29.08.2015

Jakob Augstein Im Zweifel linksMonster

Im Mai 2008, bald nach Beginn der großen Krise, sagte Horst Köhler: "Jetzt muss jedem verantwortlich Denkenden in der Branche selbst klar geworden sein, dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss." Köhler war damals Bundespräsident, zuvor war er Chef des Weltwährungsfonds gewesen. Man sollte also meinen, sein Wort habe Gewicht. Aber das hatte es nicht. Der neuerliche Absturz der Börsen erinnert daran, dass das Monster lebt.
Wozu gibt es Aktien? Attac weiß die Antwort: "Aktien müssen in erster Linie Instrumente sein, die Mittel für die Finanzierung von Produktion und Arbeitsplätzen zur Verfügung stellen." Es wäre schön, wenn die Kapitalismuskritiker recht hätten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir erleben es gerade: Wenn in China ein Sack Reis zu viel umfällt, zittert der Boden unter unseren Füßen. Das ist das Eigenleben der Finanzmärkte, die mit der Realwirtschaft nur insoweit zu tun haben, als sie eine Bedrohung darstellen.
Die Politik hat kapituliert. Längst hätte sie den Bankern und Tradern die Massenvernichtungswaffen aus den Händen schlagen müssen. Aber im Angesicht der Finanzmärkte fühlen sich unsere Politiker ohnmächtig. Es ist wie mit den Datenkonzernen und den Geheimdiensten. Das ist alles eine Nummer zu groß, zu kompliziert, zu mächtig für die Leute, denen wir unsere Stimme geben.
Die Bühne gehört den Wahrsagern. Warum kommt von China her ein Donner? Die Schulden sind schuld, raunt das "Handelsblatt", Siegelwahrer der reinen Lehre der Austerität: "Nicht nur in China, vor allem auch in der westlichen Welt sind Schulden im Jahr acht nach Ausbruch der globalen Finanzkrise immer noch der Stoff, der Politikerträume wahr werden lässt." Nun aber stoße das kreditfinanzierte Wachstum an seine Grenzen.
Im Gegenteil, sagt Paul Krugman, Sparverächter und Kolumnist aus New York: Wir brauchen mehr Schulden. Das Geld ist billig. Der Staat soll es sich leihen und investieren. Und wenn der Republikaner Rand Paul jammert, zuletzt seien die USA im Jahr 1835 schuldenfrei gewesen, dann hat Krugman dafür nur Spott übrig: Im Ganzen sei man doch in den vergangenen 180 Jahren ziemlich gut gefahren.
Staunend sieht man die Gelehrten vor den Scherben des China-Crashs stehen wie die Ärzte bei "Asterix" am Bett des Kranken: "Man muss ihn schröpfen!" "Die Arterien brauchen Luft. Man muss ihm Luft einblasen!" "Ihr Ignoranten, ihr! Man mischt gestoßenes Elfenbein mit Schildkröten- und Taubenblut, wenn der Kranke überlebt ..."
Viel gescheiter ist es nicht, was man derzeit zu Ursachen – und Heilmitteln – des neuerlichen Infarkts im internationalen Finanzsystem hören kann. Aber wie wollen sie die Symptome verstehen, wenn sie die Krankheit leugnen? Die Krankheit ist der Kapitalismus selbst.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 36/2015
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