22.08.2015

ReligionGott, unsere Braut

Die jungfräuliche Geburt Jesu bereitet orthodoxen Muslimen weniger Kopfzerbrechen als aufgeklärten Christen. Die Frau verkörpert das Göttliche. Von Navid Kermani
Als Romanautor, Orientalist und Reporter ist Kermani, 47, eine singuläre Erscheinung im Geistesleben dieses Landes. Im Oktober erhält er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In Kürze erscheint sein neues Buch "Ungläubiges Staunen"(*). Darin setzt sich Kermani, der über das ästhetische Erleben des Koran promoviert hat, mit dem Christentum auseinander. Der SPIEGEL veröffentlicht ein Kapitel vorab, in dessen Zentrum steht das spätmittelalterliche Gemälde "Die Muttergottes in der Rosenlaube".
Jemand fragte, was für mich Rettung bedeute, wo in meinem bisherigen Leben ich einmal gerettet worden sei. Erst wollte ich die üblichen Situationen nennen, Unfälle, die wie durch ein Wunder glimpflich ausgingen oder in letzter Sekunde abgewendet wurden, Heilung nach bedrohlicher Krankheit, Versöhnung der Liebenden, in meinem Fall außerdem, klar, die Reisen, auf denen es mal brenzlig wurde. Aber dann sprach ich über meine früheste Erinnerung überhaupt: den medizinisch gewiss harmlosen, für mich jedoch ganz ungewohnten, schockierenden Ohrenschmerz, weswegen ich schreie, und meine Mutter – es muss Nacht gewesen sein, Nacht oder Abend, weil ich das tiefe Blau der Vorhänge vor Augen habe –, meine Mutter holt mich aus dem Gitterbett und nimmt mich in ihre Arme, dieses Gefühl des umfassenden Trostes, das den Schmerz nicht verscheuchte, aber nicht mehr als das schlechthin Unheimliche erschienen ließ, dieses Gefühl, mit dem Schmerz nicht mehr allein zu sein – wie lang mag ich geschrien haben, bis meine Mutter mich aufhob? –, die Sicherheit, von der Mutter gewiegt zu werden, im konkreten, physischen Sinne geherzt: Es ist jemand für dich da, dieser Umschlag von der bodenlosen Einsamkeit und Verlorenheit in die Geborgenheit und eitle Befriedigung, im Zentrum der Aufmerksamkeit und Liebe zu stehen, zumal mein Vater ebenfalls herantrat und beruhigend auf mich einsprach.
Ja, das war Rettung, das war Rettung, wie jeder Mensch sie einmal erlebt hat – erlebt haben sollte – und im Gedächtnis bewahrt. Der Koran lehrt, dass das Bedürfnis nach Gott den Menschen mit der Geburt eingegeben ist, die sie als Schock, als Schmerz, aber wohl auch als ein Aufgefangenwerden erleben, sonst würden sie sich, von der Mutter geherzt, kaum so schnell beruhigen. Und seltsam genug, erkennt der Koran, obwohl er die Sohnschaft Jesu strikt ablehnt, die Mutterschaft Mariens dennoch an und bereitet die jungfräuliche Geburt orthodoxen Muslimen weniger Kopfzerbrechen als aufgeklärten Christen. Dabei tun die Katholiken so gut daran, dass sie die Schöpfung mit beiden Elternteilen assoziieren – schon weil Gott alle Menschen nach Seinem Ebenbild geschaffen hat, muss er zugleich Mann und Frau sein. "Gott ist Vater und Mutter", sagte der frühverstorbene Papst Johannes Paul I. in seiner Angelus-Ansprache (und wurde deswegen der Ketzerei bezichtigt). Ibn Arabi, der als Größter Meister der Islamischen Mystik selbst mehr weibliche als männliche Lehrmeister hatte, geht so weit zu behaupten, dass die Anschauung Gottes, die sich für den Menschen notwendig in konkreten irdischen Erfahrungen vermittele – der Natur, der Liebe, des Traumgesichts und am stärksten der Sexualität –, in der Frau die vollkommenste sei. Denn in der Frau verkörperten sich beide Aspekte des Göttlichen, das Passive und das Schöpferische, Empfängnis und Gebären, patiens und agens. Hingegen der Mann werde geboren, gebäre jedoch nicht. Das bedeutet, dass Ibn Arabi Gott ausdrücklich auch das Passive zuspricht und dessen Verhältnis zum Menschen als ein wechselseitiges begreift, bei dem wir auf Ihn, aber Er ebenso auf unsre Liebe angewiesen ist. "Tadle mich nicht, wenn ich Gott Braut nenne", weiß Ibn Arabi selbst um das Provokante seiner Lehre innerhalb einer patriarchalischen Welt und deren Theologie.
Adam und Eva seien, da die Schöpfung des Mannes vorausging, nicht vollständig gewesen als Urbild der menschlichen Liebe, sagt Ibn Arabi, sondern hätten komplementär Marias und Jesu bedurft; inner- halb dieser Typologie sind Eva und Jesus wie Geschwister, deren Eltern Adam und Maria sind. Deshalb habe der Prophet als Erstes die Frau genannt, als er von den Segnungen sprach, die ihm die teuersten sind, und die Männer ganz übergangen. Oft haben die Mystiker darüber nachge- dacht, dass die höchste, im Koran mit Abstand am häufigsten genannte Eigenschaft Gottes, die Barmherzigkeit, rahma, im Arabischen die gleiche Wurzel hat wie Gebärmutter, rahim (und Gottgedenken, dhikr, das dem Menschen zugeordnet ist, hat die gleiche Wurzel wie dhakar, Penis). Wenn der Prophet sagt, dass das Paradies zu Füßen der Mütter liege, dann haben das die Mystiker nicht nur als Aufforderung verstanden, die eigene Mutter zu ehren (etwa nicht den Vater?); nein, sie haben das Wesen Gottes als des Barmherzigen immer auch weiblich gefasst.
"Was verdient am meisten Liebe und Fürsorge?", fragte ein junger Mann den Propheten. "Die Mutter", antwortete der Prophet. "Und an zweiter Stelle?" – "Die Mutter." – "Und an dritter Stelle?" Abermals sprach der Prophet, der selbst eine Vollwaise war: "Die Mutter."
Genauer als die meisten Theologen, die das Hauptgewicht auf Kreuz und Auferstehung legen, besser selbst als die feministische Theologie, die mit Maria nur noch erstaunlich wenig anzufangen vermag und lieber die Sprache zurechtbiegt (bis es kracht!), haben im Christentum die katholische Volksfrömmigkeit und die östlichen Kirchen ein Gespür dafür, dass für die Menschwerdung Gottes das weibliche Prinzip konstitutiv ist. "Strenger Richter aller Sünder, der du uns so schrecklich drohst ...", singen (sangen?) die Gläubigen in der Messe voller Inbrunst und finden in der mütterlichen Liebe Mariens Trost. Muttergottes mag streng genommen nur ein Ehrentitel sein und wird doch im Gebet, dessen Erfahrung sich nicht an die Logik hält, die Entsprechung zum Herrgott, ohne dass die Dualität ganz aufgeht. Deutlicher noch klingt die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen in der "Gottesgebärerin" an, theotokos, sosehr sich die katholische Kirche auch bemüht hat, den Titel zu rationalisieren, also dem Verstand plausibel zu machen. Eher hat die byzantinische Theologie anerkannt, dass das religiöse Erlebnis allein im Paradox auf Begriffe zu bringen ist. "Maria ist die Ursache all derer, die vor ihr waren", sprach der berühmte Mystiker der Ostkirche, Gregor Palamas, der Gottesgebärerin eine vorzeitliche Existenz zu. Es war diese östliche, orientalische und dem Ursprung nach gnostische Mariologie, die auf die Sufis wirkte: "Ich bin die Mutter meines Vaters", wie es in der sogenannten Bronté heißt, die in Nag Hammadi gefunden wurde, oder "Meine Mutter gebar ihren Vater", wie in seiner Verzückung al-Halladsch rief, der als Ketzer gekreuzigt wurde: "Wahrlich, das ist seltsam."
Die wohlgemerkt äußeren Schwingungen einer Wahrheit, die Gregor Palamas und Halladsch in der inneren Schau zuteilwurden, spüren selbst wir – denke nur, wie du im Fotoalbum der eigenen Eltern blätterst: Bist du nicht ebenfalls erstaunt oder gar wie ich jedes Mal leise erschüttert zu sehen, dass die Mutter so jung war, als sie uns zur Welt brachte, viel jünger als wir selbst, wenn sich die Frage nach der Mutter ernsthaft für uns stellt, also erst in der zweiten Hälfte des Lebens, da uns ihre Sterblichkeit von Jahr zu Jahr schmerzhafter bewusst wird und wir ihre Hinfälligkeit nicht mehr ignorieren. Sie ist jung, die Mutter, so jung wie die Muttergottes in der Rosenlaube, regelrecht ein Mädchen und selbst für Viertgeborene wie mich immer noch eine sehr anziehende Frau und muss es sein, damit sie unsere Ängste kennt und uns nicht nur Behüterin, Ernährerin, Erzieherin ist, sondern ein wenig auch Schwester, Freundin und sogar Geliebte. Denn so viel schillernder, mächtiger, durchaus bedrohlicher und umfassender ist die mütterliche Liebe als diejenige des Vaters, weshalb die Literatur an der Mutter, wenn, dann eher das Übermaß der Gefühle, indes am Vater, wenn, dann seine Ferne beklagt. In seinen "Mekkanischen Offenbarungen" berichtet Ibn Arabi, dass er, während er über die Allnatur schrieb, einschlief und im Traum seine eigene Mutter erblickte, die ihm ihre Scham und ihre Brüste enthüllte; er betrachtete sie, und sie lächelte; nach einiger Zeit wurde ihm klar, dass an der Gebärde der Mutter – oder seinem Blick? – etwas Unstatthaftes war, da verhüllte er sie mit einem weißen Mantel: "Genauso bedecke ich mit schönen Worten einen bestimmten Anblick der Natur, den auszusagen der Vernunft nicht erlaubt ist."
Die Muttergottes ist jung, die in der Rosenlaube vor einem Brokatvorhang sitzt, ihr Baby erst vor ein paar Tagen oder höchstens Monaten geboren, aber der Frieden, der in ihrem Gesicht und ihrer Körperhaltung liegt, ist nicht der eines Mädchens oder einer jungen Frau, die von dem Martyrium des Sohns bloß noch nichts weiß. Sie trägt die Krone, ist also bereits auferstanden und hat das schlimmstmögliche Unglück einer Mutter erlebt. Der Frieden, der in ihrem Gesicht und ihrer Körperhaltung liegt, ist Erlöstheit oder kleistisch gesprochen die Unschuld, für die wir erst vom Baum der Erkenntnis essen müssen. Deshalb der Garten, deshalb der goldene Grund und deshalb der Apfel, den Evas Bruder nehmen darf; die Äpfel werden ihm von den Engeln sogar gereicht.
Im Zentrum freilich, genau auf Höhe der betrachtenden Augen, ist die Mutter, die für Ibn Arabi wie ein erster Mensch und damit Gott noch ähnlicher ist. Nie wäre eine Christusdarstellung vergleichbar kostbar ausgefallen. Die Krone zum Beispiel muss man unter dem Vergrößerungsglas gesehen haben, um den Aufwand zu begreifen, den Stefan Lochner betrieben hat. Jede Perle, jeder Edelstein, jede Einkerbung im Edelmetall, jede Lücke hat hier eine eigene Gestalt und einen theologischen Gehalt: So formen die Juwelen Blütenblätter, die den echten, blutroten Rosen der Laube gleichen, und spiegelt sich im Saphir an der Kronenspitze das Fensterkreuz, das auf den Opfertod Christi als "Licht der Welt" verweist. Der extrem gute Zustand, in dem sich das Bild nach mehr als einem halben Jahrtausend befindet, verdankt sich nicht allein der handwerklich perfekten Verarbeitung oder der sorgsamen Verwahrung; die bleibende Leuchtkraft hat auch mit der außerordentlichen materiellen Qualität der Holztafel und der Pigmente zu tun, wie ich gelesen habe. Das Ultramarin, in dem das Kleid gemalt ist, gewann man aus Lapislazuli, einem Halbedelstein, der einzig in den Minen von Badachschan abgebaut wurde: in Afghanistan! Teurer war nur das Blattgold, das großflächig den Hintergrund bedeckt. Es bildet das Himmelslicht nicht bloß ab, sondern leuchtet selbst, wenn nur ein wenig Licht der Sonne oder einer Kerze auf "Die Muttergottes in der Rosenlaube" fällt.
Ähnlich ahmt die penible Ordnung der Motive den himmlischen Heilsplan nach, etwa im Zentrum des Bildes die trichterförmige Falte über dem Nabel Mariens, in deren genauer Verlängerung auch der Nabel des Kindes liegt, oder die neun Blüten an der Krone, die für die neunte, die Todesstunde Christi und zugleich die Anzahl der Planetensphären stehen, durch welche die Seele in den Himmel aufsteigt. Weiter las ich, dass Höhe und Breite der Laube exakt drei mal drei kölnische Zoll messen, womit die Dreifaltigkeit und zugleich das Himmlische Jerusalem symbolisiert seien, dessen Architektur ebenmäßig sein soll. Und so viel mehr! Jeder Punkt und jede Linie, jede Fläche und jede Farbe "nach Maß und Zahl und Gewicht geordnet", wie es das Buch der Weisheit verlangt (11,20).
Wenn der Größte Meister des Sufismus behauptet, dass die Anschauung Gottes in der Frau die vollkommenste sei, geben ihm die Bilder der Christen recht. Nie ist es gelungen, den Vater auch nur halbwegs glaubhaft zu malen. Bei Stefan Lochner kommt ebenfalls nur ein Märchenonkel heraus, der irgendwie aus dem Fenster hinabschaut. Selbst das Jesuskind ist bestenfalls so putzig wie ein molliger Engel und als Erwachsener auch nur ein Mann, dessen Schönheit allenfalls in der Gestalt des jungen Hirten theologisch interessiert. Die Mutter hingegen, obwohl sie eine Mutter ist, Behüterin, Ernährerin, Erzieherin, zieht als das Weibliche noch auf jeder Andachtspostkarte hinan. Auf dem herrlichsten Bild, das je in Köln gemalt worden ist, greift sie mit der rechten Hand nach dem Handgelenk des Sohns. Unter dem Vergrößerungsglas findet man die Geste auf der Brosche Mariens wiederholt: Ihre rechte Hand liegt auf dem rechten, erhobenen Vorderlauf des Einhorns, das mit Christus gleichgesetzt wird. Das war, so las ich, die offizielle Geste der Vermählung und stellte Sohn und Mutter zugleich als Braut und Bräutigam des Hohenliedes dar. Auch uns soll sie Schwester und Freundin und ein wenig sogar Geliebte sein. Erst später trat der Vater an mich heran und sprach beruhigend auf mich ein.
* Navid Kermani: "Ungläubiges Staunen. Über das Christentum". Verlag C. H. Beck, München; 304 Seiten; 24,95 Euro.
Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 35/2015
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