Standards zu einigen. Allerdings ist es deutlich komplizierter, entsprechend gewonnenes Edelmetall zu importieren. Viele kleine Minen erfüllen bereits teilweise die Fairtrade-Standards, sind aber nicht zertifiziert. Außerdem können die kleinen Kooperativen oft nicht die benötigten Mengen liefern.
Dazu kommt ein weiteres Problem: Deutsche Goldschmieden kaufen den Rohstoff selten direkt beim Minenbetreiber, sondern meist bei sogenannten Scheideanstalten, die das Gold vorab bearbeiten. Bisher aber bietet noch keine deutsche Scheideanstalt zertifiziertes Edelmetall an. Mit denen sei man im Gespräch, so Brück. Gold einfach von britischen oder schweizerischen Scheideanstalten einzukaufen ist aber wegen strenger Ausfuhrgesetze schwierig.
Fairtrade hat sich deshalb ein Modell ausgedacht, das für Überzeugungstäter wie Thomas Becker in Hamburg schwer erträglich ist: Künftig soll es zwei Möglichkeiten geben, zum Fairtrade-Partner zu werden. Entweder den ganz klassischen Weg, nach dem man Lizenznehmer wird und sich gebührenpflichtig zertifizieren lassen muss. Dafür erhält der Juwelier den Fairtrade-Stempel, mit dem er seine Schmuckstücke "punzieren" darf, wie das Kennzeichnen in der Fachsprache heißt. Dieses Modell gelte für Firmen, "deren Unternehmensverständnis auf Nachhaltigkeit baut", schreibt Fairtrade in einem Merkblatt.
Für alle anderen Juweliere, die "einzelne Anfragen von interessierten Kunden bedienen wollen", gibt es ein Registrierungsmodell. Bedingung ist hier lediglich, dass sie sich in einem Goldschmiedeportal anmelden und ihren Rohstoff von zertifizierten Partnern beziehen. Weil die Verarbeitung bis zum fertigen Schmuck aber nicht kontrolliert wird, also zum Beispiel nicht klar ist, wie viel faires Gold in einem Ring steckt, darf der auch nicht mit dem Fairtrade-Logo gekennzeichnet werden.
"Ich befürchte, dass das Label Fairtrade dann vor allem für Marketingzwecke genutzt wird", kritisiert Becker. "Wie soll der Verbraucher da noch wissen, worin die Unterschiede bestehen?"
Von Susanne Amann

DER SPIEGEL 35/2015
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